"Livid" (FR 2011) Kritik – Das Blut der Ballerinas

„Mach den Fehler bloß nicht nachts.“

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Das elendige Thema um den heutigen Stand des Horror-Genres nimmt einfach kein Ende. Die Sterne stehen natürlich schon seit einigen Jahren in aller Deutlichkeit gegen die neue Horror-Welle, die sich aus stumpfen Torture Porns und schnöden Found Footage-Langweilern zusammensetzt und in Sachen Innovation und Kreativität zumeist grässliche Totalausfälle sind. Ausnahmen bestätigen die Regeln, das wird auch immer so sein, und Filme wie „All the Boys Love Mandy Lane“ oder „The Cabin in the Woods“ wissen dank genreaffiner Inszenierung und Liebe zum Medium überaus zu gefallen. Dennoch macht es heutzutage den Anschein, als würde man sich nur noch im Kreis bewegen und bestenfalls alle Schaltjahre mal wieder einen überzeugenden Knaller vorgesetzt bekommen. Das prachtvolle Zepter des modernen Horrorfilms ist sowieso schon an die Franzosen abgegeben wurden, denn wenn es ein Land heutzutage schafft, immer wieder mit eigenen Ideen und markanten Stilen zu punkten, dann ist es Frankreich. Man denke da nur an „Martyrs“, „High Tension“, „In my Skin“ oder „Inside“. Und mit dem Skandal-Schocker „Inside“ aus dem Jahre 2007 sind wir genau an der richtigen Adresse, denn die beiden Regisseure, Julien Mauray und Alexandre Bustillo, haben mit ihrem zweiten Werk „Livid“ 2011 erneut bewiesen, dass Frankreich im Horrorfach gegenüber anderen Produktionsländern deutlich überlegen ist.

Lucie möchte später einmal als Pflegerin ihr Geld verdienen und tritt deswegen ein Praktikum bei einer ambulanten Pflegekraft an, die ihre Patienten direkt in deren eigenen Behausungen versorgt. Lucie kann mit einiger Erfahrung glänzen, doch als ihre Vorgesetzte, eine Dame namens Catherine, sie darüber informiert, dass es einen schwierigen Fall in der Reihe gibt, bei dem Lucie nicht zusehen dürfte, weckt das erst recht das Interesse der jungen Frau. Sie folgt der ausgelernten Fachkraft in das heruntergekommene Haus, in dem die alte Mrs. Jessel seit Jahrzehnten im Koma liegt. Lucie erfährt dazu, dass Mrs. Jessel damals eine hochangesehene Balletttänzerin und Trainerin war und in ihrem Haus einen attraktiven Haufen Geld versteckt hat. Als Lucie die Geschichte ihrem Freund William und seinem Bruder Ben erzählt, beschließen diese daraufhin, in das Haus der Komapatienten einzusteigen und sich das Geld unter den Nagel zu reißen, doch alles kommt ganz anders…

Dabei lassen die erste Reize von „Livid“ in der optischen Brillanz des Filmes erkennen. Kameramann Laurent Barés taucht seine Aufnahmen in die ästhetische Düsternis, die in ihrer grandiosen Geschliffenheit gerade im zweiten Teil der Handlung eine wunderbar dichte Atmosphäre erzeugt, die selbst die beklemmende Anspannung eines „Inside“ hinter sich lässt und den Bilderrausch in seiner finsteren Farbpracht einmalig zur Geltung bringt. Natürlich auch gerade in Verbindung mit Raphael Gesquas stimmigen Score, der die undurchsichtige Lage fein unterstreicht und sie nie mit der Komposition erdrückt. Schauspielerisch sollte man hier hingegen keine Offenbarungen erwarten. Hauptdarstellerin Béatrice Dalle als Lucie zeigt sich durchaus charismatisch und interessant und füllt ihren Part gekonnt aus, während Félix Moati als William, Jérémy Kapone als Ben oder Catherine Jacob als Catherine schnell zum Beiwerk werden und sich den Eingrenzungen des Drehbuches geschlagen geben müssen.

Man muss durchaus zugeben, dass „Livid“ rein storytechnisch einen recht angestaubten Eindruck macht und die anfängliche Begeisterung allein aus der visuellen Klasse ziehen kann. So macht das Ganze hier vorerst den Anschein, als würde man sich auf die altbekannte Schiene des Haunted-House-Horror bewegen, die jeden Ideenreichtum vermisst und die optischen Reize dadurch schnell verglühen lässt. Sind unsere drei Protagonisten aber erst mal in das Haus der komatösen Dame eingestiegen, schlagen Mauray und Bustillo konsequent einen anderen Weg ein und lassen den Zuschauer so das undurchsichtige Labyrinth des rauschartigen Grauens betreten. Logisch ist „Livid“ nicht immer, und den Vorwurf, dass die eigentliche Handlung den Film immer wieder selbst behindert, müssen sich die beiden Regisseure durchaus gefallen lassen, doch die gekonnte Umsetzung glänzt dafür nicht nur mit einer düstereren wie packenden Atmosphäre, sondern auch mit einer ganz eigenen Tragik. „Livid“ wird zur Totenmesse für die vernarbte wie unverbrauchte Jugend und die zarte Melancholie, die sich nach und nach mit der kompromisslosen Gewalt und der blutenden Schönheit verknüpft, bricht alle Erwartungen und findet so einen ganz eigenen Halt. Die Symbiose aus Hommage und surrealer Eigenkreation, die das Mosaik aus prägenden Bestandteilen des Genres Stück für Stück in einen zerbrechlichen Einklang bringt, verlässt den Zuschauer nicht mit triefender Brutalität, sondern mit der Erinnerung an die sanfte Erlösung.

Fazit: „Livid“ bringt nicht nur frischen Wind in das Horror-Genre, sondern kann auch gekonnt zwischen Hommage und eigenen Ideen umherspringen. Die Optik ist grandios, Béatrice Dalle stark und die Inszenierung von Mauray und Alexandre Bustillo zieht den Zuschauer in einen Rausch, der zwar immer wieder zusammenhanglose Momente aufweist, aber dafür nicht nur mit der konsequenten Gewalt überzeugen will, sondern auch eine tragische wie surreale Geschichte über die verlorene Kindheit und Erlösung erzählt. „Livid“ ist französisches Kino der ganz besonderen Art.