"Northmen – A Viking Saga" (CH/DE/ZA 2014) Kritik – Die Wikinger wüten in Schottland

Autor: Pascal Reis

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„Selbst ein Splitter von mir vermag meinen Gegner zu töten.“

Ja ja, was wurde die nordische Mythologie doch schon von der Unterhaltungsindustrie durch den vielfräßigen Fleischwolf gedreht: Von den kreuzfidelen Comic-Verfilmungen „Thor“ und „Thor 2: The Dark Kingdom“ wie dem zweiteiligen Animationsspaß „Drachenzähmen leicht gemacht“ aus dem Hause DreamWorks, hat beispielsweise auch das Action-Abenteuer „Der 13te Krieger“ unter Beweis gestellt, warum die Sagenwelt der Wikinger gar wunderbar zur filmischen Aufbereitung taugt: Das Zauberwort heißt, wie so oft, auch in diesem Fall ‚künstlerische Freiheit‘. All die historischen Schriftstücke mögen irgendwo Verbindungen aufweisen, die der Mythologie ihr einheitliches Fundament offenbarten, im Endeffekt aber sind diese oftmals so dürftig dargeboten, dass man als Drehbuchautor in die Vollen gehen kann und auch mal einen poetischen Araber mit einer an der Wolga hausenden Horde Krieger in den Kampf schicken darf, wie eben im besagten „Der 13te Krieger“ geschehen. Mit „Northmen – A Viking Saga“ wird diese – kontextualisiert – ermächtige Befugnis zur Phantastik nun fortgesetzt, allerdings nicht sonderlich erquicklich.

Dass die Ikonographie renommierter Vorlagen (literarisch wie kinematographisch) auch von „Northmen – A Viking Saga“ aufgegriffen wurde, ist wohl Pflicht in diesen (Sub-)Genre-Gefilden: Eine Agglomeration verdreckter, verfilzter, minderschlauer und ungestüm blökender Muskelklötze sind unsere zweifelhaften Protagonisten, die vom hochgewachsenen Adonis Asbjorn (Tom Hopper) angeführt werden. Eigentlich mit dem Ziel unterwegs, ein Kloster auf der Insel Lindisfarne zu stürmen, erleiden sie Schiffbruch und werden an die Küste Schottlands getrieben. So ein tapferer Wikinger aber lässt sich natürlich nicht unterkriegen und noch weniger verzagt er, sondern packt die neuen Gegebenheiten beim Schopfe und versucht sich eigenständig aus der misslichen Lage zu winden – Im Zweifel auch mit allerlei martialischen Methoden. Die kommen dann übrigens auch recht geschwind zum Einsatz, denn einer Truppe des hiesigen Königs wird von den Nordmänner mit klobiger Streitaxt, gewetztem Langschwert sowieso Pfeil und Bogen kurzerhand die Lichter ausgeknipst: Wo Wikinger zur Tat schreiten, da wird auch immerzu archaische Urgewalt entfesselt.

Schade nur, dass die so gar nicht aus dem Bildschirm heraustreten kann, um den Zuschauer mitzunehmen. „Northmen – A Viking Saga“ macht bereits bei der ersten gewaltsamen Auseinandersetzung deutlich, dass es Claudio Väh in den Kämpfen nicht um ein ballistisches oder kinetisches Interesse gelegen ist: Der Bogen spannt sich, Schnitt, der Pfeil sitzt zwischen den Augen. Die Flugkurve aber, da, wo Spannung generiert werden kann, fällt programmatisch unter den Tisch. Ohnehin ist „Northmen – A Viking Saga“ eine erschreckend lieblose Posse, die ethnische Identität in die Bedeutungslosigkeit verdrängt und sein Antlitz gerne im synthetischen Verdichtungsraum vergräbt: Höchst selten erschleicht den Zuschauer ein Gefühl von plastischem Naturalismus angesichts der sich bis zum Horizont erstreckenden Hügelwiesen. Was bleibt, ist vor allem ein reizloses, charakterloses Erlebnis, entbehrlich durch und durch, jeglicher Beachtung zu schade. Knallköppe und Mannsbilder, die in zu wirtschaftlichen Tiefstpreisen zusammengeschusterter Klamotte durch die Gegend eiern, kann man letztlich auch zu Karneval begaffen.