"Oblivion" (USA 2013) Kritik – Tom Cruise und der verlorene Planet

Autor: Jan Görner

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„Es ist unsere Aufgabe uns nicht zu erinnern. Hast du das vergessen?“

Im Vorfeld der Veröffentlichung von „Tron: Legacy“ waren die Erwartungen enorm. Beim Durchschnittskinogänger stand das Projekt als durchgestyltes Action-Abenteuer im Wort, während die Fangemeinde des Originals nicht weniger erwartete, als dass Regisseur Joseph Kosinki ihr Kult-Franchise mit dem Mainstream versöhnt. Heute wissen wir es besser. Denn trotz aller Bemühungen wollte es Kosinski nicht so recht gelingen auch nur eine Seite vollständig zufrieden zu stellen. Zu verkopft und undurchsichtig, sagte die Publikumsmehrheit. „Tron“-Kenner hingegen bemängelten, dass der ehemalige Werbefilmer offenbar mit dem Stoff fremdelte. Um diesen Fallstrick diesmal zu umgehen, bringt Kosinksi mit „Oblivion“ nun eine Graphic Novel auf die Leinwand, die er 2005 selbst verfasste. Aber auch trotz größerer Nähe zum Ausgangsmaterial will der Befreiungsschlag nicht gelingen.

2077, 60 Jahre nach einer verheerenden Invasion außerirdischer Plünderer. Die Erde ist nur noch ein verstrahltes Ödland, das noch immer von Banden der Eindringlinge durchstreift wird. Was noch von der Menschheit übrig ist, lebt inzwischen auf dem Saturnmond Titan oder einer riesigen tetraederförmigen Raumstation im Orbit. Zu den wenigen Zurückgebliebenen zählt Techniker Jack Harper (Tom Cruise). Zusammen mit seiner Kollegin Victoria (Andrea Riseborough) überwacht er von einem Kontrollturm aus die Flotte fliegender Kampfdrohnen, welche den menschlichen Rückzug sichern sollen. Als Jack eines Tages während eines Patrouillenflugs eine Überlebende aus der Vorkriegszeit (Olga Kurylenko) findet, beginnt er alles in Frage zu stellen, was er über den Krieg zu wissen glaubt.

Die (gute?) Nachricht zuerst: Wie bereits „Skyline“, „Battle: Los Angeles“ oder „Battleship“ wird der momentane Science-Fiction-Trend in Hollywood wohl auch „Oblivion“ überleben. Denn es erweist sich, dass Kosinkis Zweitling in der Hauptsache wenig mehr ist als ein schematreues Tom-Cruise-Vehikel, das sich noch dazu viel, viel zu ernst nimmt. Obwohl der Regisseur wie schon in „Tron: Legacy“ gerne der großen Frage nachgehen würde, ob es nun unsere Gene oder unsere Erinnerungen sind, die uns zum Menschen machen, bleibt am Ende nicht viel mehr als ein platter Actionfilm, der einige interessante Themen anschneidet. Kosinski kämpft dabei auch mit der Form. Der gesamte Rhythmus von „Oblivion“ wird von dem mehrheitlich aus Actionszenen sequenzierten Plot dominiert. Daraus fügt sich ein unausgeglichenes Ganzes, das intellektuell im Rade tritt. Der Twist am Ende wird freilich trotzdem nicht verraten.

Immerhin, auf Kosinskis Primärtugenden ist Verlass. „Oblivion“ sieht nämlich durchaus ansprechend aus und ist handwerklich gut gemacht. Besonders die Eingangsminuten sind trotz der Filmsünde eines larmoyanten Off-Erzählers recht eindrucksvoll. Zu verdanken haben wir dies zu einem Gutteil Kameramann und Oscar-Gewinner Claudio Miranda („Life of Pi“). Die CGI-Bebilderung der verwaisten Erde erinnert an die nicht minder imposante Eröffnung von „Prometheus“ und geht doch einen Schritt weiter. Aus den Hinterlassenschaften der Menschheit macht die Zeit in „Oblivion“ Naturdenkmäler. Die ikonische Kraft dieser Bilder hat natürlich auch Verleiher Universal erkannt, dessen Plakatwerbung sich ausschließlich auf post-apokalyptische Motive verlässt. Über 126 Minuten Laufzeit vermögen diese Schauwerte aber nicht zu tragen.

Das Desolate und Dystopische einer entvölkerten Welt findet sich leider nicht im Produktionsdesign wieder. Allzu sleek kommt es mit seinen einfachen Formen und glatten Oberflächen, wie es (Apple sei danke) gerade in Hollywood-Science-Fiction en vogue ist, daher und transzendiert dabei jeglichen Gebrauchscharakter. Auf einen Satz verdichtet: „Oblivion“ ist ein Film, in dem Tom Cruise und ein Model in einem Küchenstudio über den Wolken leben. Immerhin ist der Look damit ähnlich steril und kalt wie der Film, dem er entstammt. Im Gegensatz dazu ertrinkt der Soundtrack der französischen Elektroband M83 bisweilen geradezu im Pathos. All diese konkurrierenden Versatzstücke in Verbindung mit den starken Anleihen bei anderen Sci-Fi-Klassikern verhindern, dass „Oblivion“ zu einem eigenständigen Werk wird.

Konkurrenzlos ist nur Tom Cruise als unbestrittenener Star der 120-Millionen-Dollar-Produktion. Es sind sein Charisma und Star-Appeal, die es ihm seit jeher ermöglichen ein Projekt dieser Größe zu schultern. Besonders fällt der körperliche Einsatz des inzwischen immerhin 50-Jährigen auf. Eine kleine Szene, in der Cruise unversehens in eine Erdspalte fällt, ist der heimliche Höhepunkt von „Oblivion“. Da ist es nur folgerichtig, dass das restliche Personal zu Nebenfiguren degradiert wird. Schließlich müssen sich Morgan Freeman und Co. die Leinwand aber auch mit Hauptfigur Jack Harper teilen, die nicht weniger als ein Konglomerat aus Adam, Jesus und Nimrod zu sein scheint. Fest steht: Cruise’ Ego wird der Ausflug in die Post-Apokalypse ebenso wenig geschadet haben wie seinem Bankkonto.

Fazit: „Oblivion“ ist fader Bombast mit wenig Tiefgang und viel verschenktem Potenzial. Das einzig Überraschende, was der Film für uns bereithielt, war die Tatsache, dass wir nun mit „After Earth“ tatsächlich unsere Hoffnungen auf einen M.-Night-Shymalan-Film setzen (müssen)!