Kritik: Moon (GB 2009)

„Vielleicht hast du dir ja was eingebildet.“

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In nicht allzu ferner Zukunft wird der Mond nach Rohstoffen ausgebeutet. Die automatischen Stationen werden von jeweils einem Astronauten betreut. Einer dieser Astronauten ist Sam Bell. 3 Jahre hat er fast um. Kurz bevor er zur Erde zurückkehren kann, stolpert er jedoch über einen bewußtlosen Astronauten, der genauso aussieht wie er.

Allein das Poster von „Moon“ beschwört alte Zeiten herauf, für einen Science-Fiction-Film doch recht unerwartet. Nur betrachtet man das Plakat genauer, entpuppt sich das Nostalgie-Element mehr als lässige Retroness.

Duncan Jones setzt diesen Aspekt auch filmisch um, aber inwieweit man hier von Retroness sprechen kann ist fraglich. Viel eher ist dieser „alte“ Charme der langen Abstinenz guter Genre-Beiträge geschuldet.

Denn während Chris Nolan mit „Inception“ das Blockbuster-Kino erneuert, wird durch „Moon“ der Hard-Sci-Fi wieder zum Leben erweckt. Das ist aber auch nur die halbe Wahrheit. Nochmal zur Definition: Als harte Science-Fiction werden Werke bezeichnet, die ein großes Augenmerk auf wissenschaftliche Genauigkeit und auf die tatsächliche Realisierbarkeit der technischen Neuerungen legen. Es steht also weniger die fantastische Ausschlachtung des Genres („Star Wars“) oder die Entwicklung einer Utopie/Dystopie im Vordergrund („Blade Runner“), sondern der Einfluss neuer Technologien.

Nun kann Jones, wie zuvor erwähnt, die Definition nur zur Hälfte bedienen. Sowieso ist reine Hard-Sci-Fi eine ganz mühselige Sache, die wohl nur Nerds hinterm Ofen hervorlockt. In „Moon“ geht es in erster Linie um die Hauptfigur Sam Bell, gespielt von Sam Rockwell. Die Technik muss hinten anstehen, hat aber auf das Leben unseres Protagonisten einen gravierenden Einfluss. So viel sei gesagt.

Wer den Film gerne anhand seines Twists und seiner Handlungsführung kritisieren möchte, soll das tun, aber ohne mich. Die clever gebaute Geschichte macht keine Geheimnisse und auch Jones schien kein Interesse daran gehabt zu haben, den Zuschauer lange auf die Folter zuspannen oder seine Wendungen als Ässe auszuspielen. Hier wird das Publikum nie auf eine falsche Fährte gelockt und bis zur Auflösung bei der Stange gehalten um dann fallen gelassen zu werden. Jones ist kein Shyalaman.

Trotz der fast schwerelosen Erzählweise des Films kommt nie ein Funken Langeweile auf. Die Dramaturgie funktioniert tadellos und rafft an den richtigen Stellen, z.B. wird nicht zu viel Zeit für die Exposition vergeudet. Die Einführung in Sams Welt wird elliptisch voran getrieben. Es sind die bekannten Einstellungen eines jeden Tagesablaufs. Nach gut zehn Minuten geht schon die eigentliche Handlung los.

Ehrlich gesagt hat „Moon“ nur sympathische Schwächen zu bieten. Das was dem Film am meisten schadet ist die eingangs erwähnte Retroness. Beim Schauen des Films hat man nie das Gefühl etwas neues zusehen. Obwohl der Film der erste Hard-Sci-Fi nach langer Durststrecke ist, legt Jones es nicht an das Genre in neue Sphären zu führen. Besonders stilistisch fallen diese Mängel auf. Das Heraufbeschwören von Klassikern wie „Solaris“, „2001“ und „Silent Running“ hat zwar einen cineastischen Charme, aber das Bild der originären Vision leidet darunter. So suhlt sich „Moon“ oft in seiner Retrospektive, z.B. wenn er klassische Musik durchs Weltall säuseln lässt, ein geliebtes Klischee. Dennoch, auch wenn Duncan Jones auf Altbewährtes zurückgreift, beeindruckt sein Film durch die ergreifende Geschichte.

Mit dem Erscheinen des zweiten Sams gewinnt der Film ungemein an Fahrt und wandelt sich zum feinen Drama. „Moon“ ist der erste Film den ich kenne, der sich so genau mit den psychischen Konsequenzen des Klones beschäftigt und es sogar wagt beide Kopien aufeinander treffen zulassen. Die Szenen zwischen Rockwell und Rockwell gehören somit zu den stärksten des Films. Ähnlich wie Jeremy Irons in „Dead Ringers“ gelingt Rockwell die klare Zeichnung zweier unterschiedlicher Charaktere. Obwohl der Film uns visuell hilft (der eine ist ein körperliches Wrack, der andere ist frisch geschlüpft), stellt Rockwell sie als zwei unterschiedliche Figuren dar.

Allein darin steckt die Kernessenz von Jones Klon-Psychogramm. Er formuliert das Klonen nicht als der Geburt menschlich unterlegenen Entstehungsprozess. Trotz der gleichen Erinnerungen und des identischen Äußeren ist jeder Klon anders und für sich ein Individium. Wie bei jedem großen Humanisten definiert sich auch bei Jones das Menschsein über sein moralisches Handeln. In diesem Kontext wirkt es nicht unglaubwürdig das Sam seinem Roboter Gerty klar macht: „Wir sind Menschen.“

„Moon“ liefert eine glaubwürdige Abhandlung über den Einfluss des Klonens und erinnert in seinen besten Momenten an eine Art Bergman-in-Space. Obwohl sich der Film stilistisch „nur“ im Dunstkreis seiner klassischen Vorbilder befindet, darf Angesichts der Rückkehr eines totgeglaubten Genres euphorisch gejubelt werden.

Bewertung: 8/10 Sternen