"Mulholland Drive" (USA/FR 2001) Kritik – Der Vorhang fällt

„Ich kann ihn durch die Wand sehen, ich kann sein Gesicht sehen!“

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1999 standen die verwirrten Fragezeichen mal wieder über den Köpfen des Zuschauers. Wenn man nun noch die Information erhält, dass es sich in diesem Jahr um einen Film von Regisseur David Lynch handelte, dann sollte der Groschen gefallen sein, doch dieses Mal war es vollkommen anders. Mit seinem Road-Movie-Drama ‚The Straight Story‘, in dem Meister Lynch Richard Farnsworth noch einmal einen großen Auftritt schenkte, ging der Filmemacher einen sensiblen und philosophischen Weg, der über das Leben und das Alter erzählte und in jeder Szene pures Gefühl übertragen konnte. Seltsam daran ist auf den ersten Blick natürlich gar nichts und auch der Film war ein großes Stück Kino, doch betrachtet man die gesamte Filmografie von Mr. Lynch, dann ist die Überraschung klar. Da hätten wir Werke wie ‚Lost Highway‘, ‚Blue Velvet‘, ‚Eraserhead‘ und auch den Kurzfilm ‚The Alphabet‘, der zu Beginn seiner Karriere den Schritt in die surreale Richtung wies. Lynch verdreht die Köpfe und wirft Fragen auf, die keine Antwort haben können. War ‚The Straight Story‘ nun das Versöhnungsangebot, oder hat der Meisterregisseur einfach das Interesse am verwirrenden Surrealismus verloren? Die Antwort darauf bekamen wir 2001 mit ‚Mulholland Drive‘ und hätte deutlicher kaum sein können.

Wieder einmal erweist es sich als äußerst schwierig, die Handlung von ‚Mulholland Drive klar einzufangen und wiederzugeben, was vor allem daran liegt, dass Lynch verschiedenste Handlungsstränge aufzeigt und verwirft. Genau genommen ist der Film in drei Bereiche eingeteilt. Da hätten wir zum einen die junge, unverbrauchte Betty, die sich in Hollywood durchsetzen will und ihren großen Traum als Schauspielerin erfüllen. Da passt es ihr natürlich genau richtig, das sie im Haus ihrer Tante wohnen darf, die ebenfalls eine Schauspielerin der älteren Fraktion in Los Angeles ist. Bei der ersten Hausbesichtigung stellt sie fest, das eine vollkommen fremde und sichtlich verschreckte Frau unter der Dusche steht, doch sie ruft nicht die Polizei, sondern lässt sie bei ihr wohnen und kommt ihr näher und näher. Die unbekannte Frau hat ihr Gedächtnis verloren und weiß weder wie sie in das Haus gekommen ist, noch wie ihr Name lautet. Dann wäre an zweiter Stelle der junge, aufstrebende Regisseur Adam, der seine Bedingungen unabdingbar durchzieht und sich von keinem Menschen in seine Pläne oder Besetzung reden lässt, bis er auf den mysteriösen Cowboy trifft, der ihn durch seine Überredungskünste manipuliert und Adam über seinen eigenen Schatten springen lässt. Und an letzter Stelle wäre da der Auftragskiller Joe, ein ziemlich trotteliger Zeitgenosse, der für ein geheimnisvolles schwarzes Buch mehrere Menschen tötet. Wie diese Handlungsstränge zusammen passen? Eigentlich gar nicht. Und Lynch will sie auch nicht verbinden. Fragen über Fragen. Was steht in dem Buch? Wer ist der Zwerg Mr. Roque und was hat es mit ihm auf sich? Und wie passen dort die Kellnerin Diane und der ängstliche Mann aus dem Café rein?

Das Lynch 2001 wenigstens eine Oscar Nominierung bekommen hat, lässt sich noch als mit einem befürwortenden Nicken betrachten, immerhin, viel erfreulicher und inzwischen auch qualitativ hochwertiger ist der Regiepreis von Cannes, und den konnte Lynch für seine hervorragende Inszenierung vollkommen zu Recht einstecken. Aber nicht nur seine Inszenierung spielt in der Liga der Perfektion, sondern auch sein vielschichtig-geniales Drehbuch zählt zu den besten der letzten Dekade. Die Fotografien von Kameramann Peter Deming geben ‚Mulholland Drive‘ genau den richtigen Flair und füllen die Szenen immer mit einer unterschwelligen Düsternis, die in ihren extremsten Momenten ohne Vorwarnung herausschreckt und den Zuschauer in einen Sog sondergleichen zieht. Ganz besonders in Verbindung mit Angelo Badalamentis Score, der das Feeling hervorragend untermalt und die kraftvollen Bilder in einen Rauschzustand treiben lässt, ob von emotionaler oder angsteinflößender Natur. Auch aus seinen Schauspieler kitzelt David Lynch, wie bereit von ihm gewohnt sind, alles heraus. Ein großes Lob muss man dem Regisseur schenken, der die bis dahin noch vollkommen unbekannte Naomi Watts bekannt machte und ihr zum großen Einstieg gleich eine Rolle gab, an der sie gut und gerne hätte scheitern können. Aber Watts zeigt gleich zu Anfang ihrer Karriere, welch fantastische Charakterdarstellerin in ihr steckt und meistert die Rollen von Betty Elms bis Diane Selwyn mit facettenreiche Bravour. Und auch die weiteren Rollen sind mit Laura Harring als verwirrte Rita, Justin Theroux als Adam und Mark Pellegrino als Joe blendend besetzt, aber in Sachen Besetzung hatte Lynch schon immer ein Händchen.

„Silencio.“

Mit ‚Mulholland Drive‘ lädt uns David Lynch nicht zu einem irrwitzigen Mindfuck ein, sondern reißt uns ab der ersten Sekunde direkt auf die Straße der unausweichlichen Finsternis. Hier lässt er den Traum von Hollywood in seine Einzelteile zerbrechen und den Wunsch nach dem großen Durchbruch als desillusionierenden Vorhang auf die Bühne der Verlorenheit knallen. In einer Welt, in der sich Alpträume und verstellte Realität die Hand geben, treffen mehre Charaktere aufeinander, die offensichtlich nichts miteinander zu tun haben, doch auch nach dem Ende des Films kann man die groben Verbindungen zwischen den Figuren nur erahnen und irgendwie kombinieren, auf eine eindeutige Antwort wird man nicht kommen, vor allem nicht, wenn man mit anderen Menschen über den Film diskutieren möchte, denn in diesem komplexen Seelentrip erkennt jeder Zuschauer etwas anderes. ‚Mulholland Drive‘ ist ein rätselhaftes Verwirrspiel, welches in seiner tragischen Zerstörung von Hoffnungen und Wünschen eine Illusion aus Ängsten und Schönheit beschwört, die man in dieser anziehenden, surrealistischen und doch erschreckend faszinierenden Art nicht noch einmal sehen wird. Die Traumfabrik wird auseinandergenommen, die Odyssee aus Sex, Charme, Wahnsinn, Andeutungen und undurchsichtiger Dunkelheit endet in einem verstörenden Fassadensturz, der keine Antworten geben will und sich auch nicht wie ein Reißverschluss schlüssig zusammenfindet. Hier schließen alle Beteiligten im einsamsten, schmerzhaftesten und ausweglosesten Moment konsequent die Augen.

Fazit: ‚Mulholland Drive‘ lässt sich unmöglich in ein Genre einordnen, denn mit seinen unzähligen Elementen, die auf mysteriösen, erotischen, dramatischen und angsteinflößenden Ebenen verlaufen, weiß Lynch jeden Konventionen und Eingrenzungen aus dem Weg zu gehen. Wer Antworten erwartet, der wird enttäuscht sein und wer spannende Unterhaltung für einen geselligen Abend verlangt, ist ebenfalls an der falschen Adresse. ‚Mulholland Drive‘ ist ein psychologischer Alptraum, irgendwo zwischen Schein, Illusion, Traum und grenzloser Genialität. Visuell brillant, inszenatorisch unnachahmlich und schauspielerisch meisterhaft wird ‚Mulholland Drive‘ nicht jedem gefallen, doch er wird reichlich Zündstoff für Diskussionen und Interpretationen geben. Ein unvergleichliches Bilderrätsel, das den Zuschauer gefangen nimmt und gut 140 Minuten durch die Finsternis treiben lässt, ohne ihm eine helfende Hand zu reichen.

Bewertung: 9/10 Sternen