"¡No!" (CE/FR/US 2012) Kritik – Ein pragmatischer Marketingfeldzug durch die Mechanismen der Diktatur

Autor: Pascal Reis

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„Ein Regenbogen?“ Steht das nicht für die Schwuchteln?“

Dass das politisch-engagierte Kino nicht nur kontinental große Bestätigung erhält, sondern auch auf dem globalen Filmmarkt immer wieder neuen Zuwachs beim Gedeihen bestaunen darf, zeigt sich an dem internationalen Output. Natürlich sind die 1970er Jahre schon lange vergangen und kinematographische Großkaliber à la „Die drei Tage des Condor“ (Sydney Pollack, 1975), „Die Unbestechlichen“ (Alan J. Pakula, 1976) oder „I wie Ikarus“ (Henri Verneuil, 1979) rühmen sich heute als echtes Kulturgut, dessen Qualitäten nur noch schwerlich erreicht werden – Von der damaligen Kontinuität darf lediglich im stillen Kämmerlein geträumt werden. Aber auch heutzutage gibt es cineastische Genre-Glücksgriffe wie „Carlos – Der Schakal“ (Olivier Assayas, 2010), „Die Aufsteiger“ (Pierre Schöller, 2011) und auch Chiles letztjähriger Oscar-Beitrag „¡No!“ von Pablo Larraín.

Fokussiert wird der chilenische Diktator Pinochet, dessen eiserne Faust den Staat, als auch die Medienlandschaft kontrolliert und nicht vor drastische Methoden zurückschreckt. Als sich der Druck von außerhalb spürbar erhöht und Pinochet für seine Gewaltausuferungen und die Folter an Chilenen zur Rechenschaft gezogen werden könnte, statuiert der Diktator siegessicher ein Referendum, das über die Fortführung seines Amtes bestimmen soll. Natürlich standen die Zeichen auf Sieg für Pinochet, gebührt ihm doch die alleinige Macht über sämtliche Gefilde. Allerdings unterschätzt der Diktator auch die Intelligenz und die Vehemenz des Oppositionsbündnisses, das mit dem Fachmann für Werbepropaganda René Saavedra einen professionelles Zugpferd an Bord geholt hat. Ihnen stehen 15 Minuten Werbefreiheit am Tag zur Verfügung, die sie dafür nutzen, um das Volk dahingehend zu überzeugen, Pinochet ein „No“ auf den Wahlkampfzettel zu überreichen…

Für den Oscar in der Kategorie „Bester ausländischer Film“ sollte es für „¡No!“ nicht reichen und Pablo Larraín musste gegenüber Michael Hanekes „Liebe“ wohl verdient den Kürzeren ziehen. „¡No!“ aber hat sich die internationale Aufmerksamkeit und und die Aufnahme in die Annalen der Academy-Nominationen durchaus verdient, schafft es der Film doch mit einer mehr als gelungenen Konzeption, ein für Chile relevantes Politspektrum innerhalb der eigenen Historik für ein universelles Publikum ansprechend zu vermarkten – selbst wenn dieses noch nie etwas vom politischen Tauziehen im Jahre 1988 in Chile gehört hat oder sich nicht im Geringsten für Politik im Allgemeinen interessiert. Und genau das macht doch ein gutes Genre-Werk aus, wenn man sein Engagement nicht nur auf eingeweihte Rezipienten abzielt, sondern auch ein viel breites Feld an Konsumenten einladen und abdecken möchte – Nur so kann man es auch über die eigene Ländergrenze hinaus schaffen.

Wenn man „¡No!“ etwas vorwerfen möchte, dann, dass die Synergie aus dokumentarischem, zeitgemäßem Kolorit und die konsequente Differenzierung der Gut/Böse-Dialektik zu schwammig geraten ist, um Larraíns Film zu einem wirklichen Meisterwerk machen zu können. Welche Meinungen der Regisseur, als auch Drehbuchautor Pedro Peirano vertreten, ist narrensicher erkennbar; und Lucho Guzman, der Gegenspieler der „No“-Kampagne und Befürworter Pinochets wird zum rücksichtslosen, gefühlskalten Kontrahenten stilisiert, um die Antipathien des Zuschauers zu ernten. Während Gael Garcia Bernal als René Saavedra ein idealistischer, greifbarer Held und Vater in Lederjacke wird. Das sowohl Alfredo Castro, als auch Bernal das Beste aus ihren grauzonenbefreiten Rollen holen, steht dabei aber außer Frage.

Was „¡No!“ aber so gut und so überaus sehenswert macht, ist, dass es dem Drehbuch gelingt, die Zuschauer aus aller Welt problemlos – nach kurzer 1×1-Einführung – in das brisante Geschehen einzubinden und es dabei nicht mehr von Schritt zu Schritt an die Hand nehmen zu müssen. Ein Wahlkampf ist dabei auch immer nur so gut, wie die Marketingstrategen hinter den einzelnen Kontrahenten, und während „¡No!“ die Mechanismen der Werbekampagnen als ironischen Kleinkrieg zwischen den Fronten der Demokratie und Diktatur zementiert, ist es René Saavedra, der mit Jingles, Esprit und bunten Farben das Regime in die Knie zwingen möchte, dabei aber auch eine Entwicklung als Vaterfigur durchmacht, ohne diese Emotionalität als puren Selbstzweck verschleudern zu wollen. ¡No!“ ist kurzweiliges, aber niemals anspruchsloses Polit-Kino und hat sich damit auch mit Sicherheit einen Platz in den höheren Rängen der diesjährigen Kinofilmauswertung verdient.