"Menschenfeind" (FR 1998) Kritik – Der grenzenlose Hass

„Die Menschen glauben sie sind frei, doch es gibt keine Freiheit.“

null

Der französische Filmemacher Gaspar Noé ist wieder einer dieser Regisseure, der die Filmwelt in zwei klare Gruppen spaltet. Die einen hassen seine unverschönte, deprimierende und deutliche Art. Der andere Teil liebt ihn und sieht endlose Kunst in seinen Filmen. Mit seinem ersten Spielfilm ‚Menschenfeind‘ aus dem Jahr 1998 zeigte Noé gleich, dass er keine Gefangenen macht und inszeniert ein durch und durch pessimistischen und brettharten Blick in eine hasserfüllte Seele.

Die Atmosphäre in ‚Menschenfeind‘ ist durchgehend angespannt, bedrängend und pures Unwohlsein macht sich breit. Die groben und harten Bilder wurden von Kameramann Dominique Colin in starke und ernüchternde Aufnahmen verpackt. Eine musikalische Untermalung ist im Film zu keiner Zeit vertreten. Die Tonspur wird immer wieder mit einem erschütternden Pistolenschuss begleitet, die den Zuschauer immer wieder aufs Neue in den Sitz drückt.

Philippe Nahon kriegt hier die große Bühne zugeschrieben. Neben ihm gibt es keinen auffallenden oder nennenswerten Schauspieler. Nahon strahlt als ehemaliger Pferdemetzger den blanken Hass aus und kann sich gut und gerne als perfekte Besetzung für diesen Misanthropen bezeichnen. Jeder Blick und jede Bewegung sind hasserfüllt und der Mann droht jede Sekunde hochzugehen. Einfach angsteinflößend und gleichermaßen unheimlich grandios dargestellt.

„Du wirst allein geboren, du lebst allein, du stirbst allein. Allein, immer allein. Und selbst wenn du vögelst, bist du allein. Allein mit deinem Fleisch, allein mit deinem Leben.“

Was bringt Liebe, wenn sie einen sowieso nie erreichen wird und immer nur ein Teil verlorener Wünsche der blinden Menschen sein wird? Liebe? Nichts weiter als eine stumpfe Lüge von noch stumpferen Menschen. Moral? Der Mensch kennt und besitzt keine Moral. Was bringt uns Moral, wenn wir sie doch nur aus Erzählungen kennen und sie uns trotzdem immer wieder wie ein gefälschtes Abzeichen an die Brust heften? Es gibt keine Moral. Gerechtigkeit? Ein großes Wort, allerdings ein Fremdwort für die Menschen, denn wer gerecht handelt, der handelt richtig und das entspricht keinem Menschen. Es gibt einfach keine guten oder schlechten Menschen. Es gibt nur falsch und unwürdig. Alle Menschen sind gleich. Alle Menschen sind Abschaum. Der einzig richtige Weg ist der unsterbliche Hass und die Rache, in die man sich flüchten kann. Nicht das Töten, sondern die eigene Erlösung. Erlösung von diesem Elend. Was bedeutet schon das Leben, wenn man nie zum leben kommt. Alle sind sie gleich. Die Schwulen, die Schlampen, die Schwarzen, die Weißen, die Reichen und die Armen. Alle sind sie allein, egal was sie tun und mit wem sie zusammen sind. Und alle müssen sie bezahlen, bezahlen dafür, dass sie sind was sie sind. Allein, für immer allein. Jeder wie er will, aber ich gegen alle.

„Liebe, Freundschafft, alles Quatsch. Das sind Illusionen, die man versucht aufrecht zu erhalten um nicht zu geben zu müssen, dass alle zwischenmenschlichen Beziehungen reines Geschäft sind.“

Mit ‚Menschenfeind‘ bekommen wir einen der bittersten und kompromisslosesten Blicke in ein unbeschreiblich misanthropisches Innenleben. Gaspar Noé macht dem Zuschauer schnell klar, dass er nicht unterhalten will, oder den Zuschauer zwar erst mal erschrecken will, aber zum Schluss alles im Guten enden wird. Nicht im Ansatz. Noé begrüßt uns mit einem Faustschlag und dieser Faustschlag tut ihm nicht leid, nein, er wiederholt ihn. Immer und immer wieder. Nur noch härter. Und diese Schläge treffen genau ins Schwarze. ‚Menschenfeind‘ ist ein dunkler Alptraum, aus dem es kein erwachen gibt. Immer tiefer dringen wir in das finstere Herz des Metzgers. Dabei gibt es keinen Schimmer von Hoffnung. Ein versöhnliches oder positives Ende ist genauso weit entfernt wie ein lächeln des Hauptdarstellers. Wenn der Metzger seine hochschwangere Freundin mit knallenden Schlägen verprügelt und sein Verhalten als das einzig richtig bezeichnet, dann ist man als Zuschauer längst in einem der tiefsten Abgründe gefangen.

Noé hält seine Zuschauer im Würgegriff. Stück für Stück geht uns immer mehr die Luft aus und Noé drückt trotzdem immer fester zu. Die Schmerzgrenze wird schnell überschritten, von gutem oder schlechtem Geschmack braucht man hier gar nicht reden. Gedanken, die wir nicht mal im größten Zorn hegen, faucht Noé uns in inneren Monologen 90 Minuten lang um die Ohren. Gnade kenn er nicht, er gibt uns jedoch die Chance vor dem großen Finale abzubrechen. Mit einem Textfeld warnt er uns vor und gibt uns die letzte Möglichkeit für einen Ausweg. Wer es bis zu diesem Punkt kaum ausgehalten hat, sollte diesen Hinweis wirklich ernstnehmen und aufhören, denn das Ende führt das Zusammentreffen zwischen dem Metzger und seiner autistischen Tochter auf den krassen Höhepunkt und gibt dem Zuschauer den endgültigen K.O. Schlag.

„Man glaubt man ist in einer zivilisierten Welt, aber in Wirklichkeit ist man im Dschungel.“

Fazit: ‚Menschenfeind‘ ist deutliche Geschmackssache. Ein Film, jenseits von Gut und Böse. Ein Film, der einen nicht glücklich macht oder mit einem Grinsen ins Bett gleiten lässt. ‚Menschenfeind‘ ist eine beklemmende und ultrabrutale Gesellschaftskritik, mit einem tollen Hauptdarsteller und dichter Atmosphäre, die den Zuschauer verlassen und einfach leer zurücklässt. Entweder man liebt ihn, oder man hasst ihn. Dazwischen gibt es nichts. Man sollte wissen worauf man sich einlässt, denn ‚Menschenfeind‘ ist eines der härtesten und eindringlichsten Filmerlebnisse überhaupt. Ein Erlebnis, bei dem man danach einfach nur allein sein möchte.

„Das Leben ist eine große Leere. Das war es schon immer und wird es immer bleiben.“

Bewertung: 9/10 Sternen