"Liebe" (FR 2012) Kritik – Wenn das Altern zum Horror wird

Autor: Philippe Paturel

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Sicherlich gibt es einige klare Definitionen des Begriffs „Liebe“. Wenn man jedoch mehrere Personen fragen würde, was speziell für sie „Liebe“ bedeutet, so würde man mit Sicherheit verschiedenste Antworten zu hören bekommen. Für den einen ist die Liebe das sich ergebende Gefühl aus der Identifikation mit einem anderen Menschen, gegenseitige Anerkennung und wechselseitiges Verständnis. Für andere bedeutet es, sich bei der besseren Hälfte geborgen zu fühlen, egal wann und wo. Haneke hat nun eine Einsicht auf die „Liebe“ geöffnet, über die sich bisher wohl die wenigsten von uns Gedanken gemacht haben. 70 Jahre hat der österreichische Regisseur bereits auf dem Buckel. Und das vermittelt er überdeutlich. Persönlicher hätte seine neueste Arbeit kaum ausfallen können, denn darin setzt er sich nicht nur mit der Angst vorm Altern auseinander, sondern auch damit, was es bedeutet, sich für die Liebe des Lebens jeden Tag in die Höhle des Todes zu begeben.

Im Grunde genommen betritt Haneke mit „Liebe“ kein Neuland. Die Geschichte um ein altes Ehepaar – die Frau todkrank; der Mann, der sich um sie kümmert – ist nicht neu. Erst letztes Jahr hat der Isländer Rúnar Rúnarsson seinen thematisch ähnlich gelagerten Film „Volcano“ (Original: Eldfjall) in Cannes vorgestellt. Dass Haneke keine neue Geschichte erzählt, ist jedoch weniger das Problem, sondern vielmehr, dass er dem Zuschauer kaum Raum zur Selbstreflexion bietet. Bis zum Ende erzählt er von den Hürden und den Tücken, die der Tod mit sich bringt, serviert wird einem allerdings alles auf dem Silbertablett. Grund genug, um „Liebe“ große Abstriche zu machen, ist das allerdings nicht, da Haneke mal wieder alles auf aufwühlt, was es zum aufwühlen gibt. Die Gefühlswelt des Zuschauers inklusive.

14 Jahre lang war er von der Bildfläche verschwunden: Jean-Louis Trintignant. Enfant terrible des französischen Kinos der 60er und 70er Jahre. Eine Schauspiellegende geworden dank Meisterwerken wie „Leichen pflastern seinen Weg, „Z“ und „Ein Mann und eine Frau“. In „Liebe“ spielt er Georges, der seine Frau über alles liebt. Er möchte sie daher selbst pflegen, so dass sie in den eigenen vier Wänden sterben kann, denn das war ihr letzter großer Wunsch. Diese Rolle hat Haneke speziell für Trintignant geschrieben, und das merkt man zu jeder Sekunde. Er ist Georges, er hat bereits mit dem Tod Erfahrung gemacht – denn Trintignants richtige Töchter sind bereits beide verstorben. Hat man diese persönliche Erfahrung mit dem Tod im Hinterkopf, fällt es einem als Zuschauer teilweise noch schwerer, manche Szenen zu verkraften. Das klingt jetzt alles pessimistisch, und das ist es auch. „Liebe“ ist der vielleicht pessimistischste Filme des Jahres, aber auch einer der Ehrlichsten, der auch immer wieder Hoffnungsschimmer und schöne Momente bereit hält und von Herzen kommt. Der Film wirkt wie die Aufzeichnung einer Lebenserfahrung, nur dass Haneke immer wieder surrealistische Elemente einstreut, um mit dem Zuschauer zu spielen. Hier möchte ich ganz besonders auf das Ende verweisen.

Auch Emmanuelle Riva als Georges Ehefrau, die nach ihrem Schlaganfall die komplette rechte Körperhälfte abwärts gelähmt ist, zeigt eine beeindruckende Leistung. Zusammen bieten sie, Trintignant und Filmtochter Isabelle Huppert ganz großes Schauspiel- und Gefühlskino. Da fällt die fast schon perfekte Inszenierung von Haneke und Co schon gar nicht mehr auf. Man sitzt zwei Stunden gebannt vor der Leinwand und möchte jede kleinste Regung einer Falte wahrnehmen. Und so lauscht man diesen Menschen, die so lebensnah und unverfälscht daherkommen, wie man es nur selten im Kino erlebt. Und wenn Haneke dann doch mal die Inszenierung über das Schauspiel dominieren lässt, schafft er noch erdrückendere Szenen wie beispielweise einen Albtraum, der sich auf Ewig ins Gedächtnis brennt.

Hat einem die bahnbrechende Serie „Six Feet Under“ (2001-2005) noch die Angst vor dem Altern und dem Tod genommen, so wirkt „Liebe“ vielmehr als Angstmacher, da manche Szenen sogar die Intensität eines Horrorfilms erlangen, eben auf einer bisher eher unerforschten Ebene, der des Gefühls. Und doch ist Haneke am Ende vielmehr eine Liebeserklärung an das menschlichste aller Bedürfnisse gelungen, welche ein absolut überraschendes Finale bereit hält, das anfangs nicht wirklich zum restlichen Geschehen zu passen scheint.

Fazit: „Liebe“ ist ein Paradebeispiel dafür, wie man aus einer gewöhnlichen Geschichte das Maximum herausholen kann, durch eine ganz große persönliche Note und Ideen, die einem die Kinnlade runterfallen lassen. Daher wäre es echt schade um die fabelhafte Leistung des gesamten Teams, wenn das Drama bei der kommenden Oscar-Verleihung keine Beachtung finden würde. Hoffen wir also, dass Hanekes neuester Streich der Academy nicht zu französisch, sondern noch österreichisch genug ist, um für den goldenen Jungen ins Rennen zu gehen, denn für Frankreich hat sich ja bereits das gefeierte Feel-Good-Movie „Ziemlich beste Freunde“ an der Startlinie bereit gemacht.

Noch begeisteter von „Liebe“ war unser Autor Conrad-Mildner:

Eine gewisse Formelhaftigkeit kann man Hanekes Filmen nie absprechen, doch ist ihre Form nie reiner Selbstzweck und auch in seinem neuen Film „Liebe“ zeigt sich mal wieder, dass der österreichische Star-Regisseur mit seinem Rezept immer noch am besten kochen kann. Die größtmögliche Fokussierung auf Situationen und das stetige Verweilen der Kamera in Totalen ermöglichen es dem Publikum einen eigenen Blick zu finden. Die Aufmerksamkeit lenkt Haneke zwar gezielt durch die Tonebene, dennoch überlässt er seinen Zuschauer_innen immer einen Rest Eigenverantwortung. So funktioniert aktives Sehen und bei allem Realismus den Haneke bemüht, bleibt seine Inszenierung seltsam doppelbödig. Auch hier können wir, wie in seinem Kino üblich, den Bildern nicht ganz trauen, aber wir können dafür den Gefühlswelten seiner Figuren vertrauen, zu denen in „Liebe“, und wie in keinem Haneke-Film zuvor, die Tore nun weit offen stehen, dank einer hervorragenden Besetzung und einem Erzählgestus, der niemanden mehr belehren will.