"Les Misérables" (GB 2012) Kritik – Hugh Jackman zwischen Leidenschaft und Revolution

Autor: Pascal Reis

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„Reform is a discredited fantasy. Modern science tells us that people are by nature, law breakers or law abiders. A wolf could wear sheep’s clothing but he’s still a wolf.“

Als der französische Schriftsteller Victor Hugo 1862 seinen Roman „Die Elenden“ (Original: „Les Misérables“) im Hauteville House auf Guernsey in der romantischen Zeitepoche beendete, hätte er sich wohl nicht erträumen lassen, welch maßgebliches Werk er dort auf 1500 Seiten verfasst hat und welch beeinflussende Auswirkungen sein Buch in der Zukunft noch tragen wird. In erster Linie ist „Les Misérables“ eines der mit Abstand erfolgreichsten Broadway-Musicals in Manhatten und wird seit seiner dortigen Uraufführung im Jahre 1987 nach wie vor in aller Regelmäßigkeit vorgetragen. Genauso ist die Geschichte der Elendigen seit jeher in der Filmwelt vertreten. 1958 gab es eine Adaption mit Jean Gabin der Hauptrolle, 1982 durfte sich Lino Ventura in „Die Legion der Verdammten“ von Robert Hossein versuchen, 1995 war Jean-Paul Belmondo an der Reihe, genau wie Gérard Depardieu 1998 und Liam Neeson in Bille Augusts „Les Misérables“, der im gleichen Jahr seinen Weg in die Kinos fand. Man könnte beinahe von einer namhaften Tradition sprechen, die „Les Misérables“ und die weltweiten Lichtspielhäuser miteinander verbindet, gerade auch deshalb, weil schon die nächste Romanadaption vor der Tür steht. Dieses Mal mit Tom Hooper („The Kings Speech“) auf dem Regiestuhl.

Jean Valjean ist ein Verbrecher aus Nächstenliebe. Weil seine Familie hungerte, stahl er einen Laib Brot. Seine Strafe für diese Kleinigkeit ist jedoch von enormem Ausmaß: 19 Jahre Gefängnis und die damit verbundene Sträflingsarbeiten waren die harten Folge. Als Jean auf Bewährung von seinen extremen Strapazen erlöst wird und den Wind der Freiheit wieder in seinem Gesicht spürt, setzt er sich ein klares Ziel vor Augen: Er will sein Dasein vollkommen umkrempeln, seine Vergangenheit hinter sich lassen und ehrliches Geld verdienen. Allerdings ist der unbarmherzige und misstrauische Inspektor Javert immer in der Nähe von Jean und wartet nur darauf, dass der ehemalige Gefangene 24601 einen Fehler begeht. Es ist jedoch nicht nur Javert, der Jean genau im Blick hat, sondern auch die anderen Mitmenschen, die nur den Verbrecher und nicht den Menschen erkennen wollen. Jean hat nur eine Möglichkeit auf ein neues Leben und muss nicht nur seine Identität verändern, sondern ebenso untertauchen, doch Javert folgt. Als Jean sich dann auch noch in die bedürftige wie schwache Fantine verliebt, nimmt das emotionale wie geschichtliche Chaos seinen Lauf…

Wie eingangs erwähnt, durften sich bereits einige hochkarätige Darsteller in Hugos-Adaption auf der großen Leinwand versuchen. Auch Tom Hooper hat sich einen Cast zusammentrommeln können, der sich fast durchgehend aus Superstars aus der aller ersten Liga Hollywoods zusammensetzt. In der Hauptrolle als Jean Valjean hätten wir den australischen Frauenschwarm Hugh Jackman („Real Steel“). Sicher ist Jackman kein Charakter-Darsteller, das hat sich vor allem in Darren Aronofskys „The Fountain“ gezeigt, doch unter Hoopers Führung kann Jackman gerade seine Ausstrahlung voll ausreizen und den Zuschauer durch seine eindrucksvolle Performance in den Bann ziehen. Russell Crowe („Gladiator“) gibt Valjeans Gegenspieler Javert und kann sich genau den Charismavorteil erarbeiten, wie sein filmischer Kontrahent Jackman.

Bei den weiblichen Schauspielkollegen fällt vor allem Anne Hathaway („The Dark Knight Rises“) mit ihrer emotionalen Darstellung der Fantine auf. Hathaway nutzt ihre – im Vergleich mit den anderen Darstellern – geringe Screentime am besten. Das wahre Highlight im Cast ist jedoch Engländer Eddie Redmayne („My Week with Marilyn“), der hier sein Talent vollkommen aufzeigt und den gefühlvollsten Moment des Filmes auf seine Kosten nehmen darf. Amanda Seyfried („In Time“) bleibt weitestgehend blass und Sascha Baron Cohen („Der Dikator“) wie Helene Bonham Carter („Dark Shadows“) sollen als schräge Sidekicks für einige Lacher sorgen, stellen sich aber vielmehr als deplatzierte Rohrkrepierer heraus.

Wenn man sich als interessierter Filmnarr ein Musical zu Gemüte führt, dann stellt sich vorerst die Frage, wie der Regisseur die Gesangseinlagen eingebaut haben wird. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder er fügt den Gesang nachträglich ein und legt ihn so über die Lippenbewegungen der Schauspieler, wie Baz Luhrman es in „Moulin Rouge“ löste, oder es wird der unverstellte Weg eingeschlagen, wie wir es auch bei James Mangolds „Walk the Line“ erlebt haben, bei dem Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon ohne Umschweife ihr gesangliches Talent dargeboten haben. Oscar-Gewinner Tom Hooper macht es ähnlich wie Mangold, jedoch sicher nicht in der legeren Country-Ausführung, sondern als opulentes Spektakel, in dem es auf die großen Gesten ankommt und jeder der Darsteller genug Szenen zugesprochen bekommt, um sich die Seele aus dem Leibe zu singen. Während Eddie Redmayne vor dem Drehbeginn noch Gesangsunterricht nahm und mit Anne Hathaway in der Hinsicht den Höhepunkt des Casts darstellt, merkt man Russell Crowe und Hugh Jackman die leichten Defizite durchaus an, die sie jedoch durch ihr schauspielerisches Können problemlos kompensieren.

„Les Misérables“ wurde im 19. Jahrhundert von einem präzisen Beobachter und Gegenwartsanalysten verfasst. Man konnte sein Werk durch verschiedene Blickwinkel deuten, ob als Gesellschaftskritik mit jeder Menge zwischenmenschlichem Subtext oder als epische Liebesgeschichte, die die Zeit nach der französischen Revolution festhielt, aber gleichzeitig auf einen neuen Wiederstand hinarbeitete. „Les Misérables“ ist eine Parabel über die Freiheit und über die Selbstfindung, über Bestimmung, Aufopferung und ewige Leidenschaft. Regisseur Tom Hooper fängt diese Grundsteine des Weltromans auch, gerade in den ersten 70 Minuten, äußerst überzeugend ein. Close-Ups bestimmten das Geschehen, die Handkamera klebt an den Gesichtern der Elendigen und als Zuschauer wird man zwar mit der mimischen Präzision der Charaktere beglückt, blickt doch wehmütig an den Rand des Geschehens, nämlich die Kulissen. Wenn Danny Cohen mit seiner Kamera in die Breite gehen darf, bekommen wir eine beeindruckende Ausstattung zu Gesicht, die das vergangene Frankreich berauschend aufleben lässt. Dabei hat die Geschichte auch keinerlei Dialoge nötig, die hier ohnehin nur zwischenzeitig Platz finden und vom Gesang übermächtig verdrängt werden.

Das Problem an „Les Misérables“ ist letzten Endes die zuweilen ruckartige Inszenierung Hoopers. Viele Handlungsabschnitte, die sich auf tiefe, unermüdliche Emotionen stützen, geschehen hier quasi aus dem Nichts und die Nachvollziehbarkeit dieser Augenblicke ist kaum greifbar, sondern verdeutlichen sich als affektives Verhalten, dass ein bestimmtes Ziel vor Augen hat und dieses in möglichst wenigen Minuten erreichen soll. Die Dramaturgie leidet darunter, was nun nicht heißen soll, dass „Les Misérables“ keinen Zugang zum Zuschauer findet, gewiss nicht, viele Gesangseinlagen sind herzzerreißend und äußerst energisch. Doch die erzählerischen Durchhänger werfen der riesigen Bandbreite an lodernder Emotionalität immer wieder einen Stock zwischen die Beine, der die enorme Tragweite der expressiven (Charakter-)Wucht und der drakonischen Situation nicht auf die eruptive Krönung zusteuern lässt. „Les Misérables“ ist fraglos ein guter Film, gerade wegen seiner überzeugenden Schauspieler und ihrer gesanglichen Begabung, doch zu einem Meisterwerk hat es dieses Mal nicht gereicht.