Lieblingsregisseure N°5: Nicolas Roeg

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Kino ist mehr als die Summe seiner Teile und niemand hat das Kino so oft in Fragmente zerlegt und wieder zusammengesetzt wie Nicolas Roeg. Der britische Filmemacher gilt als einer der stillen Revolutionäre. Die Bekanntheit seines Namens schwindet, seine Handschrift schreibt sich immer weiter fort.

Es gab wenige Filme, die mich so gepackt und inspiriert haben, wie Roegs Klassiker „Don’t Look Now“. Nachdem ich ihn das erste mal gesehen habe, wollte er mir einfach nicht aus dem Kopf gehen. Da war die wundervolle Julie Christie und diese unbehagliche Atmosphäre. Die erstaunliche Visualität des Films infiltriert meinen Geist noch heute.

Angefangen hat Nicolas Roeg ganz unten als Klappenschläger und Laufbursche, bevor er sich in Richtung Kamera bewegte und jahrelang als Kameraassistent arbeitete bis er selbst Kameramann wurde und für so bedeutende Regisseure wie Francois Truffaut, Fred Zinnemann und Richard Lester fotografierte.

Bevor Roeg zum Regie-Fach wechselte, arbeitete er bereits zehn Jahre als erfolgreicher Kameramann, was sein Gespür für Bilder erklärt. Ohnehin sind seine Filme von einer exzentrischen Bildsprache geprägt, die gerne das kleine Kamera-1-mal-1 missachtet. Da gibt es dann Achsensprünge, fehlende Licht-Continuity, starker Brennweiten-Wechsel innerhalb einer Szene, Zooms, viele Zooms, Handkamera und eine Vorliebe für unendlich viele Einstellungen.

Visuell haben seine Filme einen hohen Wiedererkennungswert, was es vor allem erleichtert die große Menge an Epigonen auszumachen, denn obwohl Roeg heute nur noch wenige kennen, sieht man ihn andauernd auf der Leinwand, zuletzt bediente sich Aronofsky für „Black Swan“ der Roeg’schen Kamera, ebenso Danny Boyle, der Roeg als seinen Lieblingsregisseur bezeichnet. Den Vogel schoss allerdings Steven Soderbergh ab, der in „Out of Sight“ die Sex-Szene aus „Don’t Look Now“ fast 1:1 imitierte.

Filmgeschichtlich relevant bleibt Roeg aber bis zuletzt, wegen seines Einsatzes des auktorialen Schnitts, was sich schlecht mit seiner Kameraherkunft erklären lässt. Bereits sein Regie-Debüt „Performance“, dass er zusammen mit Donald Cammell inszenierte, versucht mit allen Wahrnehmungsebenen zu brechen und montiert überwiegend assoziativ als narrativ. Die Musicalnummer im Film nimmt bereits die MTV-Montage vorweg und kann als stilbildend angesehen werden. Fraglich bleibt dennoch, inwieweit der Schnitt eine Idee Roegs war und was der Anteil Cammells daran war. Später jedenfalls nannte man diese Technik „Nicolas Roeg“ und während Cammells Karriere im Sande verlief und er später sogar Selbstmord beging, kam Roeg spätestens mit „Don’t Look Now“ zu Weltruhm.

Auf „Performance“ folgte seine erste eigenständige Regiearbeit „Walkabout“, eine Parabel auf die Unvereinbarkeit von Zivilisation und Natur. Es war zugleich der letzte Spielfilm bei dem er noch selbst die Kamera führte. „Walkabout“ ist ein schweigsamer Film. Zwei Kinder werden von ihrem Vater im Outback zurückgelassen und treffen auf einen Aborigine, der sich auf seinem Walkabout befindet. Immer wieder durchschneidet Roeg hier die narrativen Mauern um die Gefühlswelten seiner Figuren oder Gleichnisse zwischen den Welten offenzulegen, ein magischer Film.

„Don’t Look Now“ bescherte Roeg dann endgültig den Durchbruch. Daphne du Mauriers Kurzgeschichte wurde in seinen Händen zu einem scharfkantigen Alptraum, der sich direkt in das Bewusstsein des Zuschauers schneidet. Die symbolgeschwängerte Inszenierung übernahm er dann auch für spätere Filme, ebenso den Kameramann Anthony Richmond, der für „Don’t Look Now“ mit dem BAFTA ausgezeichnet wurde. Meiner Meinung nach ist dieser Film auch am besten geeignet um in Roegs Werk einzusteigen, eine klare Empfehlung.

Danach folgte „The Man Who Fell To Earth“, ein Epos, eine Utopie und eine Gesellschaftssatire. David Bowie wird darin zum zweiten Platten-Star, den Roeg als Leading Actor besetzt. Ein Film voller Roegismen, vom freizügen Sex bis zum noch freizügigeren Schnitt, ein wahrer Trip-Film. Die Kritik war gespalten, ebenso das Publikum, doch im Laufe der Zeit wurde der Film Kult und ist heute eines der wenigen Zeugnisse dafür, dass Mainstreamfilme mal wirklich progressiv sein konnten.

Mit „Bad Timing: A Sensual Obsession“ folgte das „britische Vertigo“, wie ein Kritiker schrieb, was die Qualität des Films angeht, liegt er definitiv richtig. Art Garfunkel gibt hier den letzten Hauptdarsteller mit Musik-Karriere, der sich in eine katastrophale Amour Fou mit Roegs damaliger Muse Theresa Russell verstrickt. Der Film ist der Roeg-Film unter den Roeg-Filmen, meiner Meinung nach, sein persönlichstes Werk, dass seine „camera stilo“ wie ein Konzentrat auf die Netzhaut träufelt, mein zweitliebster Film von ihm. Doch, „Bad Timing“ wurde ein Skandal und lief schlecht an den Kinokassen. Die Kritik schlug mehr ins Negative und sogar der Verleiher des Films urteilte „a sick film made by sick people for sick people“.

Es kommt schon fast einem Wunder gleich, dass Hollywood Roeg mit der Verfilmung von „Who Killed Sir Harry Oakes?“ beauftragte. Der Film mit dem mehrdeutigen Titel „Eureka“ war eine Prestige-Produktion mit Gene Hackman, Theresa Russell, Rutger Hauer, Mickey Rourke und Joe Pesci. Der schon fast konventionell geratene Film hat eine grandiose Atmosphäre zu bieten und gehört zu den schauspielerischen Achttausender-Gipfeln der Filmgeschichte. P.T. Anderson hat diesen Film bestimmt nicht nur einmal gesehen. Trotzdem war das Studio schockiert und sperrte „Eureka“ vorerst in den Giftschrank, bevor er erschien und dann auch sehr schlecht lief.

Das schmälerte Roegs Karriere enorm und es folgten vorerst kommerziellere Produktionen wie „Insignificance“, „Castaway“ oder „Track 29“. Selbst die Kinderbuchverfilmung „The Witches“ konnte ihn 1990 nicht retten. Der Film kam zwar gut bei der Kritik an, scheiterte aber an den Kassen. Roegs Filme kamen immer weniger bei Publikum und Kritik an, was ihn spätestens in den 90ern dazu nötigte immer mehr fürs Fernsehen zu drehen u.a. für den TV-Film „Hearts of Darkness“ mit John Malkovich. Trotzdem gelang es Roeg noch mit „Cold Heaven“ und „Two Deaths“ zwei Kinofilme fertig zu stellen, deren Produktionsausmaße allerdings weit von seinen frühren Filmen entfernt waren. Nach „Two Deaths“ dauerte es zwölf Jahre bis Roeg seinen bisher letzten Film „Puffball“ auf die Beine gestellt bekam.

Zurzeit ist Nicolas Roeg an keiner neuen Filmproduktion beteiligt. Seit 2008 arbeitete er eigentlich an einem Thriller mit Sigourney Weaver, doch das Projekt wurde letztes Jahr aus der IMDB entfernt. Nun ja, es ist schwierig nicht schwermütig zu werden. Roeg ist heute 82 Jahre alt. Bleibt „Puffball“ sein letzter Film?

Zu zwei Filmen in der folgenden FIlmografie gibt es bereits Kritiken auf dieser Seite. Es sind auch meine persönlichen Lieblingsfilme von Roeg.

Filmographie (Kino):
1970 Performance (Co-Regie)
1971 Walkabout
1972 Glastonbury Fayre (Co-Regie)
1973 Don’t Look Now
1976 The Man Who Fell To Earth
1980 Bad Timing: A Sensual Obsession
1983 Eureka
1985 Insignificance
1987 Castaway
1987 Aria –(Episode: Un Ballo In Maschera)
1988 Track 29
1990 The Witches
1991 Cold Heaven
1995 Two Deaths
2007 Puffball

Das folgende Video stellt eine wunderschöne Montage von Motiven aus Nicolas Roegs Werk dar: