"Der Mondmann" (USA 1999) Kritik – Jim Carrey in der Rolle seines Lebens

„Du bist kein schlechter Mensch, du bist ein komplizierter Mensch.“

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Was muss ein Regisseur tun, damit er im Mittelpunkt steht und die Welt ihn feiert, oder auch das Maul über ihn zerreißt? Natürlich muss er eine gewisse Qualität abliefern, damit man überhaupt auf ihn aufmerksam werden kann, doch auch die Medien und die gesellschaftliche Mundpropaganda tragen ihren schwerwiegenden Teil zum Bekanntheitsgrad des belieben Regisseurs bei. Hype ist in diesen Fällen das richtige Wort, von dem wohl ganz besonders Regisseure wie Quentin Tarantino oder Christopher Nolan Teil sind, die vor ihren Filmstarts schon in die höchsten Höhen gehoben werden, ohne ihr Produkt vorgestellt zu haben. Tragisch sind in diesem Fall die Filmemacher, die nicht nur Talent besitzen, sondern Könner sind und ihr Handwerk vollkommen verstehen, aber nie den gebührenden Ruhm und weltweite Anerkennung bekommen können. Ein solcher Fall ist der in der Tschechoslowakei geborene Milos Forman, dem es an hochkarätigen Auszeichnungen nun wirklich nicht mangelt. Sowohl für sein Meisterwerk ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘, als auch die Mozart-Biographie ‚Amadeu’s konnte Forman zweimal den Oscar für seine Regie entgegennehmen. Dazu inszenierte er mit ‚Larry Flint‘ noch ein anderes Biopic und spätestens jetzt sollte feststehen, dass Forman es wirklich drauf hat. Der Erfolg wollte jedoch nie kommen, was seine Filme natürlich in keinem Fall schlechter macht, oder den Filmemacher auch nur in irgendeiner Weise ausbremste, im Gegenteil. 2006 meldete sich Forman nämlich mit einem Meisterwerk, dem Biopic über Andy Kaufman zurück: ‚Der Mondmann‘.

Andy Kaufman war schon immer ein komischer Vogel. Als er dann als Erwachsener durch die Bars und Kneipen tingelt, die er mit seinen Auftritten „beglückt“, wird dieser Eindruck noch gefestigt. Andy meint, er versteht nichts davon, wie man witzig ist, sondern will sich einfach eine Karriere als Sänger und Imitator starten, dabei löst er jedoch riesige Brüller aus und spaltet das Land dabei in zwei klare Gruppen. Die einen vergöttern Andy, die anderen verabscheuen ihn. Was Andy dabei besonders gerne macht, ist das Publikum hinter das Licht zu führen, während er seine Persönlichkeiten immer wieder wechselt und zum Ringkampf gegen freiwillige Frauen pfeift. Niemand weiß, was in diesem Mann nun vorgeht und was geplant, oder wahr ist…

Seit Anbeginn der Filmgeschichte sind Biografien eines der beliebtesten Themen überhaupt. Was gibt es auch schöneres, als seinen geliebten Star, der inzwischen vielleicht schon verstorben ist, noch einmal auf der großen Leinwand zu erleben, zu fühlen und sich von dem Lebensweg beeindrucken zu lassen und damit nicht nur begeistert wird, sondern im besten Fall auch etwas lernen kann. Aber eine Biografie ist nicht immer gut und lässt sich in die verschiedensten Qualitätsklassen und unterschiedlichen Sorten einordnen. Da hätten wir zum Beispiel die erfundenen, wie ‚Forrest Gump‘, ‚Der seltsame Fall des Benjamin Button‘, oder ‚Scarface‘, die zwar alle um wahre Ereignisse tanzen, aber keinen historischen Charakter aufgreifen. Dann wären da die Biografien, die sich einer realen Person annehmen, aber die Umsetzung den Hollywoodregeln und Konventionen entsprechend verfälschen, oder auch gleich etwas richtig Schlechtes aus dieser Person machen. Beispiele wären ‚A Beautiful Mind‘, der zwar kein schlechter Film ist, aber John Forbes Nash nicht ehrlich anpackt und natürlich ‚Zeiten ändern dich‘, in dem Skandalrapper Bushido mit voller Wucht gegen die Wand rennen durfte. Aber es gibt zum Glück die Gegenteile und die Filme, die sich einer bestimmten Person mit viel Fingerspitzengefühl und Klasse annehmen. Ob es Gus van Sant mit seinem Meisterwerk ‚Milk‘ ist, David Lynch mit ‚Der Elefantenmensch‘ und Tim Burton mit ‚Ed Wood‘. In diese hochwertige Reihe darf sich Milos Forman mit ‚Der Mondmann‘ ohne jegliche falsche Scham stellen.

Das ‚Der Mondmann‘ so wunderbar funktioniert, liegt vor allem an Jim Carrey, der hier seine mit Abstand beste Karriereleistung abliefert. Jeder von uns kennt Carrey ganz besonders in der Rolle der albern-peinlichen Grimassenschneider, der sich von Zote zu Zote stolpert und jegliche Vielschichtigkeit, oder auch schauspielerisches Talent vermissen ließ. Heute wissen wir, Carrey kann ein fantastischer Charakterdarsteller sein, wenn ihm die Rolle auch wirklich angepasst wird. Eines kann man hier also mit Fug und Recht behaupten: Carrey spielt nicht nur, sondern wird zu Andy Kaufman. Jeder Wimpernschlag, jedes Grinsen und jede Handbewegung atmet Kaufman aus. Carrey perfektioniert seine Gestik und Mimik und verschmilzt mit dem eigenwilligen Komiker. Eine Schande ist es, dass Carrey lediglich den Golden Globe bekommen hat, denn besser kann man nicht schauspielern und eine Figur wiedergeben. Neben Carrey überzeugen allerdings auch die hochkarätigen Nebendarsteller, denen Carrey zwar ohne Probleme die Show stiehlt, aber sie dennoch ihr Können zeigen lässt. Da wäre Danny DeVito als Manager George Shapiro, Paul Gimatti als Andys Autor und Freund Bob Zmunda und Courtney Love als Andys Freundin Lynne Margulies. Alle sind sie großartig und offenbaren zu keinem Zeitpunkt eine Schwäche.

Andy Kaufman wird den wenigsten Leuten in Deutschland etwas sagen, doch in Amerika genießt der extreme Komiker längst Kultstatus. Seine ersten Auftritte zeigten schon, dass Kaufman kein Comedian von der herkömmlichen Sorte ist. Er singt Kinderlieder über Tiere, verstellt seine Stimme und liefert eine herrliche Elvis-Imitation, die ihm zum Durchbruch verhilft. Der Manager Dave Shapiro erkennt Talent in dem bislang unbekannten jungen Mann, doch Andy sieht sich nicht als Komiker, vielmehr ist er ein Imitator und Sänger. Shapiro verhilft Andy zu einer Rolle in der beliebten Sitcom „Taxi“, obwohl er Sitcoms hasst, sind sie doch ein Sprungbrett für die große Karriere. Dazu kommt es immer wieder zu Auftritten von einem Raufbold namens Tony Clifton, der angeblich ein Nachtclubsänger in Las Vegas ist, doch in Wahrheit nur eine weitere Rolle von Andy, oder seinem Freund Bob ist. Und hier haben wir schon den Knackpunkt von Andys Humor. Was er am meisten liebt, ist es, die Menschen an der Leine zu halten und sie immer wieder hinters Licht zu führen. Ihm liegt die Rolle in der Sitcom nicht und er versucht mit seiner doppelten Persönlichkeit irgendwie aus dem Vertrag zu kommen, um sich dann gefakte Wrestlingkämpfe mit Frauen zu liefern, die ebenfalls abgesprochen sind, aber die Zuschauer immer wieder aus der Fassung bringen. Andy wird gehasst und geliebt, doch das Schicksal meint es nicht gut mit ihm und der Lungenkrebs schleicht sich in sein Leben.

‚Der Mondmann‘ ist alles andere als ein normaler Film. Das macht sich schon in den ersten Minuten bemerkbar, wenn wir von Andy begrüßt werden und er uns den Abspann des Filmes zeigt, nur um die desinteressierten Zuschauer schon mal abzuwimmeln. Was nach diesem ungewöhnlichen, aber genauso genialem Einstieg folgt, ist eine noch viel bessere Geschichte um einen Außenseiter, der sich in der Welt durchsetzen will, aber von der Gesellschaft aufgrund seiner Eigenart nicht wirklich angenommen wird. Sein Humor ist da das größte Problem. Andy führt die Zuschauer immer wieder auf eine falsche Spur, um sie irgendwie hinter das Licht zu führen und eine Situation heraufzubeschwören, die vollkommen ernst und ausufernd erscheint, aber eigentlich nur ein abgesprochener Jux ist. Die spezielle Komik will nicht ankommen und seine Späße ohne Scham oder Limits werden nicht nur mit gemischten Gefühlen angenommen, sondern auch nach einiger Zeit nicht mehr gewollt. Die Frage die sich stellt ist, wie man Andy nun selber betrachten möchte. Ist er verrückt oder genial? Ist er ein abstoßender Trottel, oder eine Lachgarantie, der ganz eigenen Sorte? Regisseur Forman gibt darauf keine Antwort, dafür beantwortet er die Frage, wer Andy ist mit einer ganz einfachen Tatsache: er ist ein Mensch, mit Träumen und schweren Problemen. Dabei konzentriert er sich in seiner Inszenierung fast vollkommen auf die Karriere. Was auch genau richtig ist, denn den Charakter von Kaufman präzise einzufangen, wäre einfach ein unmögliches Vorhaben gewesen, denn was in diesem Mann vorging, kann niemand beantworten, wahrscheinlich konnte Kaufman das nicht mal selbst. Viel mehr erleben wir hier eine einmalige Biografie, über einen Menschen, den es so nur einmal gegeben hat. Absurd, komisch, herzlich, sensibel, extrem exzentrisch, unterhaltsam, tragisch und einfach schön. Genau das ist ‚Der Mondmann‘, der durch seinen brillanten Spagat aus Tragik und Komik zu etwas ganz besonderem wird und Andy Kaufman ein fantastisches Denkmal setzt.

Fazit: Wenn doch nur jedes Biopic mit einem solchen Können inszeniert werden würden, dann dürften wir uns glücklich schätzen. Forman weiß was er tut und wie man den schwierigen Menschen Kaufman perfekt anfasst und vermittelt. Dazu natürlich der hervorragende Jim Carrey in der Rolle seines Lebens, der sich für den Film durchgehend opfert und wirklich jede Anerkennung für seine brillante Darstellung verdient hat. ‚Der Mondmann‘ ist grandioses Kino, welches gesehen werden muss, einfach weil er in jeder Szene auf den Punkt inszeniert und immer mit dem nötigen Respekt bestückt wurde.

Bewertung: 9/10 Sternen