"Memento" (USA 2000) Kritik – Tätersuche mit Gedächtnisverlust

Autor: Pascal Reis

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„We all lie to ourselves to be happy.“

Wie weit ein Mann bereit wäre zu gehen, um den Tod seiner Frau zu rächen, hat uns die Filmwelt schon in unzähligen Male vor Augen geführt. Dass sich ein solcher Film aber nicht nur in einer gar reaktionären Denke erschöpfen muss, sondern vor allem durch seine Menschlichkeit überzeugt, vergisst man angesichts dessen nur zu gerne: Rache ist letzten Endes nicht weniger nachvollziehbar, als die auslaugende Trauer um das Ableben eines nahen Verwandten. Die Frage ist nur, wie sich diese brennende Vergeltungssucht filmisch kanalisieren lässt, ob sie als Fundament stiernackiger Genre-Action dienen soll oder den moralischen Engpass aufzeigt, der den vermeidlichen Rächer nach und nach in die Selbstzerstörung geleiten wird. Beide intentionale Ausrichtungen haben ihren Reiz, ganz klar, der nachhaltigere, greifbarere Weg aber erschüttert nicht durch seine visualisierte Gewalteskapaden, sondern durch das psychische Martyrium, in das man als Zuschauer zusammen mit dem zerrütteten Hauptdarsteller absteigen wird.

Würde man sich heute die Frage stellen, wie wohl ein Rachefilm aussieht möge, der von Christopher Nolan in Szene gegossen wurde, dann wären die Antworten wohl einhellig, egal welche Stellung man zu dem Briten bezieht: Eine bleiern Schwere scheint schlichtweg unumgänglich. Mutmaßungen aber sind an dieser Stelle überflüssig, auch wenn sich im Schaffen Nolans seither einiges verändert hat, denn mit „Memento“ hat sich der Mann bereits im Jahre 2000 mit der Thematik beschäftigt. Seiner Zeit mit jeglichen Superlativen gekrönt, resultieren etwaige Lobpreisungen primär daraus, dass Nolan seinem Film die Linearität entnommen hat. „Memento“ schreitet sowohl von A nach Z, um gleichzeitig dazu auch vom Omega zum Alpha zu führen. Das Drehbuch, verfasst von Christopher und Jonathan Nolan, verfügt über zwei elementare Erzählstränge, die sich durch ihr Kolorit gegenseitig abzweigen: Während einer in strengem Schwarz-Weiß von hinten nach vorne läuft, beginnt der farbige (Haupt-)Plot bei der ersten Szene, um das Ende des Films als Anfang der Handlung zu manifestieren.

An Komplexität scheint es der Narration in erster Linie nicht zu mangeln. Doch Christopher Nolan muss sich seit „Inception“ auch den Ruf gefallen lassen, dass seine vordergründig anspruchsvollen Konstrukte auf den zweiten, weniger verblendeten Blick recht transparent in ihrer forcierten Verschachtlung daherkommen. „Memento“ schafft es in den ersten Minuten natürlich, die Stirn in Falten zu legen, hat man das System der erzählerischen Methodik begriffen, spielt „Memento“ mit offenen Karten. Dass soll allerdings nicht bedeuten, dass nicht doch eine der Karten gezinkt sein kann, doch wenn der formale Anspruch dechiffriert wurde, die Schale gesprengt und der Kern klar ersichtlich, wird immer wieder deutlich, dass Nolan mit „Memento“ kein formalistisches Vexierspiel im Sinn gehabt hat, sondern seine umständliche Form auch als Metapher auf den Zustand seines Protagonisten versteht, der in einer Realität angekommen ist, die vollkommen auf konkrete Bezüge zur Gegenwart auskommen muss. Guy Pearce („The Rover“) spielt Leonard, einen ehemaligen Ermittler für Versicherungsbetrug, der inzwischen an anterograder Amnesie leidet. Soll heißen: Er besitzt kein Kurzzeitgedächtnis.

Alles was ihm bleibt, ist ein Polaroid, welches sich selbstredend zurückentwickelt, in seiner Hand verzerrt und verblasst, doch der Schmerz bleibt beständig in ihm haften. Sein athletischer Körper wird zum systematischen Notizblock umfunktioniert, jede Information, die Leonard erreicht, muss als vage und spekulativ abgetan werden, bis sie im nächsten Augenblick wieder verflogen ist. „Memento“ zieht den Zuschauer in den von Fragmenten rotierenden Kopf eines Mannes, der die Fähigkeit zu leben aufgegeben hat, der nur noch seiner Handschrift vertrauen kann und ständig mit der Frage konfrontiert wird, wie Wunden denn bitte heilen soll, wenn er die Zeit nicht mehr empfinden kann. Es ist die tieftraurige Essenz eines Filmes, der formal nicht aus schierem Selbstzweck mit der trügerischen Kraft von Erinnerungen spielt, der wir alle schon mal auf den Leim gegangen sind, sondern vor allem das lähmende Gefühl vermittelt, wie es ist, jeden Morgen aufzuwachen, die Hand auf die andere Seite des Bettes gleiten zu lassen und als Antwort nur eisige Kälte zu erfahren.