Michael Haneke – Die Trilogie über die emotionale Vergletscherung in der postindustriellen Konsumgesellschaft (AT 1989-1994)

Autor: Pascal Reis

nullDas Kino des Michael Haneke ist eines ohne Antworten. Michael Hanekes Werke legen keinen Wert auf das Entschlüsseln und die Schwerpunkte seiner Inszenierungen liegen nie auf den Auflösungen, wie wir es aus dem von Haneke verhassten (Mainstream-)Kino gewohnt sind, dort wo es keine Geheimnisse gibt, wo der Zuschauer nicht mehr zum Nachdenken angeregt wird. Haneke stellt schmerzhafte Frage und zielt auf die wunden Punkte der postindustriellen Konsumgesellschaft, in dem er den Rezipienten dazu zwingt, sich mit dem Gezeigten auch noch lange nach dem Abspann auseinanderzusetzen. Bei Haneke ist Perzeption ebenso wichtig wie die erforderte Eigeninitiative. Für den Österreicher gibt es nichts Schlimmeres als die plumpe Konsumierbarmachung von Gewalt und die Verherrlichung von widerwärtigen Charaktereigenschaften, er assoziiert den Mainstream mit der freigeschaufelten Lüge des Seins, mit endloser Langeweile. Durch seine charakteristische Nüchternheit und der ungemeinen Menschenkenntnis hat sich Haneke in Kürze zu einem meiner Lieblinge auf dem Regiestuhl entwickelt und seinen Ansichten zum Medium, der Gesellschaft und dem Leben per se in Interviews zu lauschen, ist immer wieder ein interessanter Hochgenuss. HIER geht es zu einer weiteren Werkschau von Michael Haneke.

„Der siebente Kontinent“ (AT 1989)

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»Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm‘.«

»Der siebente Kontinent« lässt sich als zutiefst nihilistisches Protokoll einer usuellen Familie der sozialen Mittelschicht verstehen. Ihr Alltag ist längst der maschinellen Monotonie gewichen und jeder herkömmliche Handgriff, jede wiederholte Geste, gleicht einem lieblosen Trott. Das Gefühl der Lebensfreude wurde durch die gesellschaftliche Entfremdung ersetzt und normale Dinge wie das Abtrocknen des Geschirrs oder das Decken des Essenstisches sind in diesem familiären Kreis nur noch ein stummer Schrei nach Revision – Aussichten auf Erfüllung sind nicht mehr vorhanden. Michael Haneke dokumentiert in seiner elliptischen Narration die gängigen Abläufe der dreiköpfigen Familie und legt keinen Wert darauf, den Zuschauer mit Antworten zu füttern, sondern bündelt die gesamte Kraft seiner nüchternen Inszenierung in die konstant anhaltende Wirkung des dritten Kapitels und evoziert dabei eine physische Härte, die bis weit über die Schmerzgrenze hinausschießt. In »Der siebente Kontinent« gehen Zerstörungswut und Befreiungsakt Hand in Hand, die Metaphorik des seelischen Todes spült aus der zerschlagenen Aquarium und das Meer, der Strand, der Horizont und das Gebirge leiten die Reise zum siebenten Kontinent ein. Hanekes Werk ist in seiner quälenden Art gerade deshalb so bitter, weil das präzise Porträt des Familienbildes in keinem festen Land verankert wurde, die Grundlage ist von universeller Natur und dabei nie vollends zu entziffern. Wir erkennen uns in manchen Augenblicken wieder und diese Selbsterkenntnis beißt sich ins Fleisch, vor allem dann, wenn man sie daraufhin mit aller Macht verdrängen möchte.

„Benny’s Video“ (AT 1992)

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»Warum hast du das getan?«

Wo der ein oder andere Rezipient fälschlicherweise einen erhobenen Zeigefinger seitens Michael Haneke in »Benny’s Video« erkennen möchte, der das heikle Medium Film gerne verteufeln würde und dem Zuschauer daraufhin durch seine puritanische Moral Vorschriften macht, dämonisiert Haneke eben nicht den Film als Ganzes, sondern platziert sein kritisches Hauptaugenmerk an einer ganz anderen Position. Haneke prangert mit Vorsicht die möglichen Auswirkungen der Kraft von permanenten Illusionen an, die natürlich immer im zeitgenössischen Kontext der seelenlosen Mentalität unserer Gesellschaft stehen und für bestimmte Personen, die in ihrer Realität das Gefühl von Annahme vermissen müssen, ein fortschreitendes Risiko werden könnten, denn der Reiz, den Affekt der Fiktion in das reale Dasein zu manövrieren wächst.

Die Realitätsflucht ist ein ganz anderer Bereich in Bezug auf Film und Wirkung, dem sich jeder Konsument freiwillig und ohne Bedenken unterziehen darf, schließlich ist das auch eines der Ziele – in welchem Genre wir uns auch immer befinden mögen – die ein Werk anstrebt und verüben möchte. In »Benny’s Video« steht die titelgebende Figur Benny (Arno Frisch) im Mittelpunkt, für den die Videos nicht nur ein flackernder Ersatz für seine unbefriedigenden Familienverhältnisse mit seinen Eltern (Ulrich Mühe, Angela Winkler) sind, sondern sie verleihen ihm auch das Gefühl von Kontrolle und Macht über Geschehnisse, über Leben und Tod, die er durch seine Fernbedienung nach Belieben bestimmen kann. Aus dieser rein digitalen Macht entspringt jedoch ein Interesse, welches sich auf den Mattscheiben kontinuierlich in jeder Form abspielt und für den Zuschauer längst in konsumierbare Formen gepresst wurde: Die Gewalt. Es kommt dabei nicht von ungefähr, dass die ausschlaggebende Szene des Filmes nicht nur Off-Screen vollzogen wird, der Zuschauer blickt währenddessen auch auf einen weiteren Bildschirm. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Michael Haneke ist sich dabei natürlich vollkommen im Klaren, dass man seine Intention von Grund auf missverstehen könnte und seine Funktion als nüchternen Beobachter durchgehend ablehnt, weil man den gravierenden Fehler begeht und das gezeigte Schicksal von Benny breitflächig pauschalisiert. Die Relation zur Wirklichkeit ist greifbar und in Wahrheit natürlich genauso in unserer Nähe anzutreffen, wie sie auch ein Teil des Bekanntenkreises von Benny wurde – Alle eschauffierten Zweifler sollten einmal hin und wieder einen Blick in die Zeitungen werfen, der Rest klärt sich daraufhin von ganz allein. »Benny’s Video« steht schlussendlich vielmehr für die Flucht vor den eigenen Verantwortungen, in der das humane Prinzip der Reziprozität die Frage nach Schuld aufwirft. Es ist ein Film über die Gefangenschaft in einer Welt, die sich nicht nur aus Distanz und Manipulation erhebt, es ist auch eine Welt, die gänzlich durch projizierte Bilder verstanden wird. Natürlich ist das ein enorm wichtiges Werk.

„71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ (AT 1994)

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»Was hast du gestern geträumt?«

Nach »Der siebente Kontinent« und »Benny’s Video« verlässt Michael Haneke den innerfamiliären Radius und erweitert sein erzählerisches Spektrum dahingehend, um in »71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls« einen integren Schnitt durch die ihm vertraute Konsumgesellschaft zu vollziehen, dem postindustriellen Zeitalter, in dem die Vergletscherung der Gefühle das Geschehen bestimmt und in dem den Menschen jeder Glaube verloren gegangen ist. Die fragmentarische Umsetzung steht symptomatisch für das Wahrnehmungsgleichnis unserer aller Realität: Wir sehen wenig, wir verstehen noch weniger. Das Leben selbst ist eine Ansammlung von vorbeirasenden Fragmenten, von unvollendeten Bruchstücken, die wir jeden Tag aufsaugen, deren Anwesenheit wir realisieren, aber wir können nicht hinter die Oberfläche blicken, wir können uns Antworten lediglich akkurat zurechtlegen, doch von reeller Natur sind diese trocknen Spekulationen in den seltensten Fällen. Für die Charaktere in »71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls« ist Schönheit nur als Metaphysis vertreten, während die Schmerzen der individuellen Lage und die Sehnsucht nach einer anderen Welt fortwährend erkennbar sind. Doch Hanekes Pointierung ist nicht die plumpe Darstellung der kontemporäre Kommunikationslosigkeit, in der zwischenmenschliche Nähe zu bitterer Stille führt, Hanekes Film ist auch – wie immer – eine Anregung zur Selbstreflexion und eine Proklamation an die verkrüppelte Humanität, die die ignorante Rohheit vielleicht irgendwann durch etwas Nächstenliebe ersetzen könnte. Die filmische Fragmentierung als letzte Projektion der Wahrheit ist nur der (Gedanken-)Anstoß, der Rest liegt nun an jedem Einzelnen.