"Léon – Der Profi" (USA/FR 1994) Kritik – Blut, Rache und eine einzigartige Liebe

„Du hast gesagt, keine Frauen, keine Kinder. Wen glaubst du wird das Zeug töten? Esel und Affen?“

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Luc Besson ist ein französischer Markenname. Ob als Regisseur von Filmen wie ‚Nikita‘, ‚Im Rausch der Tiefe‘ und ‚Das fünfte Element‘ oder als Produzent von Sachen wie ’96 Hours‘, ‚Ghettogangz‘, ‚Kiss oft he Dragon‘ und ‚The Transporter‘. Besson steht für Qualität, früher zwar mehr als heute, denn die Mitarbeit an Werken wie ‚Transporter 3‘ oder ‚Colombiana‘ standen nicht gerade für die große Kunst und haben seinen Ruf als „französischer Spielberg“ noch weiter gefestigt, eben weil er nicht mehr das ist, was er einmal war und sich an Streifen beteiligt, die eigentlich nicht seinem Niveau entsprechen. Wenn wir uns aber dem besten Film des französischen Multitalentes widmen wollen, dann finden wir uns in seiner Hochzeit, den 90er Jahren, wieder und treffen auf ‚Léon – Der Profi‘, bei dem Besson sein Können als Regisseur und Drehbuchautor mehr als eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte.

Keine Frauen, keine Kinder. Das ist die Devise von Profikiller Léon, der in New York City für Geld tötet. Wenn er das nicht tut, sitzt der Analphabet in seiner Wohnung, trainiert und lässt seine Melancholie schweifen. In der Wohnung nebenan fliegen jedoch die Kugeln, als der korrupte DEA-Agent Norman Stansfield auftaucht und die gesamte Familie der 12 jährigen Mathilda, die zum Zeitpunkt der Morde nicht vor Ort ist, umbringt. Sie sucht Schutz bei Léon und schwört Rache an denen, die ihrer Familie das angetan haben. Da kommt der stille Profi natürlich gerade richtig, doch die Beziehung zwischen den beiden geht noch in ganz andere Richtungen…

Profikiller und Auftragsmörder gibt es inzwischen in der Filmwelt wie Sand am Meer. Innovatives verliert sich im Strudel von Alltagsbrei und die Charaktere werden immer austauschbarer oder eben bekannter. Das perfekte Gegenteil dazu ist ‚Léon – Der Profi‘ und das liegt in erster Linie an der Charakterzeichnung und den Schauspielern, die diese Figuren brillant ausfüllen. Angefangen mit Jean Reno, der auch die Titelrolle gibt, und seine wohl bekannteste Rolle verkörpert. Als stiller, aber unglaublich herzlicher Profi, versteht er es, die gefährlichen und liebevollen Facetten seines Charakters toll auszuspielen. Genau wie Natalie Portman, die hier in erster Rolle vollkommen zu überzeugen weiß und ihre Figur Mathilda nicht nur interessant macht, sondern auch mit tiefer Emotionalität beeindruckt. Das wahre Highlight im Cast ist jedoch Gary Oldman, der den korrupten und psychopathischen DEA-Agent Stansfield mit einer abgründigen Durchtriebenheit darstellt, die man so nicht vergessen wird. Auch visuell spielt ‚Léon – Der Profi‘ in der obersten Liga, denn durch die meist blass-trüben Bilder, mit der leichten Grobkörnigkeit lassen genau die richtige Atmosphäre vom Leben der beiden unterschiedlichen Menschen entstehen. Der Score von Eric Serra und der grandiose Schnitt von Sylvie Landra tun ihr übriges und lassen keine Mängel zu.

Wie der Filmtitel schon unschwer erkennen lässt, geht es hier in erster Linie um den Auftragskiller Léon, der mit 19 Jahren in die vereinigten Staaten fliehen musste und sich seitdem als Cleaner durch die Welt schlägt und so seinen Unterhalt finanziert. Auf den ersten Blick sieht Léon jedoch nicht wie ein perfekter Mörder aus, sondern wie ein typischer Außenseiter. Mit schwarzer Sonnenbrille, langem dunkeln Mantel, Drei-Tage-Bart und Mütze ist nur einer von vielen, der in einer kleinen Wohnung im Mehrfamilienhaus lebt. Das einzige, worum es sich kümmert, ist eine grüne Gummipflanze, die er hegt und pflegt. Doch auf Auftrag wird er zur kaltblütigen Maschine, die ihre Arbeit immer gnadenlos und ohne Fehler durchführt. In diese Welt tritt die 12 jährige Raucherin Mathilda, die durch gescheiterte Drogenschäfte ihres Vaters die ganze Familie verliert, darunter Vater, Mutter, Schwester und ihren vierjähriger Bruder, der ihr als einziger wirklich am Herzen gelegen hat, die anderen Familienmitglieder wollten nicht viel von ihr wissen. Der psychopathische DEA-Agent Stansfield tötete ihre gesamte Familie wie in einem Rausch und Mathilda zieht zum unauffälligen Nachbarn Léon, der für sie nun die einzige Bezugsperson darstellt. Mathilda sinnt auf Rache und wer könnte ihr da besser behilflich sein, als ein fehlerloser Profikiller, der alle Fähigkeiten für so eine Aktion besitzt. Léon nimmt sie unter seine Fittiche und eine ganz besondere Beziehung baut sich auf, doch Stansfield lässt ebenfalls nicht locker.

Mathilda: „Ist das Leben immer so hart, oder nur wenn man Kind ist?“
Léon: „Es wird immer so sein“

Luc Besson gelingt in ‚Léon – Der Profi‘ die einmalige Charakterisierung eines einsamen Profikillers, dessen Leben vor allem aus Töten und Milch trinken besteht. Besson macht aus einem Verbrecher und eigentlichen Antagonisten einen sympathischen Menschen, der das Herz am rechten Fleck hat. In die Welt des Mordes und der Abgeschiedenheit setzt er die frühreife Mathilda, die Vergeltung für ihren kleinen Bruder will. So reif sie auch erscheinen mag, unter ihrer Schale bleibt das kleine hilflose 12 jährige Mädchen, welches in Léon eine Bezugsperson findet, die sie so vorher nie erfahren durfte, denn er ist für sie Vater, Mentor und ein anziehender, sexueller Reiz. Den Schritt der Hebephilie geht Besson aber natürlich nicht, viel mehr zaubert er eine zarte und ebenso schützende Romanze, die sich aus Blut und Rache aufbaut, aber nie den Humor verliert, ob es dabei eine herrliche John Wayne -Imitation ist, oder das Verschlucken an der geliebten Milch. ‚Léon – Der Profi‘ überzeugt durch seine gefühlvolle Inszenierung, in der eigentlichen Emotionslosigkeit, dazu die fesselnde Spannung, die die zwischenmenschlichen Bindung hervorragend unterstreicht und ‚Léon – Der Profi‘ nicht nur zu Bessons Meisterwerk macht, sondern auch zu einem klaren Ausnahmefilm.

Fazit: Vincent van Gogh sagte einst: „Mancher Mensch hat ein großes Feuer in seiner Seele, und niemand kommt, um sich daran zu wärmen.“ Dieser Satz würde auch auf Léon zutreffen, wenn er nicht seine Mathilda getroffen hätte. Luc Besson hat hier einen Film geschaffen, den man so sicher nicht nochmal zu sehen bekommt, denn hier stimmt wirklich alles. Die Schauspieler sind grandios, das Drehbuch tadellos, die Optik stimmig und auch der Score passt genau ins Bild. ‚Léon – Der Profi‘ muss man einfach gesehen und gefühlt haben.

Bewertung: 9/10 Sternen