"Narc" (USA 2002) Kritik – Im Drogensumpf von Detroit

„Wieso lassen sie zu, das mich dieser verdammte Abschaum aus der Gosse mit Dreck bewerfen kann?!“

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Was konnte man 2002 von einem völlig unbekannten Regisseur wie Joe Carnahan schon erwarten? Nach seinem Debütfilm mit dem tollen Titel ‚Blut, Blei, Bullen und Benzin‘ blieb Carnahan unbeachtet. Mit seinem zweiten Film ‚Narc‘ begibt er sich ins Thriller-Genre und beeindruckt mit einem spannenden und konsequenten Krimi mitten im Drogenmilieu.

Der Drogenuntergrund von Detroit wurde in dreckigen und erschreckend farblosen Bildern festgehalten. Einzig ein leichter Blauschimmer begleitet die Aufnahmen. Alex Nepomniaschy arbeitet vor allem mit der Handkamera. Das entwickelt eine ganz besondere Wirkung und zieht den Zuschauer immer direkt mit den Polizisten ins Geschehen. Man wird ein Teil dieser Welt. Dazu trägt auch der stimmige Soundtrack von Cliff Martinez bei, der die Szenen passend unterstreicht. Die Atmosphäre ist durchgehend bedrohlich und trostlos und schafft es schnell, den Zuschauer durchgehend zu packen.

Mit den Darstellern gelingen Caranahan zwei ganz besondere Coups. Ray Liotta spielt den kompromisslosen Lieutenant Henry Oaks und bringt gleichzeitig eine seiner stärksten Karriereleistungen. Liottas Auftreten ist gleich ein ganz anderes als sonst. Die angefressenen Kilos machen aus ihm einen Schrank, die dünnen Haare und die blanke Wut in seinem Gesicht lassen ihn zu keinem angenehmen Zeitgenossen werden. An zweiter Stelle und nicht weniger grandios steht der ehemalige Schönling Jason Patric als Nick Tellis. Vom einstigen Frauenschwarm und Sunnyboy ist jedoch nichts mehr übrig. Sein Tellis ist gezeichnet vom Job, seine Haare sind zerzaust und sein Aussehen ungepflegt. Patric harmoniert mit Liotta ganz hervorragend und kann mit seiner stärksten Darstellung auffahren.

Tellis ist ein verdeckter Ermittler, ein narc, im Drogenmilieu. Nachdem er einen Junkie durch den Park verfolgt hat und durch einen Querschläger ausversehen das ungeborene Kind einer Frau tötete, gibt er seine Arbeit bei der Polizei auf. Er geht in Frührente, muss selber von der Drogensucht loskommen, heiratet und bekommt einen Sohn. Doch das friedliche Familienleben hält nicht lange an und schon klopft die alte Zeit wieder an der Tür. Tellis wird wieder gebraucht um einen Mord aufzuklären, der wieder in die Drogenszene führt. Zusammen mit dem Kollegen und guten Freund des getöteten Polizisten, Lieutenant Okas, schlägt sich Tellis durch seine dreckige Vergangenheit und dringt wieder tief in die Drogensümpfe. Oaks jedoch weiß mehr als er vorgibt zu wissen…

Mit Tellis und Oaks kriegen wir keine lupenreinen Polizisten, die sich voll in ihren Job hängen, aber keine Sorgen mit nach Hause nehmen. Ganz im Gegenteil. Tellis ist durch seinen Job Drogensüchtig geworden und die schwere Zeit steht ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Als er den Job wieder annimmt und zurück in die schreckliche Zeit muss, gibt seine Frau schnell wieder die Hoffnungen mit ihm auf, aus Angst vor einer Wiederholung. Oaks hat seinen guten Freund, der selber Undercover ermittelt hat, im Dienst verloren. Oaks ist auch ein guter Freund der Familie und so liegt es ihm am Herzen, kein Dreck auf die zerstörten Familienverhältnisse kommen zu lassen. Oaks sieht zwar deutlich älter als Tellis aus, doch in Sachen Brutalität ist er aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Oaks schlägt lieber zu als das er versucht klärende Worte zu finden. Und wenn Oaks zuschlägt, dann schlägt er nicht nur einmal, sondern so oft bis sich sein Opfer nicht mehr bewegt. Das aus den beiden Polizisten, die sichtlich einen inneren Kampf mit sich selbst führen, keine Freunde werden ist klar.

‚Narc‘ kann sich locker vom Genre-Standard abheben und das liegt an erster Stelle an den Charakteren. Tellis und Oaks haben längst keine weißen Westen mehr in ihrem Beruf. Als gute Menschen kann man die beiden auch sicher nicht bezeichnen, denn wirklich besser als die Kriminellen auf der anderen Seite sind Oaks und Tellis in keinem Fall. Zwei gescheiterte Existenzen treffen auf eine missratene und hoffnungslose Welt. Und diese realistisch gezeichnete Welt ist der zweite Punkt. Carnahan zeigt uns die Hölle der Drogen in und um unseren Charakteren so wie sie ist. Hier gibt es keine Helligkeit, keine bunten Farben, keine warmen Momente oder ein erfülltes lächeln. Hier versucht man nur irgendwie zu überleben und um das zu schaffen muss man nicht nur einmal Gewalt anwenden. Und diese Gewalt, diese abartigen Geschehnisse die man Tag für Tag sehen muss, nimmt man mit nach Hause und überträgt sie auf die Familie. Alles droht daran zu zerbrechen und man zieht jeden mit in den eigenen Abgrund. Die blanke Gewalt, die ‚Narc‘ zeigt, ist ebenso hart wie eindringlich. Dass man es hier nicht mit einem Kindergeburtstag zu tun bekommt, merkt man direkt an der Eröffnungsszene.

Ganz zum Meisterwerk reicht es aber dennoch nicht. Das liegt daran, dass das innovative Etwas nicht vorhanden ist. Der Film ist durchgehend hochspannend und bretthart inszeniert und das muss er natürlich auch sein. Doch dass die Geschichte jetzt etwas völlig neues oder nie gesehenes bietet, das kann man nicht behaupten. Die Auflösung dürfte vielleicht auch einigen Zuschauern schneller klar sein als erwünscht, das stört den starken Gesamteindruck, der in jedem Fall bleibt, aber nur wenig.

Fazit: ‚Narc‘ ist ein extrem spannender, brutaler und düsterer Thriller, in dem es keine guten und schlechten Menschen gibt. Mit tollen Schauspielern ausgestattet, harten Bildern und fesselnder Atmosphäre wird ‚Narc‘ zu einem starken Genre-Vertreter, zwar nicht gerade neu, aber in jedem Fall mehr als nur sehenswert.

„Ich hol die Wahrheit aus dir raus, egal wie lang es dauert.“

Bewertung: 8/10 Sternen