Kritik: Magic in the Moonlight (USA 2014)

© Warner Bros.

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Sie ist doch ganz angenehm, Schwindlerin hin oder her.

Vor ein paar Jahren, während meiner Ausbildung habe ich eine Zeit lang als Kameramann beim Großbetrügerprojekt „Astro TV“ gearbeitet. Es waren anstrengende Tage, an denen die Minuten wie Stunden vergingen und das Dauergelaber der selbsternannten Wahrsager_innen meinen Geist malträtierte. Natürlich war das alles großer Humbug. Das einzig echte an dieser Sendung waren die Anrufer_innen, meistens ältere Damen, die sich Glück, Arbeit und Geld für ihre Kinder und Kindeskinder wünschten. Das hatte etwas rührendes. Ich dachte mir immer: Ganz egal wie falsch diese Vorhersagen und vor allem die Abzocke dahinter auch sind, so ein wenig Trost spendeten die Worte der Schmalspurspiritist_innen dann doch. So auch wie Religionen das Unerträgliche erträglich machen können. Das Leben kann halt schon ziemlich scheiße sein.

Über diese Beobachtung hat Woody Allen jetzt einen Film gemacht. Mal wieder, muss dabei gesagt werden, denn schon zahlreiche Werke des amerikanischen Auteurs bissen sich an der Dialektik von Illusion und Wirklichkeit die Zähne aus. „The Purple Rose of Cairo“ ist wahrscheinlich das Meisterwerk dieser Reihe, „Midnight in Paris“ dagegen der letzte kommerziell erfolgreiche Biss ins Realitätenkorsett und nach dem tragikomischen „Blue Jasmine“ letztes Jahr, kommt mit dem reizend betitelten „Magic in the Moonlight“ eine weitere fluffige Variation von Woody Allens Lieblingsthema in unsere Kinos.

Stanley, ein englischer Gentleman, Skeptiker und begnadeter Berufsillusionist (Colin Firth) im Yellow-Face(!) trifft im Südfrankreich der 20er Jahre auf die junge, angebliche Wahrsagerin Sophie (Emma Stone), die einer reichen Familie hellseherischen Beistand leistet. Er will sie entlarven und verfällt doch ihrem Zauber. In nicht mehr oder weniger lässt sich die Handlung des Films zusammenfassen und gerade die erste Hälfte leidet unter der offensichtlichen Vorhersehbarkeit. Zum Glück spielt Colin Firth die Hauptrolle, der die anfängliche Leere mit einer Unmenge Charme ausgleicht. Firth könnte bestimmt die schlimmste Rolle erträglich spielen. Als typisches Allen-Ego mit hohem Selbstbewusstsein und süffiger Eloquenz spaziert er wie ein roter Faden durch einen Film, der dramaturgisch allzu leicht in die Monotonie abdriftet. Weder gelingt es Woody Allen das Mysterium der Wahrsagerin fesselnd zu inszenieren, noch scheint er sich groß für dessen Aufdeckung zu interessieren. Stanleys Vorgehen, um hinter Sophies Fassade zu blicken, wirkt unsystematisch und unmotiviert. Viel eher stolpert Firths Figur von einer Szene zur nächsten, trifft Freund_innen und genießt mehr die Sonne als die Detektivarbeit.

Die sich entfaltende Liebesgeschichte zwischen Firth und Stone ist ein weiterer, die Sicht versperrender Stolperstein. Zwar gelingt dem Film eine herrlich klassizistische, romantische Szene in einem Planetarium unter gemalten Sternen, allerdings wirkt der Altersunterschied von 28 Jahren zwischen den beiden ziemlich befremdlich. Schon in früheren Allen-Filmen gab es solch erhebliche Altersdifferenzen, doch gerade im Hinblick auf die im letzten Jahr erhobenen Missbrauchsvorwürfe von Allens ehemaliger Adoptivtochter Dylan Farrow, wirkt dieser Altersunterschied umso seltsamer.

Nun gut, den großen Wurf hatte Allen sicherlich nicht im Sinn. Dafür ist „Magic in the Moonlight“ schon rein konzeptuell als Sonntagnachmittagskino gedacht. Inhaltlich bewährt, auf Punkt besetzt und von Kameragott Darius Khondji betörend schön auf 35mm-Film gebannt: Von einem richtigen Flop ist Woody Allens neuer Film noch entfernt, was er in erster Linie seinem hochbegabten Team zu verdanken hat. Drehbuch und Regie spielen dagegen auf Taschenspielerniveau. Besser als 90 Minuten Astro-TV ist es allemal.