"Michael" (AT 2011) Kritik – Die erschreckende Normalität

„Das ist mein Messer und das ist mein Schwanz. Was soll ich dir reinstecken?“

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Das österreichische Kino war in der Vergangenheit nie besonders angesagt. Schauspieler wie Helmut Berger, Monica Bleibtreu, Klaus Maria Brandauer und zuletzt Christoph Waltz schafften zwar den Sprung in das große Geschäft, doch weniger durch Produktionen in ihren Heimatland, in denen sie zwar auf sich Aufmerksam machten, den letzten Stoß aber eher durch andere Länder und vor allem auch internationale Regisseure bekamen. Österreichische Regisseure, die man in der Gegenwart wirklich als Könner und interessant bezeichnen könnte, sind spärlich gesät. In erster Linie ist es natürlich Michael Haneke, der kürzlich auch erst wieder die goldene Palme von Cannes zum zweiten Mal gewonnen hat und Filme wie ‚Das weiße Band‘, ‚Caché‘ und ‚Funny Games‘ in seiner Karriere vorzuweisen hat und damit als Filmemacher aus Österreich ziemlich alleine steht. In den Augen behalten sollte man in Zukunft noch Leute wie Ulrich Seidl und natürlich den Oscar Gewinner Florian Henckel von Donnersmarck. Doch da gibt es noch einen anderen Regisseur, der sein Talent 2011 richtig bewiesen hat: Markus Schleinzer und zwar mit seinem kontroversen ‚Michael‘.

Michael ist auf den ersten Blick ein unauffälliger Versicherungskaufmann, doch der Pädophile hält in seinem Keller einen kleinen Jungen namens Wolfgang gefangen. Nur bei heruntergelassenen Jalousien darf Wolfang sein Gefängnis verlassen um mit Michael das Abendessen zu sich zu nehmen. Michael spielt mit Wolfang Brettspiele, schaut mit ihm Fernsehen und missbraucht ihn. Alles nimmt seinen standardisierten Lauf, bis Wolfang beginnt, sich gegen seinen Entführer aufzulehnen…

Im Zentrum des Films stehen voll und ganz die beiden Hauptdarsteller Michael Fuith und David Rauchenberger und man muss sagen, die Beiden leisten großes. Fuith spielt den pädophilen Täter Michael und besticht durch sein nuanciertes Schauspieler in jeder Szene. Unaufgeregt, unaufdringlich und vollkommen nachhaltig wirkend. Fuith versteht es, den Charakter so wiederzugeben, dass man ihm wirklich alles abkauft und geht in seiner Rolle bedingungslos auf. Ebenso Rauchenberger als Opfer Wolfgang, der in seinen jungen Jahren schon mit viel Ausdrucksstärke und Balance besitzt und seinen schweren Charakter ohne Probleme ausfüllt. Beide sind sie großartig und haben jedes Lob für ihre tolle Darstellung verdient.

‚Michael‘ ist ein Teil der Kino Kontrovers Reihe, wie auch schon ‚Tyrannosaur‘ oder ‚Ex Drummer‘, die allesamt Themen ansprechen, die am liebsten Totgeschwiegen werden und Fragen stellt, die schmerzen, aber unheimlich viel Ehrlichkeit mitbringen. In ‚Michael‘ geht es allerdings um ein Thema, welches aktueller denn je ist und jedes Elternpaar betreffen könnte: Entführung und Pädophilie. Unter Pädophilie versteht man den sexuellen Kontakt zwischen einem Kind und einem Erwachsenen. Dabei ist es ein anhaltendes Verlangen nach Kindern, die noch nicht die Pubertät erreicht haben und ein Trieb, dem man vollkommen ausgeliefert ist. Aber diese strafbare und krankhafte Neigung bedeutet auch, dass der Mensch dahinter unglaublich unter ihr leidet. Er ist zu seinem Verhalten gezwungen, einfach weil er nicht anders kann, weil er sich aus eigener Kraft nicht dagegen wehren kann und quasi seiner Sucht ausgeliefert ist. Die Sucht nach Kindern ist unumgänglich und das Verhältnis, wie auch die sexuelle Beziehung, wird immer wieder aufs Neue gesucht. Schlimm ist es in der heutigen Zeit, in der wir eigentlich offen sein sollten für diese Themen, weil sie uns täglich umkreisen, wenn sie verdrängt und unter den Tisch gekehrt werden und plump als Tabuthemen abgetan werden. Nur möglichst keinen Schmutz in die heile Welt lassen und sich den deutlichen Problemen nicht stellen. Früher oder später werden die Versuche jedoch scheitern und die Grausamkeit kann in der eh schon kaputten Gesellschaft ungestört ihre Kreise ziehen.

Wie schon Filme wie ‚Lolita‘, ‚Pretty Baby‘ oder ‚Gossenkind‘ sich der Pädophilie annahmen, sie aber immer in anderen Weisen verarbeitete, geht Markus Schleinzer auch einen neuen Weg und vielleicht sogar den realistischsten. Michael ist einer von vielen. Er ist weder auffällig, noch erscheint er in irgendeiner Art besonders. Er wäre einer dieser Menschen, bei denen man später geschockt sagen würde „er war doch immer so ruhig und normal.“ Sein dunkles Geheimnis ist gefangen hinter einer Schallgedämpften Tür im Keller: der zehnjähriger Wolfgang. Beide leben zusammen einen geregelten Alltag. Wolfgang darf aus seinem Zimmer raus, wenn die Rollladen heruntergelassen sind und sich einen Film ansehen. Sie fahren auch mal zusammen aus der Kleinstadt, besuchen einen Streichelzoo und feiern zusammen Weihnachten. Die Briefe die Wolfgang an seine Eltern schreibt, behält Michael für sich. Doch Wolfgang, der immer wieder zum Sex mit Michael gezwungen wird, beginnt langsam mit der Rebellion. Er will sich endlich wehren und aus seinem Gefängnis ausbrechen.

‚Michael‘ wird uns ab dem ersten Moment völlig ruhig und unaufgeregt erzählt. Regisseur Markus Schleinzer will nicht mit provokanten oder voyeuristischen Szenen polarisieren, sondern setzt auf gefasste Subtilität. Wir werden in ein Leben eingeführt, dass für jeden Außenstehenden absolut undenkbar und grausam ist, doch hier schon pure Normalität angenommen hat. Michael und Wolfgang führen ein geregeltes und abgeklärtes Zusammensein. Dabei liegt das Hauptaugenmerk ganz klar auf Michael, dem Täter, dem Verbrecher, der hier allerdings zu keiner Sekunde als Monster verteufelt wird oder in ein Muster gedrückt wird, in dem wir noch zum Mitleid gezwungen werden. Schleinzer dokumentiert und zeigt, ohne jeglichen moralischen Anklagen, sondern mit Bestandsaufnahmen aus einer falschen Welt, die ihre eigene Logik führt und von den damit verbundenen Gesetzen und Regeln lebt. Michael ist Arbeiter, Sohn, Freund und doch krankhaft Getriebener, der die verfälschte Vaterrolle in der imitierten Familienidylle ausspielt. Der die Liebe sucht, die er von anderen nicht bekommt. Michael ist all das, aber vor allem ist er ein Mensch(!) aus Fleisch aus Blut. Schleinzer begibt sich mit seinem Film auf Augenhöhe mit dem Verbrechen, doch verurteilt nicht. Der Kriminelle kommt in seinem sozialen Umfeld nicht zurecht und erstellt sich seine eigene Welt. Eine Welt, die nicht von der Außenwelt akzeptiert werden kann, doch in seinen eigenen Augen völlig legitim ist. Ein Doppelleben, aufgebaut auf einem Lügengerüst zur Stillung der Bedürfnisse. ‚Michael‘ ist der nüchterne und stellenweise erschütternd menschliche Blick in eine Welt, die wir nur zu gerne verdrängen würden. Mit authentischen und erschütternden Mitteln werden wir mit ihr konfrontiert und bekommen sie in einer Gewöhnlichkeit vorgetragen, die viel schmerzhafter ist, als jede offene Darstellung der sexuellen Handlungen zwischen Mann und Kind.

Fazit: Unser Nachbarland hat wieder bewiesen, wie viel Potenzial in ihm steckt. ‚Michael‘ ist kein leichter Film und wird sich noch lange nach dem Ende des Films in den Köpfen der Zuschauer festsetzen. Pädophilie ist ein schwieriges und heikles Thema, aber leider auch ein viel zu aktuelles. Man sollte ‚Michael‘ gesehen haben, um sich in diese Menschen hineinversetzen zu können, nicht um ihr Handeln zu akzeptieren, auf keinen Fall, aber um es vielleicht etwas weiter zu verstehen. Die tollen Darsteller, die kalten Bilder und Schleinzer Inszenierungen machen ‚Michael‘ zu dem, was er ist: ein verdammt starker und nachwirkender Film.

Bewertung: 8/10 Sternen