"Oliver Twist" (CZ/GB/FR 2005) Kritik – Die Geschichte des bekanntesten Waisenkindes

„Ich habe keine Angst.“

null

Roman Polanski ist ein Regisseur, der sich in vielen Genres wohl fühlt. Das hat er uns in der Vergangenheit eindrucksvoll bewiesen: Mit der Grusel-Komödie ‚Tanz der Vampire‘, dem Suspense-Thriller ‚Frantic‘ oder dem eindringlichen Holocaust-Drama ‚Der Pianist‘. Polanski ist ein Meister und das in vielerlei Hinsicht. 2005 nahm er sich dem weltbekannten Kinderbuchklassiker „Oliver Twist“ von Charles Dickens an. Wer jetzt jedoch denkt, Polanski würde sein Herz auch mal für die kleinen Zuschauer öffnen, der täuscht sich. ‚Oliver Twist‘ ist nur bedingt für jüngeres Publikum geeignet und Polanski inszenierte ein äußerst sehenswertes Jugenddrama, welches allerdings nicht ohne Schwächen auskommt.

England, 19. Jahrhundert: Oliver Twist wächst in den ärmsten Verhältnissen ohne jegliche Liebe und Zuneigung im Waisenhaus auf. Bei einem Totengräber wird er schließlich in die Lehre geschickt und schafft es, nach London zu fliehen. Dort wird er beim Bandenchef Fagin aufgenommen und zum Taschendieb ausgebildet. Dazu kommt der skrupellose Gangster Bill Sykes, der Oliver dazu nötigt, einen Einbruch durchzuführen. Doch die Rechnung geht nicht auf…

Die visuelle Klasse von ‚Oliver Twist‘ zählt sicher zu den Besten überhaupt. Die kraftvollen Bilder, die wirklich hervorragende Ausstattung und die tollen Kostüme lassen eine Atmosphäre erzeugen, wie sie kaum authentischer sein könnte. Auch hier war wieder Pawel Edelman für die brillante Kameraführung verantwortlich, der seine Aufnahmen mit dunklen Glanz und zarter Schönheit ausfüllt und absolut begeistert. Ebenso der gefühlvolle Score von Rachel Portman, der die Atmosphäre genau umrandet und sich jeder Szene genauestens anpassen kann.

Als Oliver Twist sehen wir Barney Clark, der hier seine erste Hauptrolle spielen darf. Clark macht seine Sache auch sehr gut und schafft es mit unaufdringlichem und ruhigem Schauspiel seine Emotionen glaubwürdig auszuspielen. Mit Ben Kingsley kann Clark allerdings natürlich noch nicht mithalten. Kingsley gibt den Bandenchef Fagin und bringt mal wieder eine fantastische Leistung. Kingsley füllt seinen vielschichtigen Charakter mit viel Leben und entfaltet jede Facette mit seinem Können. Die weiteren Darsteller wie der tolle Mark Strong oder Jamie Foreman runden den schönen Cast gut ab.

Die traurige Geschichte vom Waisenkind Oliver Twist kennen wir alle. Selbst wenn wir das Buch oder eine der anderen Verfilmungen nie gesehen haben. Der einsame Junge, der sich irgendwie durch die Welt schlägt, an die verschiedensten Menschen gerät und Verbrecher, die ihn in ihre Angelegenheiten miteinbeziehen. Dickens Roman auf die Leinwand zu bringen ist, wie auch bei anderen Büchern, sich keiner leichte Sache. Die Nebenstränge, die komplexen Figuren und das ganze Drumherum. Unmöglich das in einen zweistündigen Spielfilm zu quetschen. Also konzentrierte sich Roman Polanski voll und ganz auf die Figur Oliver Twist. Er streicht Nebenhandlungen, schneidet Charaktere manchmal nur an, ohne sie aber unausgeglichen wirken zu lassen und lässt Oliver kaum aus den Augen. Die Aufenthalte im Waisenhaus oder beim Totengräber sind so nur Grundgerüste des Films, die zwar ihre Zeit bekommen, aber eher als Zwischenstationen betrachtet werden sollten. Das Hauptaugenmerk liegt auf London, wo Oliver sich zusammen mit Fagins Bande als Dieb durchschlägt. Er wird zu unserer Bezugsperson und wir gehen zusammen den schweren Weg.

An erster Stelle sei nochmal gesagt: Roman Polanski hat aus ‚Oliver Twist‘ keinen Kinderfilm gemacht, den man sich bei Langeweile am Sonntag mit den Kleinen in Ruhe anschauen kann. Dafür ist der Film einfach zu düster und gelegentlich auch zu brutal. Man sieht einen Erhängten baumeln, ein Mädchen wird zu Tode geprügelt und auch so muss Oliver einiges an physischer und psychischer Gewalt einstecken, die sicher nicht spurlos an kleinen Kindern vorbeigehen wird. ‚Oliver Twist‘ ist vielmehr ein authentisches und realistisches Jugenddrama zwischen Freundschaft und Verbrechen. Auch die Gesellschaftskritik, die uns symbolisch die dickbäuchigen Reichen und die gebrechlichen, dürren Armen wieder gegenüberstellt, trifft heute noch zu. Die Kürzungen der Handlung stören nicht weiter, Polanski fokussiert sich auf das Wesentliche und macht aus ‚Oliver Twist‘ sicherlich eine gute Literaturverfilmung. Was dem Film dann aber schadet, sind die Längen. Nach dem etwas trockenem Beginn findet der Film zwar schnell in seine Spur, tritt aber dennoch gelegentlich zu sehr auf der Stelle. Auch auf der emotionalen Ebene will ‚Oliver Twist‘ nicht immer zünden. Man kann sich mit dem Protagonisten schnell anfreunden, hat mitgefühlt und doch fehlt der letzte Kniff, um wirklich richtig mitzugehen. So inszenierte Polanski hier eben „nur“ einen guten Film, der in einem Fall aber über jeden Zweifel erhaben ist: handwerklich ist er perfekt.

Fazit: ‚Oliver Twist‘ ist streckenweise ein packendes und toll inszeniertes Jugenddrama. Leider gibt es immer wieder Durchhänger und die emotionale Basis ist auch nicht voll ausgereift. Die hervorragenden Kulissen, die tolle Optik, die starken Kostüme, der schöne Score und die passenden Darsteller machen ‚Oliver Twist‘ zu einem Film, den man sich in jedem Fall ansehen kann und als Polanski-Fan auch muss, doch ein weiteres Meisterwerk ist ihm hier nicht gelungen.

Bewertung: 7/10 Sternen