"Das Leben der Anderen" (DE 2006) Kritik – Mechanismen, Liebe und der Oscar

„Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie.“

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„And the Oscar goes to…Germany.“ Ein seltenes Glück, was den deutschen Film in der Vergangenheit nur dreimal eingeholt hat. Doch geht man die Oscar Geschichte etwas genauer durch, dann lässt sich feststellen, dass deutsche Darsteller eigentlich schon seit Anbeginn der Verleihung vertreten waren. Alles fing 1929 an, bei der allerersten Verleihung, bei der der deutsche Schauspieler Emil Jannings den Oscar als bester Hauptdarsteller für ‚Der Weg allen Fleisches‘ entgegennehmen durfte. Den ersten Oscar für den besten ausländischen Film bekam Deutschland bei der Verleihung 1980, als Völker Schlöndorff mit Günter Grass‘ Literaturverfilmung ‚Die Blechtrommel‘ das Rennen machte und den angesehen Goldjungen mit nach Hause nehmen durfte. Aber auch über diese zwei Bereiche hinaus, hat Deutschland schon einen Gewinner zu bieten und zwar den Komponisten Hans Zimmer, der 1995 den Oscar für seine Musik zu ‚Der König der Löwen‘ gewann und inzwischen regelmäßig auf der Liste der Nominierten steht. 2003 durfte Deutschland erneut jubeln, denn Caroline Link bekam den Preis für ihr Drama ‚Nirgendwo in Afrika‘. Und schon sind wir im Jahre 2007 angekommen und bei dem Film, um den sich hier alles drehen soll: ‚Das Leben der Anderen‘ von Florian Henckel von Donnersmarck, der in dem Jahr den goldenen Jungen voller Stolz in die Luft strecken durfte, doch wie wir inzwischen wissen, muss so ein Oscar nicht immer für Qualität stehen.

Ost-Berlin, Mitte der 80er Jahre. In der DDR herrscht die Überwachung und Kontrolle durch die Staatssicherheit. Oberstleutnant Anton Grubitz setzt den unabdingbaren Stasihauptmann Gerd Wiesler auf den Bühnenautor Georg Dreyman und seine Freundin Christa-Maria Sieland an, nicht nur um feststellen, oder Dreyman dem Überwachungsstaat wirklich so loyal ist, wie er vorgibt, sondern auch um seiner eigenen Karriere einen ordentlichen Schub nach oben zu geben. Der Einblick in diese fremde Welt lässt den harten Stasihauptmann jedoch langsam verändern und darüber nachdenken, wie er in Wirklichkeit zu dem System stehen soll…

Das Ministerium für Staatssicherheit, kurz MfS, S S D oder Stasi, sollte auch den geschichtlich uninteressierten Menschen hoffentlich ein Begriff sein. Seit den 50er Jahren war die Mfs, bezeichnet als „Schild und Schwert der Partei“ in der Ost-Zone tätig und überwachte Familien unauffällig, um Verräter, Widerständler und Systemkritiker zu stellen und aus dem Weg zu schaffen. Bis es 1990 schließlich zur langersehnten Auflösung der Mfs durch die Hauptverwaltung Aufklärung, kurz HV A, kam. Die Stasi-Zentrale wurde gestürmt, die Freude offen ausgetragen und die einschüchternde Überwachung hatte endlich sein Ende gefunden. Natürlich ist ‚Das Leben der Anderen‘ nicht der erste Film, der sich diesem Thema angenommen hat, aber er hat es anders angefasst als vorherige Regisseure, die sich auch in der DDR annahmen. Da wären die Vertreter, die sich selber nicht ganz so ernstnehmen, wie ‚Goodbye, Lenin‘, ‚Sonnenallee‘,‘ Boxhagener Platz‘ und ‚Herr Lehmann‘. Von Donnersmarck verzichtete bei seinem Film jedoch gänzlich auf jede Komik und eröffnet uns ein authentisches Bild der Stasi-Führung.

Das DDR-Feeling wurde ebenfalls wunderbar eingefangen und ist von Kameramann Hagen Bogdanski in kühle wie farblose Bilder getaucht worden, die eine visuelle Atmosphäre erzeugen und den Zuschauer in diese kontrollierte Welt hineinziehen. Auch der fantastische Score von Gabriel Yared und Stéphane Moucha trägt seinen Teil zur tollen Atmosphäre des Films bei. Mit gefühlvollen und sensiblen Klängen wird ‚Das Leben der Anderen‘ immer wieder wunderbar unterstrichen und in den richtigen Momenten können so Emotionen erzeugt werden. Auch schauspielerisch gibt es hier nichts zu bemängeln. Die beste Leistung zeigt der leider schon verstorbene Ulrich Mühe als Stasihauptmann Gerd Wiesler, der eine schwere Entwicklung durchlebt. Mühe strahlt die Gefühlskälte und Professionalität perfekt aus, um sich dann langsam selber fallen zu sehen. Aber auch die weiteren Rollen sind passend besetzt, auch wenn sie nicht die Klasse von Mühe erreichen können. Da wäre Sebastian Koch als Georg Dreyman, Martina Gedeck als Christa-Maria Sieland und auch ganz besonders Ulrich Tukur als Oberstleutnant Anton Grubitz.

Wir begeben uns in das Jahr 1984, wo der eisenharte Stasi-Hauptmann Wiesler den Auftrag bekommt, den Theaterautor Georg Dreyman zu bewachen, da der Künstler verdächtig erscheint und illoyal dem klaren System gegenüberstehn könnte, was auch an seiner unpolitischen Freundin Christa-Maria liegt, die in Dreymans Stücken die Hauptrolle spielt und vom Kulturminister Bruno Hempf immer umwandert wird, weil er sie für sich alleine haben möchte. Wiesler lässt die Wohnung des Künstlerpaares verwanzen und richtet sich sein Überwachungslager auf dem großen Dachboden des Wohnhauses ein, wo er und ein Kollege von ihm nun jedes Wort verfolgen können und alles in säuberliche Berichte vermerken. Doch Wiesler ist nicht immer der harte Kerl, der bei Verhören keine Gnade kennt und jeden Verdächtigen auseinandernehmen kann, sondern ein einsamer Mensch, der sich nach menschlicher Nähe sehnt, die aber auch für Geld nicht bekommt. Er muss sich in die Welt des Paares einleben, wird Teil von einer Beziehung, die er so nie hatte und macht sich langsam seine Gedanken darum, welchen Wert sein Beruf und die ganze Stasi wirklich haben. George und Christa-Maria geraten immer wieder aneinander und das Christa-Maria Geschlechtsverkehr mit Henf hat, kommt langsam ans Licht. Georg will die Beziehung nicht aufgeben und die Wahrheit über die Überwachung und Handlungen der Stasi in den Westen bringen, um irgendetwas zu bewegen. Ein anonymer Artikel im Spiegel soll dabei helfen. Wiesler hört das natürlich alles mit und ist hin und hergerissen, wie er nun handeln soll, denn eigentlich weiß er, dass Georg den richtigen Schritt geht, doch er selbst steht auf der falschen Seite und muss diesen Vorfall eigentlich melden. Die Lage spitzt sich auf allen Fronten zu und wird jedes Leben schwerwiegend verändern.

Florian Henckel von Donnersmarck skizziert nicht nur das Führungssystem der Stasi, bei dem jeder seine schmutzigen Finger im Spiel hat und alle Schritte einleiten würde, nur um sich selber nach oben zu bringen und die Kritiker und Gegner des MfS verschwinden zu lassen, sondern er charakterisiert auch den akribischen Stasihauptmann Wiesler, dessen Methoden berüchtigt sind und sich durch emotionslose Fehlerlosigkeit auszeichnen. In seinem Leben gibt es keine Liebe, sondern nur den kontrollierten Beruf. Seine Wohnung ist kühl und grau, Zuneigung gibt es nur von Prostituierten, die ihm aber auch keine Zeit für Nähe schenken und die Einsamkeit im Herzen des Hauptmannes zeichnet sich immer deutlicher ab. Er muss in das Leben eines Paares eintauchen, erlebt die verschiedenen Gefühle, das Auf und Ab und all das, was er nicht kennt, aber verstehen kann, ohne je selbst geliebt zu werden, oder geliebt zu haben. Zweifel wachsen immer mehr, sowohl an sich selbst und an dem, was ihn auszeichnet und Ost-Berlin bewacht. ‚Das Leben der Anderen‘ verzichtet so natürlich nicht eine Zeichnung von Gut und Böse, doch er eröffnet auch wankende Grauzonen, die sich zwischen Problemen und Naivität festsetzen und eine Entwicklung durchleben, die die eigene Problematik verdeutlicht und die Mechanismen und Zahnrädchen des Systems zerbrechen lassen. Diese Entwicklung lässt von Donnersmarck in zwei groben Szenen durchführen, die so etwas zu zügig erscheint, vor allem in Anbetracht des sonst sehr ruhigen Erzähltons. Sicher hätte man den Charakteren auch ruhig noch mehr Tiefe einschenken können, doch dann wäre die eh schon ruhige Inszenierung vollkommen aus dem Ruder gelaufen und die immer vertretene Spannung in eine schleppende Zone gedrängt worden. ‚Das Leben der Anderen‘ ist trotzdem ein starker Film, der zwar Stellung bezieht, dies aber auf ehrliche Weise mit viel Fingerspitzengefühl tut.

Fazit: Ob ‚Das Leben der Anderen‘ nun wirklich den Oscar verdient hat, lässt sich wohl eher mit einem „Nein“ beantworten, doch das heißt ja bekanntlich rein gar nichts. Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck inszenierte mit seinem Debütfilm ein spannendes und durchaus intelligentes Drama über das Ministerium für Staatssicherheit und eine Liebe mitten im Krisengebiet. Mit tollen Darstellern, ganz besonders Ulrich Mühe, dem passenden Feeling und dem starken Score wird ‚Das Leben der Anderen‘ zu einem Highlight des deutschen Films, auch wenn er seine Schwächen hat, die sicher vermeidbar gewesen wären.

Bewertung: 7/10 Sternen