Lieblingsregisseure N°6 "David Cronenberg" – Humanist, Analytiker und Schmierfink

Autor: Pascal Reis

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Während Listen jeder Couleur einen Eindruck der Ordnung suggerieren, ist die Kategorisierung zwischen Gut und Schlecht auch nur ein Resultat des Verlangens nach autarker Kontrolle und Direktion. Geht es dabei aber um persönliche Bereiche, ist es nicht nur das Bedürfnis die alleinige Oberhand zu gewinnen und etwas zu bestimmen, sondern auch ein Ausdruck der tiefen, unverfälschten, rein subjektiven Gefühlsebene. Genau so intim und bedeutungsvoll ist es da auch, seine favorisierten Lieblingskünstler chronologisch in Reih und Glied zu klassifizieren, auch wenn es manchmal so scheint, dass man gar nicht genau verstehen und innerhalb dieses selektierten Kreises differenzieren kann, warum sich Person XY so unumstößlich in das eigene Herz geschlichen hat, während es sich bei anderen Lieblingen ganz gegenteilig verhält und sich die befürwortenden Argumenten quasi auf der ausgebreiteten Hand tummeln.

Warum also gelingt es einem exzentrischen wie nonkonformen Allrounder wie David Cronenberg seinen Platz in der Bestenlisten vieler Filmliebhaber und Cineasten rund um den Globus fortwährend zu zementieren? Die Antwort wird von einer singulärer Eindeutigkeit eskortiert: Es sind nicht die technischen respektive audiovisuellen Aspekte seiner Inszenierung; nicht die handgemachten Schmodder-Effekte seiner Body-Horror-Exzesse, wie man sie sich heute wieder sehnlichst zurück auf der Leinwand wünscht, oder seine hervorragende, beinahe tadellose Schauspieler- wie Musikwahl. Cronenberg füttert mit seinen Filmen hingegen die menschliche Seele, in dem er sich als analytischer Humanist zu verstehen gibt und jeder (A-)Normalität vollkommen urteilsfrei und ohne didaktischen Zeigefinger entgegentritt. Und auch wenn es anhand seiner expliziten (physischen) Brutalität und der recht platt und reißerisch wirkenden Synopsen gerne anders anmuten möchte, ist Cronenberg ein so greifbarer Filmemacher, bei dem es selbst im gesellschaftlichen Zwielicht, den somatischen Deformationen und psychischen Implosionen immer um den Menschen und seine ambigen Entwicklungsprozesse geht.

Cronenberg überlasst dem Zuschauer die Chance, sich eine Meinung über Figuren und ihre Handlungen zu bilden, während er seinen Charakteren auch im tiefsten Sumpf des medialen Massenwahnsinns eine Wahl offeriert und sie nicht nur mit ihrem wahren Ich konfrontiert, sondern auch eine mögliche Erlösung, eine Katharsis in der Schwärze der Ausweglosigkeit, gewährleistet. Das klingt pathetisch und fern von jedem (Kultur-)Pessimismus/Realismus, ist im Falle Cronenbergs aber auch immer als letzte Konsequenz zu verstehen, analog zur bitteren Wirklichkeit unseres Seins. Und das ist ein wichtiger Punkt, der andere Künstler seines Fachs vom Format eines David Cronenbergs unterscheidet: Jedwede Moralisierung geschieht – im früheren Schaffen Cronenbergs natürlich viel markanter ausgebauter – hinter der Mattscheibe und erzielt dadurch einen ganz eigenen, gerne auch entlarvenden Effekt. Cronenberg versucht zu erkennen, zu demaskieren und zu verdeutlichen, anstatt nur angewidert wegzuschauen.

Dieser sympathische Kanadier schafft es eben mit sinnstiftender Bravour, Tiefgehendes, Elementares, Verstörendes, Berührendes und Bereicherndes als längenbefreites Hochspannungskino zu vermarkten, und dabei auf simple Taschenspielertricks und die stumpfe Effekthascherei zu verzichten, die letzten Endes nur das künstlerische Verständnis verleugnen und beschmutzen würden. Da sei ihm auch ein eklatanter Ausrutscher wie „Eine dunkle Begierde“ gerne verziehen, denn wer sich für Werke wie „Videodrome“, „Die Fliege“ und ganz besonders „Crash“ verantwortlich zeigen darf und sich jedem plakativen Selbstzweck nach wie vor entzogen hat, den kann ein kleiner Schmutzfleck auf der ansonsten so makellos glänzenden Weste wohl kaum erschüttern.