"Noah" (USA 2014) Kritik – Aronofsky macht die Bibel zum Blockbuster

Autor: Stefan Geisler

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„A great flood is coming! We build a vessel to survive the fall! We build an Ark.“

Bibel-Verfilmungen sind in den USA schon immer ein heikles Thema gewesen. Als Regisseur muss man sehr achtsam mit den heiligen Worten zu Werke gehen, Textänderungen und künstlerische Freiheit werden nicht gern gesehen und sollte man sich nicht akribisch genug an die Vorlage halten, kann einem schon einmal ein Shitstorm biblischen Ausmaßes heimsuchen. Als 2012 bekannt wurde, dass „Black Swan“-Regisseur Darren Aronofsky plane, die Geschichte des Archenbauers Noah auf die Leinwand zu bringen, war die Skepsis allerorts groß. Würde sich der ambitionierte Regisseur strikt an die Vorlage halten und eine Neuinterpretation des angestaubten Stoffes wagen und damit riskieren, an den amerikanischen Kinokassen gnadenlos zu floppen? Allen Unkenrufen zum Trotz hat Aronofsky mit „Noah“ einen gelungenen Blockbuster von biblischen Ausmaßen erschaffen, der sowohl Bibel-Puristen, als auch Kirchen-Skeptiker zufriedenstellen dürfte.

Eine gigantische Sintflut soll alles Übel auf der Erde auslöschen. Nur Noah (Russell Crowe) wird in einer Vision von dem drohenden Unheil in Kenntnis gesetzt und damit beauftragt eine gigantische Arche zu bauen, auf der ein Männchen und ein Weibchen von jeder Tierart Platz finden. Auch Noah, seine Frau Naameh (Jennifer Connelly), seinen drei Söhnen Ham (Logan Lerman), Shem (Douglas Booth) und Japheth (Leo McHugh Carroll) sowie seiner adoptierten Tochter Ila (Emma Watson) sollen auf der Arche Platz finden. Doch als die Sintflut einsetzt, wollen auch andere Menschen ihr Leben sichern und beschließen die Arche einzunehmen…

Zu allererst muss festgehalten werden, dass sich Aronofsky keineswegs vollständig werksgetreu an die Vorlage hält. Glücklicherweise muss man sagen, denn natürlich handelt es sich bei der Heiligen Schrift nicht um einen unveränderbaren Tatsachenbericht, sondern um eine Sammlung von fantastischen Geschichten, die die Menschen moralisches Verhalten und ein rechtes Leben lehren sollten. Und so nimmt sich Aronofsky die Freiheit, einige entscheidende Änderungen an der fantastischen Geschichte vorzunehmen, ohne jedoch dabei die Kernaussage zu verfälschen. Aronofsky verpasst dem Bibelstoff einen zeitgemäßen Anstrich, der zugleich neue philosophische und theologische Fragen aufwirft, und schafft es, durch Einführung diverser Fantasy-Elemente, die altbackene Geschichte auch an die Sehgewohnheiten des bombastverwöhnten, modernen Kinopublikums anzupassen.

Allzu ausführlich ist die Geschichte des Archenbauers Noah im Alten Testament nicht geschildert. In nur vier Kapiteln (Buch Genesis, Kapitel 6-9) bekommt der sechshundertjährige Zimmermann hier den göttlichen Auftrag zum Bau einer Arche erteilt, verfrachtet alle Tiere in sein überdimensionales Rettungsboot und übersteht die Sintflut, um sich dann am Berg Ararat niederzulassen. Viele Fragen bleiben offen, Fragen, die wie geschaffen scheinen für einen Filmemacher wie Darren Aronofsky. Und natürlich nimmt dieser eine solche Aufgabe auch mit Kusshand an.

Aronofsky und dessen Co-Autor Ari Handel („The Fountain“) versuchen in „Noah“, dem Zuschauer einen Einblick in die Psyche des Archenbauers zu gewähren, der allein über das Schicksal der gesamten Menschheit entscheiden soll. Im Laufe der zehnjährigen Arbeit an der Arche mutiert der Prophet dabei mehr und mehr zum seelischen Wrack, der in Horrorvisionen vom Übel des menschlichen Wesens gefangen, dem Glauben erliegt, dass die Menschheit eine Krankheit darstellt, die vom Angesicht der Erde verschwinden muss. Ein Garten Eden, ein sich selbst regulierendes ökologisches System, scheint nur durch die Ausrottung der menschlichen Rasse wieder herstellbar. Natürlich gibt Aronofsky hier einen Kommentar zu aktuellen philosophischen Debatten: Ist der Mensch ein Fehler der Natur, lediglich ein Krebsgeschwür im System? Abzustreiten ist es jedenfalls nicht, dass wir letztendlich durch unsere Maßlosigkeit über kurz oder lang unsere eigene Umwelt zerstören werden.

Vollends zu überzeugen weiß das Monumentalwerk „Noah“ im letzten Drittel des Films, denn hier verwandelt sich der bis dato astreine, aber stellenweise etwas zu seicht geratene Popcorn-Blockbuster plötzlich in ein surreales Kammerspiel. Wenn der von einer fixen Idee besessene Noah (großartig gespielt von Russell Crowe) hier vollends in den Wahnsinn abstürzt und mit einer stoischen Ruhe das Ende der Menschheit verkündet, dann verwandelt sich der einst errettende Prophet plötzlich zum selbstgerechten Fanatiker, der sich mit jeder Szene tiefer in seinem eigenen Irrglauben verankert. Und auch als Zuschauer weiß man nicht so recht, ob man dem Archebauer nun für seine radikale Umsetzung des Plans beglückwünschen, oder doch eher verachten soll.

Ästhetisch ist Darren Aronofskys Bibelepos „Noah“ eine Wucht. Der Regisseur erschafft malerische Landschaften, die klare Anleihen an die Bildästhetik der Romantik erkennen lassen. Als besondere Inspiration dürften hier die Gemälde des irischen Malers Francis Danby (1793 – 1861) Pate gestanden haben, dessen Arbeit Aronofsky in einigen Szenen fast werksgetreu wiedergibt (Bestes Beispiel: „The Deluge“).

Fazit: Wer hätte gedacht, dass ein Studio heutzutage noch 140 Millionen in eine Bibelverfilmung stecken würde? Doch das Risiko scheint sich gelohnt zu haben, denn Darren Aronofskys Bibel-Kracher „Noah“ hat bereits in den ersten Tagen fast seine Produktionskosten wieder eingespielt. Und das durchaus zu Recht, denn Aronofsky beweist, dass man einen guten Bibelfilm machen kann, ohne sich sklavisch an die Vorlage zu halten. Evolutionslehre und die Idee der menschlichen Autonomie finden in diesem Bibel-Blockbuster ebenso Platz wie die christlichen Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe.