"Das Meer in mir" (ES/FR/IT 2004) Kritik – Ins Meer hinein, ins Meer, in seine schwerelose Tiefe

„Wenn man nicht entkommen kann und vollkommen von anderen abhängig ist, dann lernt man, lachend zu weinen.“

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Wenn man sich europäische Länder herauspickt, von denen man immer wieder beachtenswerte filmische Qualität geboten bekommt, dann sind mit Sicherheit Dänemark, Frankreich und auch Schweden äußerst gefragt. Wobei man natürlich sagen muss, das Frankreich und Schweden schon immer hochwertiges Material abgeliefert haben, wenn man an Namen wie Jean-Pierre Melville oder Ingmar Bergman denkt, die sich schnell zu weltweiten Legenden gemacht haben und ihre Filme mit unvergleichlicher Führung inszenierten. Aber es gibt noch ein anderes Land, eines der beliebtesten südlichen Urlaubsziele, gerade durch die Insel Mallorca und das Verhalten am Ballermann jedem bekannt. Die Rede ist natürlich von Spanien, das sich aber sicher nicht nur als Partymetropole ein Begriff ist, sondern auch durch die fantastischen Sehenswürdigkeiten, die man in Barcelona, Sevilla oder auch Madrid finden kann. Aber es ist auch das Filmgeschäft, welches in Spanien inzwischen richtig boomt. Dafür sind vor allem Sachen wie ‚[REC]‘, ‚Pans Labyrinth‘ oder auch ‚Das Waisenhaus‘ verantwortlich, die beachtliche Erfolge weltweit feiern konnte. Einer der besten spanischen Filme wurde allerdings im Jahr 2004 mit ‚Das Meer in mir‘ von Alejandro Amenábar auf die Welt losgelassen, der auch den Oscar für den besten ausländischen Film gewinnen konnte.

Das Thema, um das sich ‚Das Meer in mir‘ dreht, könnte brisanter wohl kaum sein, denn es geht hier um die umstrittene Sterbehilfe. Dabei griff Regisseur Alejandro Amenábar auf die wahre Geschichte von Ramón Sampedro zurück. Als Ramón noch ein junger Mann, wollte er einen Kopfsprung in die Wellen des Meeres machen, dabei beachtete er nicht, dass die Wellen bereits zurückgingen und das Wasser so niedrig stand, dass er mit dem Kopf auf den Boden aufschlug und sich das Genick brach. Die Folgen davon sind, dass Ramón nun vom Kopf abwärts gelähmt ist und lediglich seinen Kopf drehen kann und sein Gesicht bewegen. Die eigentliche Geschichte beginnt jedoch 27 Jahre nach dem schweren Unfall. Der intelektuelle Ramón ist schon ein Mann in den 50ern und wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich sterben zu können. Mit einem Sprung wurde ihm jede physische Freiheit genommen. Sein Leben hat für ihn keinen Wert mehr und er ist immer auf andere Menschen und deren Hilfe angewiesen, so natürlich auch bei seinem Sterbenswunsch, der sich nur durch die Hilfe von anderen Menschen erfüllen kann. Natürlich kann nicht jeder seinen Wunsch nachvollziehen und ob es die Familie, seine Freunde, die Kirche oder der Staat ist, jeder hat andere Auffassungen von Ramóns Lage und Äußerungen.

Regisseur Alejandro Amenábar zählt zu den großen Stars des spanischen Kinos. Mit Filmen wie ‚Open Your Eyes‘ und ‚The Others‘ konnte er große Erfolge feiern und sich einen Namen in der Filmwelt machen. Ob er mit ‚Das Meer in mir‘ seinen besten Film inszenierte, sei, vor allem in Bezug auf ‚Open Your Eyes‘, erst mal dahingestellt. Eines ist aber sicher, ‚Das Meer in mir‘ ist sicher sein bis Dato emotionalster und menschlich wichtigster Film. Für die Hauptrolle des gelähmten Ramón hat sich der gebürtige Chilene Amenábar nicht nur einen der besten spanischen Schauspieler geholt, sondern gleich einen der besten Darsteller unserer Zeit: Javier Bardem. Was Bardem in seiner eingegrenzten Rolle leistet, ist schlichtweg umwerfend. Ihm steht nur sein Gesicht zu Verfügung, das heißt, er kann weder auf Gestik setzen, noch etwas durch seine Körpersprache ausdrücken. Das wäre mit Sicherheit für viele andere Schauspieler eine Hürde gewesen, die sie nicht hätten meistern können. Bardem jedoch schafft es, durch seinen bloßen Blick eine Tiefe zu erzeugen, die nicht nur glaubwürdig ist, sondern auch im höchsten Maße gefühlvoll und eindringlich. Diese Leistung von Bardem zu toppen, ist für die anderen Schauspieler unmöglich, auch wenn sie vollen Körpereinsatz zeigen können. Das soll nicht heißen, dass die weiteren Schauspieler nicht gut sind, ganz im Gegenteil. Da wären Bélen Rueda als Julia, die ebenfalls einen schweren Unfall erleiden wird, aber in der wahren Geschichte nie existierte, Lola Duenas als Freundin Rosa und Mabel Rivera als Schwägerin Manuela.

„Warum sind alle so entsetzt, wenn ich sage, dass ich sterben will?“

Sterbehilfe ist ein brisantes, schweres und unheimlich diskutables Streitthema, bei dem zwei Welten aufeinanderprallen, die sich ganz klar in Dafür oder Dagegen eingliedern. Alejandro Amenábar schafft es mit seiner Inszenierung jedoch den Zwischenschritt einzunehmen und uns beide Seite darzustellen. Dabei liegt der Schwerpunkt des Films natürlich auch Ramón, der einen schweren Unfall erlitt und seitdem ans Bett gefesselt ist. Die einzige Freiheit die ihm noch bleibt, ist die in seinen Gedanken. Doch für ihn ist diese Bewegungslosigkeit nur noch unerträglicher Schmerz. Ihm gegenüber stehen die Kirche und der Staat, die seinen Wunsch nicht akzeptieren können. Genau wie seine Familie und Freunde, die sich nicht von Ramón verabschieden wollen, ihm aber auch das Leben in Qualen nehmen wollen. Mitten in dieser Zwickmühle befinden wir uns als Zuschauer und Regisseur Amenábar will niemanden auf eine Seite ziehen, sondern Hinterfragt alles mit viel Fingerspitzengefühl, die Antworten auf seine Fragen, muss sich dabei jeder Zuschauer selber geben. Lohnt es sich noch weiterzuleben, wenn man nie wieder einen Schritt vor die Tür machen kann? Wenn man nicht mal mehr ohne Hilfe aus dem Bett steigen kann? Wenn man nur noch den Geruch des Meeres aus der Ferne wahrnimmt, aber nie wieder das türkisfarbene Wasser an seinem Körper spürt? Die Wärme der Sonne nie wieder auf seinen ganzen Körper fallen lassen kann und immer an einen Rollstuhl gebunden ist? ‚Das Meer in mir‘ ist vor allem ein Film, der sich um das Leben und den Tod dreht. Doch es geht um viel mehr. Der Schmerz der eigenen Existenz wird gepaart mit der Erlösung. Abschied und Erfüllung, Poesie und Liebe, Glück, Zuneigung und Harmonie. Alles verschmilzt zu einer emotionalen Achterbahn, die Gefühle erforscht, schmerzhaft voranschreitet, aber nie pessimistisch auf den Zuschauer einhämmern will.

Fazit: ‚Das Meer in mir‘ ist ebenso wichtig wie berührend. Ein Drama, voller Gefühle, unvergesslicher Momente und emotionalen Weiten, die mit Amenábars ganzem Können ausgefüllt wurden. Ein bedrückender, poetischer und wunderschöner Film, der sich dem juristischen 1×1 entzieht und sich voll auf den Charakter Ramón konzentriert und dabei den Tod zur Säule des Lebens macht. Mit dem herausragenden Javier Bardem in der Hauptrolle, Amenábars starken Drehbuch und seiner toller Inszenierung und natürlich dem feinen Score, ebenfalls von Amenábar, wird ‚Das Meer in mir‘ zu einem kraftvollen Drama, welches gesehen werden muss, nicht zuletzt aufgrund der Aktualität des Themas.