„Kritik: Nymphomaniac 2“ (BE, DE, DK, FR, GB 2013)

Autor: Conrad Mildner

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„Der einzige Unterschied zwischen mir und anderen Menschen ist vielleicht, dass ich immer mehr vom Sonnenuntergang erwartet habe. Das ist vielleicht meine einzige Sünde.“

Zur Kritik der ersten Teils geht es HIER.

Am Ende meiner Kritik zum ersten Teil, musste ich anerkennen, wie schwer es fällt einen Film zu beurteilen, der sichtlich unfertig ist und nachdem ich nun beide Teile von „Nymphomaniac“ in einem Double-Feature sehen konnte, ist das für mich auch die einzige Form wie man Lars von Triers bisher umfangreichsten Film konsumieren sollte. Die Zweiteilung scheint wirklich nur wirtschaftlichen Interessen zu folgen. Im standardisierten Kinobetrieb ist eben wenig Platz für überlange Filme. Doch darüber hinaus verdoppelt sich die Anzahl der Filme nochmal durch die unterschiedlichen Schnittfassungen. Auf der Berlinale konnte ich den langen Director’s Cut des ersten Teils sehen. Im Double-Feature standen leider nur die kürzeren Kinofassungen beider Teile auf dem Programm.

Interessanterweise konnte ich dadurch zumindest beide Versionen des ersten Films miteinander vergleichen. Mein Urteil: Ich würde die längere Fassung bevorzugen. Auch wenn der Kinoschnitt ein besseres Pacing bietet und zügiger zum Punkt kommt, fehlen mir doch einige Details, die ich für erwähnenswert halte. Ganz besonders schade ist es für die im vornherein skandalisierten Sexszenen, die in der Kurzfassung, außer am Schluss, so aussehen wie gewöhnlicher Filmsex, während der ausführliche, aber lockere Voyeurismus der Langfassung zumindest ästhetisch interessant ist. Den Director’s Cut des zweiten Teils gab es bisher noch nirgendwo zu sehen. Es wird vermutet, dass er in Cannes seine Premiere feiern wird.

Der Zweiteilung geschuldet, besitzt Volume 2 keinen Anfang. Die Fortsetzung macht ohne Vorspiel da weiter, wo Volume 1 noch abrupt enden musste. Wir erinnern uns: Nach den mehr oder weniger heiteren Sexabenteuern der jungen Joe (Stacy Martin) und der Entdeckung ihrer „großen Liebe“ (immer noch unglaublich, aber wahr: Shia LaBeof), erkennt sie auf dem Höhepunkt ihrer nymphomanischen Polyphonie, dass sie nichts mehr fühlt. Doch welches Gefühl ist ihr genau abhanden gekommen?

Joe lebt mit nun Jerôme zusammen, doch ihre Vagina ist taub geworden. Sie fühlt nichts mehr. Selbst andauernder Sex belebt die Sinne nicht wieder. Jerôme ist überfordert. Trotz glücklicher Momente abseits des Betts, empfiehlt er Joe ihre Lust mit anderen Männern zu reaktivieren, was nicht von ungefähr an „Breaking the Waves“ erinnert. Es wird nicht das einzige mal bleiben, dass sich der Regisseur selbst zitiert.

Der ganze Film kann als bewusste Verrenkung bestehender Geschlechterrollen gelesen werden. Joe bekommt ein Kind, dessen Liebe nicht bei ihr ankommt. Sie steigert sich derweil in eine sado-masochistische Beziehung mit dem unscheinbaren K (herrlich gegen den Strich besetzt: Jamie Bell) hinein und vernachlässigt ihre Familie; alles Handlungsmotive die bisher deutlich von Männern dominiert waren. Wo Volume 1 auf lockere Weise Joes Domestizierung thematisiert, schildert Volume 2 ihre Mühen aus diesem unterdrückenden Gefängnis zu entkommen. Als Joe ihr Kind verlassen muss, bilden sich auffällige Parallelen zwischen Jerôme und Mrs. H aus Teil 1. Schien Trier das Leiden von Frau H in der ersten Hälfte nicht sonderlich ernst zu nehmen, knüpft Jerômes Anklage gegen Joe dort an und stellt sich der emotionalen Bewältigung von einem anderen Blickwinkel, wodurch u.a. klar wird, wie raffiniert Trier seinen Film strukturiert hat.

Joes Emanzipation in Volume 2 ist eine einzige Abwärtsbewegung, denn wir wissen ja bereits wie diese Geschichte endet. Filmisch macht die Zweiteilung insoweit Sinn, dass die erste Hälfte auffällig heiter, während die zweite düster und fatalistisch ist. An einer Stelle behauptet Seligman (Stellan Skarsgård), dass es nur zwei Sorten von Menschen gibt, nämlich die, die beim Fingernägelschneiden mit der linken Hand anfangen und die, die mit der rechten beginnen, wobei ich mich frage, ob das auch für Linkshänder_innen gilt. Joe jedenfalls entgegnet, sie beginne immer mit der linken Hand; zuerst der Spaß, dann die Arbeit, sozusagen. Insoweit lassen sich auch beide Filmteile charakterisieren. Auf das Zuckerbrot, folgt nun die (buchstäbliche) Peitsche. Vieles, was in Volume 1 nur als bloßer Witz Berechtigung hatte, bekommt nun seine grausame Pointe.

Auch die episodische Struktur löst sich zunehmend auf. Joes Lebensweg wird narrativer, ja intensiver und erinnert mehr an Triers postmoderne Melodramen mit ihrer schmerzhaften Unausweichlichkeit. Dem Vorwurf der gefühllosen Versuchsanordnung kann Teil 2 damit stückweise entgehen, auch wenn „Nymphomaniac“ im Ganzen davon nicht freigesprochen werden kann (so wie Triers Kino im Allgemeinen) und es auch nicht will, ja es sogar zum Gegenstand macht, da die Rahmenhandlung Joes Geschichte auch immer als möglicherweise frisierte Erzählung diskutiert.

Was aber Volume 2 zur besseren der zwei Hälften macht, ist nicht nur die erzählerische Entschlossenheit, sondern auch Charlotte Gainsbourg, die in Teil 1 nur in der Rahmenhandlung zu erleben war. Den Löwinnenanteil hatte dagegen die eher ausdrucksschwache Stacy Martin zu bewältigen. Nun übernimmt Gainsbourg den Film, so wie sie Triers Kino an sich schon übernommen hat; was ja bisher sowieso noch keiner anderen Schauspielerin gelungen ist. Die Depressionstrilogie ist auch ihr Werk und „Nymphomaniac“ wäre ohne sie unvorstellbar.

Die essayistische, postmoderne Klammer wird dafür umso deutlicher geschlossen. Sobald Joes Geschichte mit all ihren Irrwegen und intellektuellen Verrenkungen auserzählt ist, läutet Lars von Trier zur finalen Analyse, was in vielerlei Hinsicht wie eine Rechtfertigung zu den zahlreichen Misogynievorwürfen wirkt. Seligman erklärt nochmal warum Joe kein schlechter Mensch ist. Die sexistische Gesellschaft will ihr das nur einreden. Natürlich ist „Nymphomaniac“ein feministischer Film. Das wäre mir aber auch ohne Erklärung in den Sinn gekommen. Leider bleibt es nicht bei dieser einen Rechtfertigung seitens Trier.

Warum der Regisseur seinen eigentlich sehr schönen Film als Podest für vordergründige Statements missbrauchen muss, bleibt ein Geheimnis. Wo Seligman im ersten Teil völlig out of character Bezug zum Cannes-Skandal nimmt („Ich bin Antizionist und nicht Antisemit!“), da wird nun Joe zur großen Kämpferin gegen die „böse“ überall umsichgreifende politische Korrektheit. So wird einer ihrer Schwarzen Sexpartner kurzerhand der Name „N“ gegeben, was sofort eine hochnotpeinliche N-Wort-Diskussion zwischen ihr und Seligman zufolge hat. Es ist sehr ärgerlich, dass gerade Trier die Tragweite weißer Privilegien und ganz besonders die Gewalt von Sprache nicht anerkennen will. Die Heteronormativität des ersten Teils, macht der zweite Film, u.a. wegen der berührenden lesbischen Beziehung Joes, zwar schnell vergessen, der Rassismus bleibt dennoch bestehen; schade für diesen definitiv sehenswerten und poetischen Film. Von den cineastischen Großtaten der früheren Tage ist Triers ambitioniertes Epos trotzdem weit entfernt.

Gesichtet wurde die Kinofassung.