"Need for Speed" (USA 2014) Kritik – Aaron Paul lässt die Reifen qualmen

Autor: Stefan Geisler

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„We’ll settle this behind the wheel.“

Über die Jahre hat sich die „Fast & Furious“-Reihe zu einer wahren Goldgrube für die Universal-Produktionsstudios entwickelt. Während „Fast & The Furious“ bei einem Budget von knapp 40 Millionen circa 140 Millionen US-Dollar einspielen konnte, beliefen sich die Produktionskosten für den neusten Teil des actiongeladenen Männerkitschs auf knapp 160 Millionen US-Dollar. Gerechtfertigt werden diese immensen Produktionskosten zumindest dann, wenn man sich die Einspielergebnisse anguckt, denn so konnte „Fast 6“ auf dem weltweiten Markt schlappe 790 Millionen US-Dollar einnehmen. Kein Wunder also, dass auch andere Studios gerne ein Stück vom Auto-Action-Kuchen abhaben wollen. Mit „Need for Speed“ lässt jetzt auch Dreamworks die Motoren im Kino aufheulen und versucht „Fast & Furious“ die Pole Position streitig zu machen. Glücklicherweise kopiert „Need for Speed“ dabei nicht das Erfolgskonzept „Höher, Schneller, WTF“ der „Fast & Furious“-Reihe, sondern versucht das klassische Auto-Action-Kino wieder neu zu beleben.

Nach dem Tod seines Vaters hat der Automechaniker und leidenschaftlicher Rennwagenfahrer Tobey Marshall (Aaron Paul) Schwierigkeiten, die Werkstatt seines alten Herrn über Wasser zu halten. Die gelegentlichen illegalen Rennen und die paar Reparaturen reichen vorne und hinten nicht, um seine Angestellten zu bezahlen. Ein letztes illegales Autorennen gegen den skrupellosen Millionär Dino Brewster (Dominic Cooper) soll die Werkstatt vor dem Ruin retten….

Bereits in der ersten Szene wird klar, wo die „Need for Speed“-Macher ihre cineastischen Wurzeln sehen: Gut sichtbar flimmert in einem Autokino die wohl bekannteste Auto-Verfolgungsjagd der Filmgeschichte über die Leinwand – natürlich ist die Rede vom Peter-Yates-Klassiker „Bullit“. Die Liebe zum klassischen Auto-Kino ist „Need for Speed“ auch durchaus anzumerken, sei es nun durch die ständige Verneigung vor den legendären amerikanischen Sportwagen, insbesondere dem Ford Mustang, oder durch die Aufmachung der Straßenrennen, die sich angenehm ungeschliffen anfühlen und dabei fast gänzlich ohne technische Effekthascherei auskommen.

„Need for Speed“ versetzt seine Zuschauer in einen wahren Geschwindigkeitsrausch, denn hier erlebt man dreiste Überholmanöver, waghalsige Stunts und temporeiche Kopf-an-Kopf-Duelle am laufenden Band. Wenn die Fahrer ihre Pferdestärken über den Asphalt donnern lassen, dann steigt nicht nur bei den Piloten der flotten Sportflitzer der Adrenalinspiegel. Da lässt es sich auch verkraften, dass zwischen den einzelnen Renn-Sequenzen nicht einmal Zeit zum Luft holen, geschweige denn für eine anständige Story bleibt, denn diese ist lediglich die übliche Männerkitsch-Mär von Ruhm, Rache und Moneten. Äußerst fragwürdig bleibt jedoch die Methode, mit der hier die Rennen ausgetragen werden, denn nicht selten führt der Weg zum Sieg über reichliche Blechschäden. Für ein gewagtes Manöver überfährt Asphaltflitzer Tobey Marshall gleich in einer der ersten Szenen fast einen Obdachlosen, natürlich ein großer Spaß für alle Beteiligten, und auch später wird auf Mitfahrer keine Rücksicht genommen. Um seine Konkurrenten abzuhängen, versucht sich Marshall sogar zwischendurch als lebensmüder Geisterfahrer und provoziert somit zahlreiche Blech- und Personenschäden. Das Ganze müsste man natürlich nicht so eng sehen, wenn nicht auf der anderen Seite permanent das skrupellose Rennverhalten des Multi-Millionärs Dino Brewster (Dominic Cooper) angeprangert werden würde, der für einen Sieg auch schon mal über Leichen geht.

Ähnlich oberflächlich wie das Drehbuch bleibt auch die Charakterzeichnung in „Need for Speed“: Während „Breaking Bad“-Star Aaron Paul als knallharter Leitwolf einer Autoschrauber-Gang noch am besten davonkommt, ist vor allem die altbackene Geschlechtszeichnung äußerst fragwürdig. Besonders schlimm getroffen hat es hier den weiblichen Sidekick Julia Maddon (Imogen Poots), deren einzige Aufgabe darin zu bestehen scheint, im Beifahrersitz dahinzuschmelzen und den Rennwagenfahrer Tobey Marshall durch ihre lustvollen Blicke nur noch weiter in seinen halsbrecherischen Manövern anzustacheln. Da hätten wir uns in einem Action-Movie aus dem Jahre 2014 doch etwas mehr Frauenpower gewünscht, dass das funktionieren kann beweisen ja nicht zuletzt auch Michelle Rodriguez & Konsorten in der „Fast & Furious“-Reihe.

Fazit: Die gute Nachricht zuerst: Scott Waughs Videospielverfilmung „Need for Speed“ ist kein billiger „Fast & Furious“-Abklatsch geworden. Auch die Rennszenen funktionieren und schaffen es durchaus ordentlich Tempo auf die Leinwand zu bringen. Wenn man noch etwas mehr Zeit und Geld in ein brauchbares Drehbuch und eine anständige Charakterzeichnung gesteckt hätte, dann wäre „Need for Speed“ ein gelungener Auto-Film der alten Schule geworden.