"Little Children" (USA 2006) Kritik – Todd Field zerstört die Vorstadtidylle

„Bitte sei ein braver Junge.“

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Todd Field machte 2001 mit seinem Debütfilm ‚In the Bedroom‘ direkt auf sich Aufmerksam und kämpfte um verschiedenste Filmpreise, darunter auch der Oscar, mit. Ein Indieregisseur, von dem man, das war nach seinem Erstling klar, in der Zukunft noch so manchen meisterhaften Streich erwarten durfte. 2006 kehrte Fields zurück in die Kinos, im Gepäck hatte er den Film ‚Little Children‘. Wie immer ist es für einen eher unbekannten Regisseur mit „schwieriger“ Themenauswahl nicht leicht beim Publikum richtig anzukommen und wenn er sich dann auch noch einem Thema annimmt, in dem er die amerikanische Vorstadtidylle auseinandernimmt, wachsen die Probleme mit dem Erfolg natürlich auch nochmal. Bedauerlicherweise. Wie Sam Mendes 1999 in ‚American Beauty‘ schon das eigentlich so standhaft erscheine System einbrechen ließ, machte Fields mit ‚Little Children‘ noch weniger Gefangene und geht seinen Weg gnadenlos bis zum Ende. Das Ergebnis ist schlichtweg beeindruckend und Field inszenierte das nächste Meisterwerk in seiner noch so jungen Karriere.

Sarah ist in ihrer Ehe unglücklich und beginnt eine heiße Affäre mit dem attraktiven Brad, der schon vorher auf den gemeinsamen Spielplatzbesuchen mit seinem Kind einige Blicke ernten und für reichlich Getuschel sorgen konnte. Immer mehr werden die beiden Liebenden von der Nachbarschaft und von Brads Frau Kathy ertappt. Der Ex-Häftling Ronnie saß im Knast wegen Pädophilie, jetzt ist er wieder draußen und lebt zusammen mit seiner ihn liebenden Mutter, doch täglich wird Ronnie von einem ehemaligen Polizisten schikaniert und runtergemacht. Die verschiedenen Schicksale werden sich im Laufe der Zeit über den Weg laufen…

Todd Field konnte schon selber als Schauspieler Erfahrungen sammeln und bewies hier sein tolles Händchen bei der Schauspielerwahl. Kate Winslet verkörpert Sarah Priece und ist damit die Hauptrolle des Films. Winslet ist einfach grandios und spielt die ruhigen uwie aufbrausenden Momente mit Bravour aus. Patrick Wilson als Vater und Affäre Brad ist ebenfalls ein Glücksgriff und entfaltet die Facetten seines Charakters mit seinem ganzen Können. Als Brads dominierende Frau Kathy ist die tolle Jennifer Connelly zu sehen. Connely ist eine fantastische Schauspielerin, das hat sie in der Vergangenheit unlängst bewiesen, und auch als Kathy liefert sie wieder eine hervorragende Leistung ab und ist in jedem Moment glaubwürdig und voll bei der Sache. Ein glänzendes Highlight im Cast ist Jackie Earle Haley als Pädophiler Ronnie. Earle ist für die Rolle des Außenseiters einfach geboren worden und offenbart seinen ambivalenten Charakter in wahrer Hochform, die man so lange nicht vergessen wird. Intensiv, ausdrucksstark und eindringlich. Auch Noah Emmerich, einer der ewigen Nebendarsteller, weiß in seiner Rolle als ehemaliger Polizist Larry zu überzeugen, bekommt aber den kleinsten Raum zugesprochen.

Die Amerikaner pflegen und hegen ihren Ruf so gut es nur geht. Erfrischend ist es deswegen immer, wenn ein Regisseur, der sich mit den Sitten und Bräuchen der Amerikaner gut auskennt, diese heile Welt Stück für Stück zerbrechen lässt und das bittere Knochengerüst schmerzhaft offenlegt. Wir begeben uns in eine der typischen Vorstädte von Amerika. Jeder kennt jeden, alle haben ihre Meinungen über den Nachbarn, es wird getuschelt, getratscht und immer schön gegrinst, denn es soll ja niemand wissen, wie man voneinander wirklich denkt. Sollte man sich mal einen Tag etwas anders benehmen als an den vorherigen, dann wird einem schnell ein Stempel aufgedrückt und man findet sich in der Außenseiterrolle wieder. Deswegen bloß keine Veränderungen zulassen und kein Wort zu viel sagen. Ein schwarzes Schaf muss es in der Stadt allerdings auch geben, denn irgendwen muss man ja haben, auf dem man gemeinsam rumhacken kann. Das trifft hier auf Ronnie zu, der sich an Kindern vergriff, seine Zeit abgesessen hat, aber an eine Besserung glaubt hier niemand, vor allem nicht Larry, der abends vor dem Haus von Ronnie lauert und quasi auf einen Fehler wartet. Dabei ist es so, das hier niemand eine reine Weste hat und jeder so seine Geheimnisse mit sich rumschleppt und so manche Leiche im Keller begraben hat. Dann ist da Sarah, die ihren Mann masturbierend vor dem Computer erwischte und ihn rauswarf und sich nun allein um die Tochter kümmert und Brad, der Student ist und nicht viel in der Beziehung mit Kathy zu sagen hat. Beide sind sie unglücklich in ihren Ehen und finden in dieser Zeit zusammen. Aber wie das in einer Kleinstadt so ist, bleibt nichts lange geheim und wandert durch aller Munde. Diese Einzelschicksale verknüpft Todd Fields im Laufe der Geschichte und lässt sie auf bittere Weise ineinander rennen.

‚Little Children‘ begeistert an erster Stelle durch seine wirklich ausgefeilte Charakterzeichnung, die jede Figur zu einer besonderen und einzigartigen macht. Mit ironischer Erzählstimme wird uns die bittere Realität aufgetischt, die nicht selten schmerzhaft und unumgänglich erscheint. Alles musste so kommen, nicht zuletzt weil man einfach menschlich ist und Fehler in seinem Leben nicht rückgängig machen kann. Doch Field verzichtet nicht auf seinen Sarkasmus, der den Zuschauer hier so manches Mal zu schmunzeln bringt und die Lage auf den ersten Blick immer locker und kontrolliert erscheinen lässt. Je tiefer wir jedoch vordringen, desto schwerer wird es. Schikane, Auflehnung, Vorurteile und Scheinheiligkeit stehen gegenüber von Sehnsüchten, Harmonie, Verlangen und Hingabe. Die Emotionalität, die Fields hier am Ende entfacht, reißt bedingungslos mit und lässt niemanden unberührt. Eine Welt, so geleckt und fröhlich, bricht in ihre Einzelteile zusammen und zieht uns als Zuschauer gleich mit runter, denn das Lachen ist und längst im Halse stecken geblieben und vergangen und die zynischen Spitzen wurden umgewandelt in ehrliche und nachwirkende Trostlosigkeit.

Fazit: ‚Little Children‘ wurde hervorragend inszeniert, grandios gespielt und einmalig fotografiert. Todd Field blickt hinter die Fassade der frisch gestrichenen Haustüren und konfrontiert uns mit der Realität und schmerzhaften Wahrheiten. Eine Perle unter den Meisterwerken, die gesehen werden muss, einfach weil sie so einzigartig strahlt unter ihrem zunehmend düsterer werdenden Schleier.

Bewertung: 9/10 Sternen