"Lincoln" (USA/IN 2012) Kritik – Daniel Day-Lewis wächst erneut über sich hinaus

Autor: Pascal Reis

„I could write shorter sermons but when I get started I’m too lazy to stop.“

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Wenn sich Steven Spielberg einer historisch relevanten Thematik annimmt, dann gibt es zumeist das unverkennbare Problem, dass sich Regisseur Spielberg weniger um die Historie kümmert, als um das unterhaltsame Inszenieren der umrandeten Geschichte selbst. Als lehrreich oder gar zum Zweck der Aufklärung sollte man sich Werke wie „Schindlers Liste“, „Der Soldat James Ryan“ oder gar „Gefährten“ keinesfalls ansehen. Viel zu manipulativ, patriotisch und gerne auch verlogen geht Spielberg in diesen Filmen vor, nur um den Zuschauer gefesselt vor den Bildschirmen zu halten, um überstiIisiertes Identitfikationsmaterial zu ermöglichen, ohne dabei auf eine ambivalente und durchgehend ehrliche Zeichnung von Geschehnissen und Charakteren einzugehen. Das soll nun an dieser Stelle nicht bedeuten, dass Spielberg in diesem historischen Kontext keinerlei Wahrheit spricht, mit Sicherheit nicht, doch wer sich wirklich ernstzunehmenden Stoff über die Vergangenheit annehmen will, der ist bei Spielberg an der falschen Adresse, eine nüchterne und unverblümte Distanz zwischen Regisseur und Tatsachen gibt es kaum. Als der im Herzen Kind gebliebene Regietitan dann ankündigte, er würde einen Film über die letzten Monate des Abraham Lincoln drehen, stand die Gefahr auf ein ausuferndes und glorifizierendes Porträt recht hoch, doch es kann Entwarnung gegeben werden, da Spielberg mit „Lincoln“ beweist, dass ihm die nationale Zeitgeschichte deutlich besser liegt als die internationale Aufarbeitung.

Als Anführer der Nordstaatenarmee im Kampf gegen die Südstaaten, der sogenannte Sezessionskrieg, im Jahre 1861 bis 1865, schrieb Abraham Lincoln Geschichte. Dafür, dass der charismatische Republikaner sich standhaft gegen die Abschaffung der Sklaverei in Amerika einsetzte und auch etwas bewegen konnte, wurde der 16. Präsident der Vereinigten Staaten zu einer Legende. Steven Spielberg handelt in „Lincoln“ die letzten vier Monate im Leben des angesehen Präsidenten ab, bis es zu dem bis heute ungeklärten Attentat im Theater kam. Abraham Lincoln hat sich dafür eingesetzt, dass aus Amerika endlich wieder ein einheitliches Land geformt wird, dass die Auseinandersetzungen barbarischer Natur zwischen Nord und Süd endgültig hinter sich gelassen werden und der Krieg sein mehr als erforderliches Ende findet. Lincoln hat dabei nicht nur seine eigene Macht und Autorität in die Waagschale gelegt, sondern sich auch mit den Politikern angelegt, die sich in seinem eigenen Kabinett befanden. Mit Tapferkeit und Zielstrebigkeit ging der Präsident für sein Land einen steinigen Weg, auch wenn seine Mittel nicht immer ohne bedenkliche Schritte auskamen.

Wenn einem bestimmten Präsidenten der Vereinigten Staaten in der letzten Zeit die großen Leinwände gehörten, dann war es ohne Wenn und Aber Abraham Lincoln. Erst letzten Oktober fand Timur Bekmambetovs Mash-Up-Verfilmung „Abraham Lincoln: Vampirjäger“ den Weg in die deutschen Lichtspielhäuser. Den Anspruch, eine ernstzunehmende Geschichtsstunde von Bekmambetov serviert zu bekommen, hatten natürlich weder Zuschauer noch der Regisseur selbst, und doch entpuppte sich der heißerwartete Hybrid aus Fiktion und geschichtlichen Tatsachen nicht als die actiongeladene Schlachtplatte mit Mut, Biss und Humor, die man vermutet hatte, sondern als schnöder Konventionenrammler ohne Mumm, der einzig auf visueller Ebene wirkliche Treffer landen konnte. Dass sich Spielberg einem solchen, jedenfalls auf dem Papier, amüsanten Unfug nicht stellt, war von vornherein klar, doch auch seine „Lincoln“-Variante verkommt zu keiner Zeit zu einer trockenen Lehrstunde mit historischer Kompassnadel und kann sich bis zu dem Höhepunkt des Films, einer Abstimmung im Repräsentantenhaus, auf dem gleichen packenden Level bewegen.

Wer als Zuschauer also wirklich kein Interesse gegenüber dem Leben Lincolns, den letzten Stationen des Umschwungs und an seinem Charakter selbst hegt, der kann sich letzten Endes darüber freuen, dass Spielberg hier immer noch auf ein für ihn maßgebliches Inszenierungselement setzt: Den Unterhaltungswert. Das soll an dieser Stelle nun nicht falsch verstanden werden, denn „Lincoln“ ist keinesfalls eine humoristische Erzählung im Stil einer Polit-Komödie oder etwas dergleichen. Spielberg führt uns in die letzten Monate der Legende Lincoln mit inszenatorischer Reife und psychologischer Tiefe, die jedoch nur bei der Hauptfigur, die sich im brenzligen Augenblick auch scheinreich selbst belügt, um die Mehrheit zu gewinnen, wirklich zum Tragen kommt und die Nebenfiguren gleichzeitig im mächtigen Schatten Lincolns/Day-Lewis‘ verblassen lässt. Lincoln war einschneidend verantwortlich dafür, dass sich die USA genau zu der Weltmacht entwickeln konnte, die sie heute darstellt. Zum einen, weil er die Sklaverei abschaffen konnte, das zentrale Thema von Spielbergs „Lincoln“, und zum anderen weil er Amerika, ein zerrissenes Land mit tiefen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Narben, zu einem neoterischen, verbündeten wie immanenten Industrieland machte. Spielberg zollt Lincoln größten Respekt und Anerkennung und kann sich der pathetischen Glorifizierung gerade zu Anfang und zum Ende nicht ganz entziehen, doch punktet er mit der Tatsache, dass seine Inszenierung nie mit dem gähnenden Nullpunkt kollidiert, sondern mit Witz und steigender Spannung immer weiter empor steigt.

Dafür, dass „Lincoln“ sich diesen positiven Aspekt gutschreiben lassen kann, nämlich nie langweilig oder ermüdend zu erscheinen, sorgt in erster Linie das hervorragende Ensemble. Mit Daniel Day-Lewis hat man eine Abraham Lincoln-Besetzung gefunden, die besser nicht sein könnte. Der gestandene und selten übertrumpfbare Charakter-Darsteller glänzt genau mit dieser brillanten Wandlungsfähigkeit, die ihn schon immer ausgezeichnet hat. Die hohe Stimmlage, seine punktuelle Mimik und das beeindruckende Gestikulieren lassen Day-Lewis mal wieder nicht wie einen Schauspieler erscheinen, der nur so tut als wäre er Abraham Lincoln, sondern zu einem Method Actor, der seine Figur versteht, sich mit ihr verbinden kann und eins mit seinem Charakter wird. Gegen diese bebende Präsenz haben die gestandenen Nebendarsteller keine Chance und Mimen wie Tommy Lee Jones, Sally Field, Joseph Gordon-Levitt, David Strathairn, James Spader und Hal Holbrook ziehen in allen Belangen den Kürzeren, auch wenn alle ihre Leistungen, vor allem die von Tommy Lee Jones als Thaddeus Stevens, wirklich durchgehend überzeugend sind.

„Lincoln“ ist genau genommen ein Gegenentwurf zu dem, was wir von Spielbergs Ausflügen in die internationale Zeitgeschichte gewohnt sind. Wo der Regisseur seine Werke immer wieder in den Mantel der Gefühlsduselei oder sträflicher Manipulation einhüllte, wahrt er in „Lincoln“ eine beachtliche, aber ebenso bedeutungsvolle Distanz zu Figur und Thema. Spielbergs Abraham Lincoln ist ein zweifelnder Kämpfer, immer planend, sich selbst umgehend, immer nachdenklich. Ein Mann, der zuweilen mit bedenklichen Mitteln das richtige Ziel erreichen wollte. Dabei zeigt Spielberg genau das, was sich auch in der heutigen Politik abspielt: Die Politik ist eben nicht nur ein brennendes Scharmützel der kontrahierenden Parteien bezüglich Ansichten und Antrieben, sondern auch ein harter Ringkampf mit sich und den persönlichen Interessen. Die familiäre Note wird nicht vergessen und so werden Lincolns schwierige Beziehungen zu seinem Sohn Robert und zu seiner Frau Mary in einigen intensiven Dialogszenen ins Licht gerückt. Bei all der gestandenen Auseinandersetzung mit der amerikanischen Thematik, bei der Spielberg nicht faselt, sondern seinen Blick konsequent auf die wesentlichen Dinge richtet, auch wenn ein gewisser Grat an historischer Inkorrektheit und Pathos nicht abstreitbar sind, fehlt „Lincoln“ eine elementare Sache: Die Emotionalität. So detailliert das 19. Jahrhundert hier wiederbelebt wurde, so atmosphärisch der Einklang aus Musik, Ausstattung und Schnitt in den Kammerspielen auch ist, es fehlen letzten Endes die echten Gefühle. Die menschliche Ebene, die nicht nur schildert, sondern auch berührt. Das Fundament, das einen sehr guten Film schlussendlich auch zu einem Meisterwerk macht.

Fazit: Mit „Lincoln“ ist Steven Spielberg ein äußerst starker und wirklich reifer Film über Präsident Abraham Lincoln gelungen. Visuell gab es bekanntlich noch nie Defizite bei Spielberg und auch hier stimmt das gesamte Drumherum. John Williams Score ist fantastisch, die Kameraarbeit von Janusz Kaminski exzellent, das intelligente Drehbuch von Tony Kushner ebenfalls und natürlich überzeugt auch die tolle Besetzung, bei der allen voran Daniel Day-Lewis wieder mit einer beeindruckenden Performance glänzt. „Lincoln“ wäre genau der Geschichtsfilm, den man sich im Schulunterricht immer gewünscht hat: Nicht trocken, nicht langweilig, immer interessant gestaltet und mit passendem Humor bestückt. Allerdings bleibt „Lincoln“ immer auf Distanz mit dem Zuschauer und die emotionale Ebene dabei unberührt, was zwar einen nüchternen Blick in die letzten Tage des Präsidenten gewährt und den intensiven Szenen noch mehr Wucht verleiht, den Film aber auch vom Rang eines Meisterwerkes fern hält.