"Milk" (USA 2008) Kritik – Sean Penn in der Rolle seines Lebens

Autor: Pascal Reis

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„How do you teach homosexuality? Is it like French?“

Jeder redet von Toleranz, doch die schrägen Blicke bleiben beständig. Schlendert ein homosexuelles Pärchen durch die Einkaufspassage, schaut sich verliebt in die Augen, sanft Händchenhaltend, Küsse auf die Wangen schenkend, dann beginnt das Getuschel hinter vorgehaltener Hand von allen Seiten. Dass auch noch heutzutage ein zutiefst heteronormatives Gesellschaftsmuster unantastbar floriert, lässt sich als nur soziologische Niederlage manifestieren, die den Menschen, der doch immer nach der größten technologischen Klimax strebt, im Umgang mit seinem Umfeld aber zum tumben Neandertaler (zurück-)erklärt. Es ist daher nur von einer unheimlichen Signifikanz gezeichnet, der kontemporären Kinolandschaft einige Vertreter zu senden, die sich mit dieser zwischenmenschlichen Problematik auseinandersetzen; die die weitreichenden Diskriminierungen versuchen in die Schranken zu weisen, obwohl es – wie gesagt – ein Armutszeugnis ist, derartigen Kraftaufwand anzuwenden, um die Menschen von der Normalität dieser sexuellen Orientierung zu überzeugen. Das Biopic „Milk“ sollte in Zukunft exemplarisch dafür herangezogen werden.

Harvey Milk (22. Mai 1930 – 27. November 1978) gilt als erster Politiker der Vereinigten Staaten, der auch in der Öffentlichkeit ohne Ausflüchte zu seiner Homosexualität stand. Trotz unzähliger Rückschläge bei verschiedenen Wahlen für ein politisches Amt, schaffte es Milk 1997 tatsächlich, in den Stadtrat gewählt zu werden: Ein unschätzbarer Erfolg! Gus Van Sant („Good Will Hunting“) hat sein goldenes Händchen bereits einige Male bewiesen, tingelte durch die tiefsten Indie-Sümpfe und schaffte es auch durchaus, im Studio-Mainstream Fuß zu fassen. Sein von Dustin Lance Black („J.Edgar“) geschriebenes Biopic „Milk“ steht natürlich ganz in der Tradition seiner unzähligen Vorgänger. Anders aber als andere Filme, die ihr Publikum mit einer echten Faktenflut zu erschlagen drohen oder Tatsachen verschleiern, um einen profitableren dramaturgischen Ertrag daraus erzielen zu können (wie zum Beispiel Ron Howards Dummfilm „A Beautiful Mind“ mit Russell Crowe), folgt „Milk“ einem herrlich geerdeten Strickmuster und macht über seine 120-minütige Laufzeit immer einen angenehm schwungvoll Eindruck, ohne die eigenen Ambitionen dem blanken Effekt unterzuordnen.

„Milk“ schafft es geradezu hervorragend, die private wie politische Vita des Harvey Milk unter einen Hut zu bringen, ohne in ein narratives Ungleichgewicht zu kippen. Vielmehr keimt daraus eine Symbiose der Wahrhaftigkeit, die die Persönlichkeit Harvey Milk und sein unermüdliches Engagement greifbar machen. Was natürlich nicht zuletzt an der famosen Performances des herausragenden Charakterdarstellers Sean Penn („Mystic River“) liegt. Er ruft Harvey Milk durch sein plastisches Spiel zurück ins Leben, verklärt ihn nicht zu einer bloßen Karikatur, sondern schildert ein exzellentes Porträt, dem man sich nicht entziehen kann. Körperhaltung, Mimik und Gestik sind der Beweis dafür, dass Penn nicht umsonst als ein Method Acter der absoluten Extraklasse gilt. Aber im Allgemeinen ist „Milk“ wirklich wunderbar gecastet: Ob James Franco („Spring Breakers“), Emile Hirsch („Killer Joe“), Diego Luna („Elysium“), Josh Brolin („Men in Black 3“ oder – eine wirklich gut geschrieben Frauenrolle in einem Film von Gus van Sant, hört, hört – Alison Pill („Snowpiercer“). Sie alle machen eine mehr als gute Figur und sorgen eben auch dafür, dass „Milk“ – trotz seiner visuellen Kreativität – ein echter Ensemblefilm ist.

Man würde Harvey Milk Unrecht tun, würde man ihn NICHT zum Helden erklären. Er wurde ein Sprachrohr für die Menschen, die unreflektiert in eine Schublade mit schlimmsten Sexualstraftätern geschoben wurden. Den Menschen, die keine Berufe ausfüllen durften, in denen sie als Autoritätsperson ihr Geld verdienten. Als Angehöriger der Demokratischen Partei, war es Milks Pflicht, gegen die Konservativen und ihre reaktionären Ansichten in den politischen Kampf zu ziehen. Wie „Milk“ diesen Schlagabtausch allerdings löst, gehört zweifelsohne mit schallendem Applaus honoriert. Denn während es das Drehbuch tunlichst vermeidet, Harvey Milk zu glorifizieren, obwohl sein Sanftmut, seine Herzenswärme schon irgendwie eine schlagkräftige Einladung dazu gewesen wären, werden auch die Kontrahenten aus der Konservativen Partei niemals dämonisiert, sondern angehört, wenngleich man ihre Ideologie gewiss nicht teilen kann. Interessant ist auch die nuanciert dargebotene Figur des Dan White (gespielt von Josh Brolin), der später zur Waffe greifen und Milk erschießen wird, dessen Motive jedoch rein auf die interpretative Ebene entschlüsselt werden.

Dieser Film ist ein Geschenk. Ein berührendes, reifes, aber niemals manipulatives Erlebnis, das sich zu einem echten Plädoyer für die Gleichberechtigung aufbäumt und dem Pathos vom Gutmenschen konsequent entsagt. Die letzten Worte gebühren an dieser Stelle dem Bürgerrechtler höchstpersönlich: „I ask this… If there should be an assassination, I would hope that five, ten, one hundred, a thousand would rise. I would like to see every gay lawyer, every gay architect come out – – If a bullet should enter my brain, let that bullet destroy every closet door… And that’s all. I ask for the movement to continue. Because it’s not about personal gain, not about ego, not about power… it’s about the „us’s“ out there. Not only gays, but the Blacks, the Asians, the disabled, the seniors, the us’s. Without hope, the us’s give up – I know you cannot live on hope alone, but without it, life is not worth living. So you, and you, and you… You gotta give em‘ hope… you gotta give em‘ hope.“