"Nachtzug nach Lissabon" (DE/PT/CH 2013) Kritik – Geschichte im Konjunktiv

Autor: Jan Görner

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„Wenn wir jung sind, leben wir als seien wir unsterblich.“

Auf dem Weg zur Arbeit trifft der Lehrer Raimund Gregorius (Jeremy Irons) eines Morgens auf eine junge Frau (Sarah Spale-Bühlmann), die sich von einer Brücke stürzen will. Kurzentschlossen greift der sonst zurückhaltende Mann ein und nimmt die Fremde mit in seine Lateinstunde an einem Berner Gymnasium. Doch mitten im Unterricht verlässt sie Frau das Zimmer, zurück bleibt nur ihr roter Mantel, in dessen Tasche Raimund einen schmalen Philosophieband des portugiesischen Dichters Amadeu de Prado (Jack Huston) findet, zwischen den Seiten Fahrkarten für einen Nachtzug in die Heimat des Autors. Als er die junge Unbekannte jedoch nicht am Bahnhof antrifft, besteigt Raimund schließlich selbst den Zug. Beseelt von dem Wunsch mehr über das Buch und seinen Urheber zu erfahren, macht er sich in Lissabon auf Spurensuche. Es gelingt ihm schließlich Prados Schwester Adriana (Charlotte Rampling) ausfindig zu machen. Raimund stellt fest, dass Amadeu, im Hauptberuf Arzt, bereits 1974 verstorben ist. Von seinem einzigen Buch existieren lediglich 100 Exemplare. Mehr zufällig gerät der unbedarfte Lehrer an weitere Zeitgenossen des Schriftstellers aus der turbulenten Zeit am Vorabend der portugiesischen Nelkenrevolution und begibt sich auf eine Exkursion in die Vergangenheit.

„Nachtzug nach Lissabon“ basiert auf dem gleichnamigen, 2004 erschienenen Roman des schweizer Schriftstellers und Philosophen Peter Bieri, besser bekannt unter seinem Pseudonym Pascal Mercier. Dessen Verfilmung ist nicht weniger als ein paneuropäisches Prestigeprojekt, schließlich handelt es sich um einen internationalen Bestseller, der in 35 Sprachen übersetzt wurde. In diesem Sinne ist auch die Wahl des dänischen Oscar-Gewinners Bille August (1989 für „Pelle, der Eroberer!) als Regisseur zu verstehen, hat dieser doch u.a. bereits „Fräulein Schmillas Gespür für Schnee“ oder „Das Geisterhaus“ (ebenfalls mit Jeremy Irons) erfolgreich auf die Leinwand übertragen. Durch sorgsam eingewobene Rückblenden und einige narrative Auslassungen gelingt es August effizient der komplexen Handlung Herr zu werden. Das überzeugende Produktionsdesign tut ihr übriges, um den Zuschauer zurück in die 70er Jahre zu holen.

Schon das Buch krankte an einer etwas verquasten Erzählweise, die, auf die Leinwand übersetzt, mehr als behäbig daherkommt. Die philosophischen Kommentare, die ein Buch durchaus bereichern, weil sie zum Nachdenken und Zurückblättern anregen, überfrachten die letztendlich doch recht schlichte Story um Liebe und Verrat, welche die Kinoversion präsentiert. Ärgerlich stößt zudem die fehlende sprachliche Sensibilität der Vorlage auf. Da reißt der in sauberstem Englisch parlierende Lateinlehrer aus Bern mal eben nach Lissabon und trifft auf Einheimische, die lediglich ihr Akzent als Portugiesen ausgibt. In der deutschen Synchronfassung wird gleich auf jegliche Unterscheidung verzichtet. Von der Liebe des Altsprachlers zum Portugiesischen, die im Buch deutlich wird, bleibt so nichts übrig.

Der Film erzählt auf 110 Minuten von einer Selbstfindungsreise eines „Best Agers“ in der Sinnkrise. Die Hauptfigur Raimund entdeckt einen jungen Mann, welcher eigentlich der gleichen Generation angehört wie er, aber am Tag der von ihm herbeigesehnten Revolution an einer Hirnblutung stirbt. Und doch beneidet Raimund dem aufmüpfigen Amadeu, findet er sich selbst und sein Leben doch langweilig. Ein seelenverwandter Schöngeist, der das Leben geführt hat, für das Raimund der Mut gefehlt hat. Das wird u.a. daran deutlich, dass der pflichtbewusste Jedermann die Welt in Portugal buchstäblich durch eine neue Brille sieht. Junge Menschen, an die die Jugend nun mal leider verschwendet wird, finden das schlimmstenfalls putzig. Sei es drum, „Nachtzug nach Lissabon“ ist ein Film über gesetzte Bildungsbürger für gesetzte Bildungsbürger. Als solcher könnte die etwas seichte Geschichte um einen geschiedenen Beamten auch wunderbar im ZDF unterkommen.

Es ist Jeremy Irons, der das Projekt mit seiner Präsenz adelt. Als integrer Mittler und Beichtvater wider Willen ist er Zentrum von „Nachtzug nach Lissabon“. Dennoch ist die als Identifikationsfigur angelegte Rolle zu blass, um wirklich zu interessieren. Ähnlich verhält es sich mit seinem Pendant auf der anderen Zeitebene, Jack Hustons Amadeu. Auch er ist eine Projektionsfläche für die Verfehlungen und Wünsche seiner Mitmenschen. Als solche jedoch für sich genommen ein weniger greifbarer Charakter. Es sind die Nebenfiguren, die dem Zuschauer unablässig einhämmern, was für ein besonderes Individuum Prado doch gewesen sei, was für ein viel versprechender Mensch. Daran arbeitet sich der Film sichtbar bemüht ab. Martina Gedeck als Love-Interest ist hinreißend, wohingegen Bruno Ganz cholerische Darstellung unfreiwillig an seine zweifelhafte Leistung als Adolf Hitler in „Der Untergang“ erinnert. Es will Regisseur August nicht so recht gelingen seinen Cast in die Spur zu führen.

Fazit: „Nachtzug nach Lissabon“ ist ein etwas bieder angemachter Seniorenteller, den ein internationales Starensemble davor bewahrt, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen versendet zu werden. Ansprechend ausgestattet und schön bebildert, bleibt die Geschichte letztendlich doch zu schlicht, um wirklich von Interesse zu sein.