"Moonrise Kingdom" (USA 2012) Kritik – Exzentriker unter sich

„I’ll be outback. I’m gonna find a tree to chop down.“

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Über die letzten Jahre hat sich Wes Anderson vom Independent-Geheimtipp zum etablierten Hollywood-Regisseur gemausert, wozu besonders der finanzielle Überraschungserfolg von „The Royal Tenenbaums“ einen großen Teil beigetragen hat. Natürlich stiegen mit diesem Box-Office-Hit auch die Erwartungen an den Regisseur, eine Aufgabe, die Anderson jedenfalls unter finanziellen Gesichtspunkten nicht erfüllen konnte. Besonders schlimm erwischte es hierbei die starbesetzte Komödie „Darjeeling Limited“, die in den USA gerade einmal 11 Millionen Dollar einspielte. Doch der Erfolg an den Kinokassen sagt ja bekanntermaßen rein gar nichts über die Qualität der Filme aus, denn gerade Andersons letzte Werke, die Indien-Odyssee „Darjeeling Limited“ und der Animationsfilm „Der fantastische Mr. Fox“ gehören zu den besten Arbeiten des eigenwilligen Regisseurs. Auch mit „Moonrise Kingdom“ liefert Anderson wieder Arthouse-Kino allererster Güte: Technisch perfekt und mit der typisch andersonschen Skurrilität kreiert er diesmal nicht nur eine Geschichte um verschrobene Familienverhältnisse, sondern erzählt zugleich eine der schönsten und ungewöhnlichsten Liebesgeschichten der letzten Jahre.

New Pemzance, 1965: Im Pfadfindercamp „Fort Lebanon“ ist an diesem Morgen nichts wie gewöhnlich, denn einer der Pfadfinder ist in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus dem Lager entflohen. Sofort informiert der Scout Master Ward (Edward Norton) den lokalen Sheriff Captain Sharp (Bruce Willis) und organisiert Suchtrupps, doch unter den jungen Pfadfindern herrscht heller Aufruhr, denn der entflohene Sam Shakushky (Jared Gilman) gilt allgemein als unzurechnungsfähiger Außenseiter, dem man besser nicht unbewaffnet begegnen sollte. Doch eigentlich hat Sam gar nichts böses im Sinn, schließlich möchte er doch einfach nur mit seiner großen Liebe Suzy Bishop (Kara Hayward) durchbrennen, die er im letzten Jahr während einer Theateraufführung kennengelernt hat…

Wes Anderson wurde in diesem Jahr die Ehre zuteil, mit „Moonrise Kingdom“ die 65. Filmfestspiele von Cannes zu eröffnen. Eine Auszeichnung, die nochmals unterstreicht, dass sich der Regie-Sonderling inzwischen zu den ganz Großen zählen darf. Und das zurecht, denn was Anderson hinter der Kamera vollbringt, ist sprichwörtlich „ganz großes Kino“. Allein die Eröffnungsszene macht deutlich, mit welcher Sorgfalt und technischen Präzision der Regisseur bei seiner Arbeit vorgeht. Hier gewährt er dem Zuschauer einen intimen Einblick in das Leben der Familie Bishop, indem er mit der Kamera in ausholenden, ruhigen Bewegungen an den einzelnen Zimmern des Hauses, welches einem Puppenhaus gleich von außen einsehbar ist, vorbeizieht. Andersons Kameraführung ist dabei fast schon von maschineller Präzession, besonders die vertikale Kamerafahrt vom Keller zum Dachboden des Hauses oder die aufwendigen und äußerst detailverliebten One-Shoots in den Pfadfinderlagern erfordern sekundengenaues Timing, eine Kunst, die nur sehr wenige Regisseure so exzellent beherrschen.

Auch mit „Moonrise Kingdom“ bleibt Anderson seiner Regie-Linie treu, bilden doch wiedereinmal die Probleme einer disfunktionalen Familie die Stützpfeiler des Films. Doch der vielen Unkenrufe zum Trotz, ist „Moonrise Kingdom“ keine reine Seilbeweihräucherung geworden, sondern überrascht durch frische Ideen. So sind die familiären Probleme nur Ausgangspunkt einer äußerst ungewöhnlichen Romanze zwischen zwei eigenbrötlerischen Kindern, die ihren ersten Höhepunkt im schüchternen Kuss einer erblühenden Liebe findet und schlussendlich in einer waghalsigen Flucht vor den Obrigkeiten gipfelt. Die Fokussierung auf die eigenwillige Liebesgeschichte schafft es, dem Film eine emotionale Tiefe zu verleihen, die es in dieser Art bisher noch nicht in seiner Filmografie gegeben hat.

Wiedereinmal hat sich Wes Anderson bei der Kinderdarsteller für Newcomer entschieden, ein Wagnis, das er bereits in „Rushmore“ mit Hauptdarsteller Jason Schwartzman erfolgreich eingegangen ist. Und auch in „Moonrise Kingdom“ hat der Regisseur den richtigen Riecher gehabt, denn die beiden jugendlichen Protagonisten Jared Gilman und Kara Hayward spielen ihre Rollen so routiniert und überzeugend, dass selbst hochkarätige Hollywood-Schauspieler gegen das junge Führungsgespann den Kürzeren ziehen müssen. Denn wie in den meisten Filmen des Regisseurs üblich, ist auch in „Moonrise Kingdom“ jede noch so kleine Nebenrolle namhaft besetzt. Neben den Stammschauspielern Bill Murray („Ghostbusters“) und Jason Schwartzman („Darjeeling Limited“) sind erstmalig Bruce Willis („Stirb Langsam“), Tilda Swinton („We need to talk about Kevin“), Edward Norton („Fight Club“) und Frances McDormand („Fargo“) in einem Anderson-Film zu sehen. Besondere Freude bereitet es dabei, den markanten Action-Star Bruce Willis in einer für ihn eher untypischen Verlierer-Rolle als verweichlichten Dorf-Polizisten zu sehen und auch Edward Norton kann als Scout Master Ward endlich wieder einmal zeigen, dass er das Schauspielen noch immer nicht verlernt hat.

Zusätzliche Pluspunkte kann „Moonrise Kingdom“ noch durch die großartige Zusammenstellung des Soundtracks einfahren. Neben neu komponierter Filmmusik von Alexandre Desplat („Die Queen“) setzt Anderson vorrangig auf klassische Kompositionen von Benjamin Britten, Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Schubert. Im krassen Kontrast zu diesen zeitlosen Musikstücken, die bis zum großen Finale eine perfekte musikalische Untermalung der abgedrehten Bilderwelt darstellen, stehen vereinzelte Country-Songs von Hank Williams und der französische Chanson-Klassiker „Le Temps de l’Amour“ von Francoise Hardy, die das Geschehen eher zu kommentieren scheinen.

Fazit: Ohne Frage ist „Moonrise Kingdom“ ein typischer Anderson, der sich aber auf Grund der ungewöhnlich emotionalen Thematik dennoch von den bisherigen Werken des Regisseurs abhebt. Fans des Regie-Sonderlings werden „Moonrise Kingdom“ lieben, alle anderen sollten allein schon wegen der hervorragenden Besetzung eine Kinokarte lösen.

Bewertung: 9/10 Sternen