"Man of Steel" (USA 2013) Kritik – Superman: Freund oder Feind?

Autor: Stefan Geisler

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„You’re a monster, Zod, and I’m going to stop you!“

DC-Entertainment steckt in der Krise. Schon seit geraumer Zeit versucht die Comic-Filmschmiede sich ihren Teil vom Comic-Kuchen zu sichern und legt doch immer wieder schmerzliche Bruchlandungen hin. Denn abgesehen vom dunklen Ritter, der unter der Regie von Christopher Nolan einen ungeahnten Höhenflug erlebte, ernteten viele DC-Comic-Adaptionen der letzten Jahre nur Hohn und Spott von Seiten der Filmkritiker. Auch die Einspielergebnisse ließen zu wünschen übrig. Filme wie „Catwoman“, „Jonah Hex“ und sogar das DC-Großprojekt „Green Lantern“ floppten gnadenlos an den Kinokassen und konnten teilweise nicht einmal ihre Produktionskosten einspielen. Um nicht vollends den Anschluss an den Konkurrenten Marvel zu verlieren, fährt man jetzt bei DC schwere Geschütze auf. Kassengarant Superman, seines Zeichens Urvater aller Superhelden, Capeträger und Verbrechensbekämpfer, soll nun endlich für den lang ersehnten Aufschwung sorgen. Viel hängt vom Erfolg des Superman-Reboots „Man of Steel“ ab, denn die Einspielergebnisse sollen ausschlaggebend für die Zukunft weiterer DC-Comic-Verfilmungen sein. Ein enormer Druck, der auf dem Mann aus Stahl lastet, doch Zack Snyders Superman-Adaption hat gute Chancen diese Erwartungen zu erfüllen. „Man of Steel“ ist ein Hochglanz-Blockbuster, der nicht nur über bombastische Schauwerte verfügt, sondern auch die Essenz des Comic-Urgesteins perfekt einfängt.

Auf dem todgeweihten Planeten Krypton herrscht Krieg: Der wahnhafte General Zod (Michael Shannon) versucht in der festen Überzeugung den Planeten retten zu können, mit aller Gewalt die Macht an sich zu reißen. Der Wissenschaftler Jor-El (Russell Crowe), der das Ende Kryptons schon lange kommen sah, schickt als letzte Handlung vor seinem Ableben seinen Sohn Kal-El in einer Raumkapsel zur Erde, wo er das Erbe Kryptons bewahren und als Vermittler zwischen den Welten heranwachsen soll. Kal-Els Kapsel schafft es zur Erde. Hier wird der junge Kryptonier von der Familie Kent gefunden, die ihn von nun an als Clark Kent (großartig als Superman: Henry Cavill) als ihren eigenen Sohn großzieht…

Lange Zeit galt Superman als Pfadfinder unter den Superhelden: Ecken und Kanten hatte lediglich das Kinn dieser strahlenden Heldenfigur, die streng monogam lebte, über einen wachen Geist und stählerne Muskeln verfügte und unter Garantie immer die moralisch richtige Entscheidung traf. Doch auch an einem Teufelskerl wie Superman hinterlässt der Zahn der Zeit seine Spuren. Die Superman-Comics wurden zu einer Projektionsfläche des krisengeschüttelten amerikanischen Zeitgeschehens. Immer öfter zweifelte der einst Unfehlbare an sich und seinen Taten. Auch Zack Snyders Superman-Version hat wenig von dem einst so strahlenden Helden fast vergessener Comic-Tage. Hier ist der fleischgewordene Übermensch ein introvertierter Außenseiter, der krampfhaft nach einem Platz in der Gesellschaft sucht.

Ungewohnt viel Raum schenkt Ästhetik-Virtuose Snyder Supermans Selbstfindungsprozess und weiß diesen in amutig-atemberaubende Bilder zu verpacken. In einzelnen Episoden kriegen wir einen Einblick in das Prä-Heldendasein des Clark Kent und begleiten den Heranwachsenden auf seinem Trip quer durch die USA, bis hin zu den ersten Schritten durch die Festung der Einsamkeit. Dabei fühlt man sich durch das raunende Voice-Over und die Hochglanz-Bilderflut doch tatsächlich stellenweise in eine Blockbuster-Variante eines Malick-Films versetzt. Zu diesem Zeitpunkt lässt einen höchstens die Einstiegssequenz auf Krypton erahnen, welches Actionspektakel einen im späteren Verlauf des Films noch erwarten soll.

Ist der berühmte Anzug jedoch erst einmal aus dem Schrank geholt, geht alles ganz schnell. Schon kurz nachdem General Zod zum ersten Mal einen Fuß auf die Erde gesetzt hat, fliegen den Zuschauern die High-Speed-Fäuste um die Ohren. Zu Hans Zimmers ewig donnerndem Crescendo liefert Zack Snyder Comic-Actionkino ab, wie man es in diesem Ausmaß vorher noch nie zu sehen bekommen hat. Wenn hier Schläge verteilt werden, dann kann man sicher sein, dass auf diesem Fleck kein Gras mehr wächst. Wenn unter donnerndem Getöse ein Hochhaus nach dem anderen in sich zusammenfällt und sich Superman und Zod durch die Überreste von Metropolis prügeln, dann können menschliche Darsteller nur noch staunend Maulaffen feilhalten. Wenn die Götter sprechen, haben die Krümel zu schweigen.

Gottgleich ist Superman in Zack Snyders „Man of Steel“ auf jeden Fall. Über jeden Zweifel erhaben aber mitnichten. Ein Überwesen, das sich als oberste moralische Instanz aufspielt? Das ist, kann und darf uns als Zuschauer nicht ganz koscher vorkommen. Denn anders als Batman, der nach einem festen Credo handelt, entscheidet Superman nach bestem Wissen und Gewissen und wird dabei vornehmlich von seinen Emotionen geleitet. Die Unberechenbarkeit dieser Entscheidungen lässt sich eindrucksvoll in der finalen Konfrontation mit Zod erkennen, wo der Comic-Übermensch letztendlich ein äußerst fragwürdiges Urteil fällt. Ist der Mann aus Stahl nun Freund oder Feind? Diese Frage muss sich der Zuschauer nach dem Kinobesuch schon alleine beantworten.

Fazit: Eindrucksvoller hätte sich Superman nicht auf der Leinwand zurückmelden können. Mit „Man of Steel“ könnte es DC endlich gelingen, sich als düsterer Marvel-Gegenpart zu etablieren. Vergessen ist die Enttäuschung nach „Superman Returns“, das ist der Superman-Film auf den Fans gewartet haben. Neueinsteiger könnten zwar mit der Größe des Superman-Universums etwas überfordert sein, dennoch dürften selbst nicht comicbegeisterte Kinogänger dank großartiger Schauwerte auf ihre Kosten kommen.