"Der Mann, der zuviel wusste" (USA 1956) Kritik – Zwischen Lügen und Verzweiflung

„Sie können es gar nicht riskieren zu schießen!“

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Im Jahr 1956 ging Meisterregisseur Alfred Hitchcock einen einmaligen Schritt. Er inszenierte ein zeitgenössisches Remake von einem seiner eigenen Filme. ‚Der Mann, der zuviel wusste‘ erschien zum ersten Mal 1934 und Hitchcock passt sich im Remake lediglich der Zeit an und verlagert seine Drehorte. Der Film selbst ist für einen Hitchcock leider eine leichte Enttäuschung, bleibt aber in jedem Fall überdurchschnittlich.

‚Der Mann, der zuviel wusste‘ wird durch satte und auffällige Farben geprägt. Kameramann Robert Burks fängt die Atmosphäre in äußerst stimmige Bilder ein überträgt sowohl die Hitze Marokkos und die graue Kälte Londons auf den Zuschauer. Der Soundtrack wird von Bernard Herrmann beigesteuert, einem der besten Komponisten überhaupt, und schafft es natürlich wie von ihm gewohnt die Szenen passend zu begleiten und die Spannung immer wieder hochzutreiben. Auch Doris Day darf ihren Oscar prämierten Song „Que Sera, Sera“ singen.

In der Hauptrolle sehen wir wieder James Stewart, der erst zuvor unter der Regie von Hitchcock in ‚Das Fenster zum Hof‘ und ‚Vertigo‘ glänzen konnte. Auch als Dr. Ben McKenna spielt wieder groß auf kann seine Emotionen von Angst bis Wut grandios ausspielen. Doris Day als Bens Frau Jo Mckenna kann da leider nicht mithalten. Sie als Fehlbesetzung zu bezeichnen wäre sicher eine Übertreibung, dennoch fällt sie durch ihre Art immer wieder negativ auf und erweist sich nicht nur einmal als Störfaktor. Brenda de Banzie und Bernard Miles als englisches Ehepaar Edward und Lucy Drayton füllen ihre undurchsichtigen Rollen dagegen sehr überzeugend aus.

Ben, Jo und ihr Sohn Hank reisen ins warme Marokka um dort Urlaub zu machen. Im Bus nach Marrakesch lernen sie Louis Bernard kennen, einen Franzosen, der sowohl seine Gesellschaft als auch ein gemeinsames Abendessen anbietet. Bernard jedoch sagt am Abend kurzfristig ab und die McKennas lernen die Draytons kennen. Als die McKennas am nächsten Tag über den Markt von Marrakesch schlendern, treffen sie Bernard wieder. Verkleidet als Araber und mit einem Messer im Rücken. Mit dem letzten Atemzug erzählt er Ben, dass ein Staatsmann getötet werden soll. Darauf werden Ben und Jo zu einem Verhör gebeten und lassen ihren Sohn unbedacht und immer noch verschreckt bei den Draytons. Ben bekommt während des Verhörs einen Anruf, wo ihm eine unbekannte Stimme befiehlt, er soll die Informationen über das Attentat nicht weitersagen, ansonsten geschieht seinen Sohn etwas. Verzweifelt begeben sich die McKennas nach England und versuchen mit eigenen Mitteln ihren Sohn ausfindig zu machen, doch schon längst stecken sie in einem Kreis aus Lügen und Angst.

Mit dem Ehepaar McKenna kriegen wir ein völlig normales, durchschnittliches und unauffälliges Ehepaar. Ben kann sich den marokkanischen Sitten nicht anpassen und Jo steht ihm immer zur Seite. Als die Familie jedoch zur falschen Zeit am falschen Ort ist, wird er in eine Situation gezwungen, die sein koordiniertes Leben von Grund auf durcheinander wirbelt. Wie soll Ben sich in dieser Situation zurecht finden, wenn er sich nicht mal fremden Tischmanieren anpassen kann. Wir als Zuschauer werden so in die Rolle der leidenden Familie gepresst. So sind wir nicht nur heimlicher Beobachter, sondern auch Begleiter der Geschichte und teilen das schwere Schicksal.

Hitchcock inszeniert einen verschachtelten Thriller, bei dem wir nur selten schlauer als die Protagonisten sind. Hilfe durch Scotland Yard können sie zwar beantragen, aber ob sie noch irgendwem vertrauen können, ist in dieser Lage völlig unklar. Jeder gibt hier etwas Falsches vor und niemand ist der, wofür er sich ausgibt. Immer wenn wir denken, dass wir einen Stück näher an der Auflösung sind und den entführten Jungen endlich wiedersehen, bewegen wir uns in Wirklichkeit ein Stück weiter weg. Der Strudel aus Mord und Verschwörungen zieht immer größere Kreise und schlägt einen Harken nach dem anderen. Der nächste Moment wird immer unvorhersehbarer und unsicherer. Ben, der Mann, der zu viel wusste wird zu einem Menschen, der eigentlich rein gar nichts weiß.

Das klingt jetzt alles unheimlich spannend und fesselnd. Leider stimmt das nicht ganz. Hitchcocks Inszenierung fällt für seine Verhältnisse erschreckend ziehend und zäh aus. Die Dialoge werden unnötig in die Länge gezogen und bremsen die eigentlich hochspannende Geschichte immer und immer wieder schleppend aus. Der Blick auf die Uhr wird einfach unausweichlich. Aber Hitchcock wäre nicht Hitchcock wenn er trotzdem immer wieder in die richtige Spur finden würde. Hier ist es ganz besonders eine nervenaufreibende und perfekt gefilmte Szene, die man nicht besser Inszenierung hätte können. In der Royal Albert Hall kommt es zum Höhepunkt des Films. Wir sehen den vollen Konzertsaal. Hier soll das Attentat auf den Politiker geschehen. Unzählige Menschen und sich einen Überblick zu verschaffen ist unmöglich. Dann springt die Kamera von Loge zu Loge. Der Mörder wird deutlich. Die McKennas versuchen derweil verzweifelt den Polizisten vor Ort klarzumachen, dass etwas Schreckliches mit dem Paukenschlag passieren wird. Und wieder zurück in die Totale. Die Situation spitzt sich immer brisanter zu. Einfach nur meisterhaft inszeniert. Diese Szene bessert den geschwächten Gesamteindruck noch etwas aus.

Fazit: ‚Der Mann, der zuviel wusste‘ ist streckenweise spannendes und komplexes Thriller-Kino mit tollen Darstellern, ausgenommen Doris Day, starker Atmosphäre, passendem Score und natürlich Hitchcocks überdurchschnittlicher Inszenierung. Im Gesamteindruck ist der Film dann doch, auf Grund seiner Langatmigkeit an manchen Stellen, „nur“ sehenswert, mit Sicherheit aber immer noch ein guter Film, vor allem für verregnete Sonntage.

„Was wollen Sie? Ich zähle jeden Preis. Ich werde meinen Mund halten. Ich will nur meinen Jungen!“