"Open Grave" (USA 2013) Kritik – Das Zeitalter der Finsternis

Autor: Pascal Reis

null

„We were here to help. But we failed.“

Es sind keine Wirbelstürme an Kreativität, die Gonzalo Lopez-Gallego auf das mehr oder weniger cinephile Publikum eindreschen lässt. Der Spanien beherrscht es hingegen, in seinen Filmen mit einer schroffen, partiell gar naturalistischen Atmosphäre aufzuwarten, die den handelsüblichen Genre-Kolportagen, wie sie den internationalen Markt allmonatlich heimsuchen, dahingehend einen groß Schritt voraus sind. Da wäre beispielsweise der brüske Thriller „King of the Hill“ von 2007, in dem sich ein Mann irgendwo in einem verworrenen Waldgebiet plötzlich im Fadenkreuz eines augenscheinlich Wahnsinnigen wiederfindet. Eigentlich ein Film, der maximal für den hohlen Zahn taugt, seine atmosphärische Suggestion, die ganz auf ein realitätsnahes Klima setzt, aber veredelt das B-Movie nachhaltig. Sein vier Jahre später erschienener Sci-Fi-Horror „Apollo 18“ untermauerte dann noch einmal, dass Lopez-Gallego wirklich immenses Talent darin aufweist, eine ergreifende Stimmung heraufzubeschwören, fiel im Kanon der Kritiken dann aber allerdings durch seine erzählerischen Mängel durch. Nun dürfen wir auch in Deutschland in den Genuss von „Open Grave“ kommen.

Ein Werk, das den künstlerischen Werdegang von Lopez-Gallego vielleicht in eine etwas deutlichere Richtung lenken wird und dadurch das Interesse von wirklich großen Produktionsfirmen auf sich ziehen könnte. Mit „Open Grave hat Lopez-Gallego jedenfalls nach „King of the Hill“ mal wieder bestätigt, dass man bei ihm nicht nur auf Feeling bauen kann, sondern auch eine spannende Geschichte zu erwarten hat, denn „Open Grave“ ist ein wirklich überraschend sehenswerter Genre-Hybrid und steht über dem Standard hiesiger Direct-to-DVD-Auswürfe. „Open Grave“ verlässt sich zu Anfang noch auf eine Prämisse, die weit weg von einem ganz und gar originären Habitus verweilt, in adäquater Handhabung aber mitreißendes Kino versprechen könnte: Ein Mann (Sharlto Copley, „District 9“) wacht inmitten eines rigoros gestapelten Leichenhaufens auf, seine Knochen knacken bei jeder Bewegung gar fürchterlich und während am nächtlichen Firmament die Blitze kreischend toben, prasselt der Regen auf den Körper auf Jonah, so sein Name, wie wir später erfahren, ein. Die Szene hat etwas von einer in Schmerzen gebündelten Reinkarnation. Die wahre Crux an der Sache: Er verfügt über keinerlei Erinnerung mehr.

Wenn man die Zügel nach dieser simplen Etablierung der Grundhandlung locker lässt, läuft man hohe Gefahr, dass der Film einer dumpfen Mindfuck-Dramaturgie auf den Leim geht und seinen Wer-bin-ich-und-was-mache-ich-eigentlich-hier-Topos in eindimensionale Raster zu pressen versucht. Natürlich erinnert „Open Grave“ zuweilen an Filme wie den mit Jim Caviezel, Greg Kinnear und Barry Pepper ziemlich solide besetzen „Unknown“ von 2006, um sein Narrativ in der letzten halben Stunde auch mal etwas stärker Danny Boyles „28 Days Later“ abtasten zu lassen, ohne dessen Qualitäten in vollem Ausmaß reproduzieren zu können. Müsste man „Open Grave“ in klare Genres klassifizieren, dann ließe sich der Film wohl als ein Mystery-Thriller mit einigen fiesen Horror-Elementen titulieren, dessen apokalyptischer Grundstimmung nicht von ungefähr kommt, wie die einfach unfassbare Endeinstellung klarstellt: Ein derart erschlagendes Bild gehört eigentlich auf die große Leinwand und wird mit Sicherheit die Kinnladen reihenweise gen Süden klappen lassen. Aber noch einmal ein Stück weit zurückgerudert: Selbstredend steht Jonah nicht allein mit den pochenden Fragezeichen im Kopf da.

Mit von der Partie ist auch zum Beispiel auch Thomas Kretschmann („Dario Argentos Dracula“), der sich, wie es sich für einen Deutschen wohl nun mal auch geziemt, vor allem knurrend und mit der durchgeladenen Schrotflinte im Anschlag durch die Szenerie schlurft. Das Positive an „Open Grave“ ist, dass es das Drehbuch von Eddie und Chris Borey tunlichst vermeidet, das fokussierte Vexierspiel über das Ziel hinausschießen zu lassen. Die Figuren sind – auch für sich selbst – erst mal bloße Chiffren und es werden dramaturgische Haken geschlagen, während unsere Protagonisten auf der Suche nach ihrer Identität sind und das Vakuum in ihren Köpfen mit Hinweisen zu füllen versuchen. Das Gelände, welches von aufgebahrten und von den Bäumen baumelnden Leichen gezeichnet ist, lässt jedenfalls nichts wirklich Gutes erahnen. „Open Grave“ versteht es, den Zuschauer in das Geschehen zu involvieren und ihm die gleichen Fragen zu offerieren , wie er sie auch den Akteuren unterbreitet. Seine wahre Essenz wird jedoch erst in den letzten Minuten in einem interessanten Zwiespalt an die Oberfläche gekehrt: Ein winziger Hoffnungsschimmer flackert wie ein Kerzenlicht und könnte im nächsten Moment für immer erlöschen. Unwohlsein regiert. Haben wir noch eine Chance?