"Der Name der Rose" (FR/IT/DE) Kritik – Theologie, Philosophie und Ketzerei

„Glaubt Ihr, dass dies ein von Gott verlassener Ort ist?“ – „Kannst du mir einen Ort nennen, an dem Gott sich je zuhause gefühlt hätte?“

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Jeder Romanautor würde sein eigenes Werk ohne lange zu überlegen als unverfilmbar bezeichnen. Einfach weil die Schreiber der Meinung sind, ihre eigenen Worte und Gedanken lassen sich nicht in die Lichtspielhäuser aller Welt übertragen und würden im schlimmsten Film sogar noch das Buch besudeln. Man muss dementsprechend immer eine klare Trennlinie zwischen Buch und Film ziehen, doch man darf Filme nicht von vornherein zerreißen, nur weil man großer Anhänger des Buches ist. Im Gegenteil, denn oft genug wurde man schon eines besseren belehrt, selbst wenn es sich nur um Kurzgeschichten oder Novellen dreht. ‚Uhrwerk Orange‘, ‚Eyes Wide Shut‘, ‚Into the Wild‘ und ‚Stand By Me‘ sind nur einige der Beispiele, bei dem es sich mehr als gelohnt hat, die geschriebenen Vorlagen filmisch umzusetzen. Umberto Eco und sein Bestseller „Der Name der Rose“ ist auch ein gutes Beispiel, denn Eco und seine Anhänger waren einst die Menschen, die sich strikt gegen eine Verfilmung weigerten und das Wort unverfilmbar kam nicht nur einmal zu seinem Einsatz. Das Ergebnis war jedoch ein mehr als überzeugendes. Denn Regisseur Jean-Jacques Annaud nahm sich 1986 nicht nur gekonnt dem gleichnamigen Stoff an, sondern überzeugte sogar auch die Romanfans.

Wir begeben uns in das finstere Mittelalter, im Jahre 1327. Hier machen sich der franziskanische Mönch William von Baskerville und sein Novize Adson von Melk auf dem Weg zu einer Abtei der Cluniazenser, die Mitten im Apennin liegt. Hier ist es zu einem schrecklichen Zwischenfall gekommen, bei dem der Mönch Adelmo von Otranto mit schweren Verletzungen außerhalb der riesigen Klostermauern tot aufgefunden worden ist. Alle sind davon überzeugt, dass es sich um Selbstmord handelt, doch das Fenster, unter dem die Leiche von Otranto gelegen hat, lässt sich nicht öffnen. Das Rätsel ist durch Williams Intelligenz schnell aufgelöst, doch weitere Morde hält er nicht für ausgeschlossen. Und nach kurzer Zeit ist schon so weit, denn der Übersetzer Venantius von Salvemec wird in der Metzgerei in einem Kessel tot aufgefunden. Für viele der Mönche bedeutet das, die Apokalypse und das Ende der Menschheit offenbart sich nach und nach. William verschwendet jedoch zu keiner Sekunde einen Gedanken an eine solche Theorie und nachdem er die Leiche untersucht hat, lassen sich verfärbte Fingerspitzen und eine geschwärzte Zunge feststellen. William hat erneut eine Vorahnung, doch um diese wirklich bestätigen zu können, muss er in die versteckte Bibliothek, die von den Mönchen ganz besonders bewacht wird. Er und seine Gehilfe müssen immer weiter Forschen und der Sache auf den Grund gehen, bei dem nicht nur der bucklige Salvatore seine Rolle spielen wird, sondern auch der ehemalige Bibliothekar, der blinde Jorge de Burgos, hat seine Finger in dem tödlichen Spiel.

‚Der Name der Rose‘ kann vor allem durch seine authentische Atmosphäre begeistern, die ab der ersten Einstellung sofort fesselt und ihre düster-nebeligen Hand auf den Zuschauer legt. Wenn William und Adson durch die italienischen Alpen reiten und sich das riesige Gebirge langsam vor unseren Augen ausweitet, dazu ein finsterer Schleier jedes Bild umgibt, dann ist das Feeling dieser Zeit nahe dem Höhepunkt. Sind die beiden Männer jedoch in der abgelegenen Abtei angekommen und die riesigen Mauern vor ihren Augen , dann ist die Atmosphäre auf dem Limit. Dafür muss man das größte Lob an Kameramann Tonio Delli Colli aussprechen, der jede Einstellung und jede Fotografie mit dem Maximum an atmosphärischer Dichte ausgefüllt hat und nicht nur einmal Gänsehaut mit seinen Aufnahmen erzeugen kann. Ganz besonders in Verbindung mit James Horners finsterem Score, der ebenfalls seinen Teil zur Dichte beiträgt und den visuellen Eindruck noch weiter in die Höhe treibt. Mit Sean Connery als William von Baskerville hat man die Idealbesetzung für den intelligenten Mönch gefunden, denn die lebende Legende hat nicht nur unendlich viel Charisma, sondern kann auch fantastisch schauspielern und füllt ihren vielschichtigen wie sympathischen Charaktere mit Bravour aus. Neben ihn kann sich auch der damals 17 jährige Christian Slater als Novize Adson von Melk beweisen, der seiner Figur mit Menschlichkeit vertritt und an der Seite von Connery genau den richtigen Part abgibt. Aber auch die Nebenrollen sind mit Ron Perlman, Helmut Qualtinger, Volker Prechtel, Fjodor Schaljapin und Elya Baskin passend besetzt.

„Die Liebe äußert sich ursprünglich nicht als Krankheit, doch sie entwickelt sich zu einer solchen, wenn sie zur fixen Idee wird.“

Regisseur Jean-Jacques Annaud zieht ‚Der Name der Rose‘ auf den ersten Blick wie eine Kriminalgeschichte auf. Dabei begeben wir uns mit William und Adson in die Zeit des finsteren Mittelalters und treffen in einer noch finstereren Abtei ein, in der eigentlich keiner der gegenwärtigen Gläubigen wirklich vertrauenswürdig oder gar sympathisch erscheint. Immer mehr Leichen tauchen auf und der Ursprung des Ganzen wird schnell klar, nur der Verantwortliche versteckt sich im trüben Schatten. Die Frage ist hier nicht nach dem „Wie“, sondern nach dem „Wer“. Dabei bleibt ‚Der Name der Rose‘ jedoch nicht nur ein Mittelalter-Krimi, mitten in der unheimlichen Abgelegenheit, sondern er lässt, genau wie in Ecos Vorlage, die theologischen Fragen und den historischen Pessimums in seine Inszenierung einfließen. In der dreckigen Isolation, dort wo der dunkle Schrecken um die Klostermauern schleicht, treffen Inquisitoren, Ketzer, Benediktiner und Franziskaner aufeinander. Schwere Machtkämpfe eröffnen sich an allen Seiten. Die weltliche und ebenso moderne Lebensphilosophie von William, trifft auf kirchliche Strenge, in der nicht mal das befreiende Lachen erlaubt ist. Apokalyptische Vorhersagen erblicken den Aberglauben und der Dreck des Bürgertums verkauft sich an die verstellten Kuttenträger. In ‚Der Name der Rose‘ wird der schweigend-undeutliche Dampf mit den rätselhaften Zweifeln, Lügen und Geheimnissen verbunden. Daraus eröffnen sich immer tiefere religiösen Abgründen, aus denen es kein Entkommen gibt. Annaud versteht es, Spannung und Atmosphäre durchgehend konstant auf dem gleichen hohen Level zu halten, ohne auch nur eine Länge in seine Führung kommen zu lassen und den Zuschauer immer interessiert folgen zu lassen.

Fazit: ‚Der Name der Rose‘ ist ein mysteriös-unheimlicher Mittelalter-Krimi, der sich durch seine extrem dichte Atmosphäre. Dazu die interessante und vielschichtige Charakterzeichnung, die sich durch die tollen Darsteller erst richtig entfalten darf und ein passender Score und fertig ist einer der fesselndsten Krimis der Filmgeschichte, den man gesehen haben sollte, gerade wenn man sich für eine spannende Tätersuche vor finsterem Hintergrund interessiert.

Bewertung: 8/10 Sternen