"Our Idiot Brother" (USA 2011) Kritik – Dumm ist der, der Dummes tut

„They let me go early! I won ‚Most cooperative inmate‘ four months running.“

null

Ach wie schön wäre es, den überaus liebenswerten Sympatikus Paul Rudd („Trauzeuge gesucht“) auch mal in einem anderen Genre als der (romantischen) Komödie zu sehen. Doch leider wird dies auch in den nächsten Jahren nicht der Fall sein, zu gut gefällt der Kassengarant in der Rolle des freundlichen Jedermanns, als dass jemand etwas daran ändern würde. Auch in Jesse Peretzs („Dein Ex – Mein Albtraum“) neuer Komödie „Our Idiot Brother“ schlüpft Rudd in eine gewohnt sympathische Rolle, auch wenn er sich diesmal wenigstens äußerlich von einer ganz anderen Seite zeigt: Statt Anzug und Krawatte gibt’s diesmal Hanfhemden und Vollbart, schön ist das zwar nicht, dafür aber umso lustiger.

Wegen einer schier grenzenlos idiotischen Aktion wandert der Gutmensch Ned (Paul Rudd) für einige Zeit ins Gefängnis. Als er wieder auf freien Fuß kommt, ist nichts mehr so, wie es mal war: Seine Freundin, mit der er erfolgreich eine biodynamische Farm betrieben hat, möchte ihn plötzlich nicht mehr auf der Farm sehen und behält aus reiner Bosheit auch noch Neds besten Freund Hund „Willie Nelson“ bei sich. Dem sensiblen Ned ist die Freude am Leben gründlich vergangen und so sucht er erst einmal Unterschlupf im Haus seiner Mutter („Shirley Knight“). Hier trifft er auch endlich seine drei Schwestern Miranda (Elizabeth Banks), Natalie (Zooey Deschanel) und Liz (Emily Mortimer) wieder, bei denen der Tagträumer Ned Rat sucht. Doch jeder seiner Schwestern hat erst einmal mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen…

Auch wenn der Titel etwas anderes vermuten lässt, so handelt es sich bei „Our Idiot Brother“ nicht um eine Kalauerparade à la „Dumm und Dümmer“, sondern um eine herzerwärmende und intelligente Komödie über Familienbande und den Wert der Ehrlichkeit. Auch ist der titelgebende „Idiot“ keineswegs ein einfältiger Tunichtgut, sondern ein missverstandener und vor allem grundehrlicher Weltverbesserer, der aber mit seiner eigenwilligen Öko-Lebenseinstellung seinen gutbürgerlichen Schwestern wie ein etwas vertrottelter Tagträumer vorkommt. Auch die Tatsache, dass Öko-Bruder Ned sein Herz offenkundig auf der Zunge trägt, wird für das Schwesterngespann über kurz oder lang zu einem echten Problem, denn jede dieser modernen Großstädterinnen hat es sich in einem Lügen-Netz bequem gemacht. Natürlich werden diese, durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle der Reihe nach durch Bruder Ned aufgedeckt und meist versehentlich preisgegeben, das mag nicht besonders einfallsreich sein, dennoch kann „Our Idiot Brother“ selbst in den vorhersehbarsten Momenten noch durch gut getimte Situationskomik überzeugen.

Jesse Peretzs kleine Komödie über den Wert der Ehrlichkeit erfindet das Comedy-Rad sicherlich nicht neu, das ist auch gar nicht nötig, wenn man die einem gegebenen Mittel nur gewinnbringend einzusetzen weiß. So kann der Film von Beginn an durch eine Vielzahl grundsympathischer und herrlich kauziger Figuren punkten und dank der flotten Dialoge bis zum Ende hin eine hohe Gagdichte aufweisen. Doch auch die dramatischen Momente können überzeugen. „Our Idiot Brother“ macht deutlich, dass auch altbackene Werte wie „Familienzusammenhalt“ und „Ehrlichkeit“ in unserer modernen Gesellschaft noch lange nicht überholt sind, vielleicht sogar notwendiger denn je. Das ist stellenweise natürlich ein wenig kitschig, dennoch niemals unangenehm pathetisch, denn Regisseur Jesse Peretz schafft es, diese gefühlvollen Momente gekonnt in die lockere Komödie einzubinden.

Auch mit der Besetzung hat Regisseur Peretz alles richtig gemacht. Paul Rudd liefert wie gewohnt Comedy auf hohem Niveau ab, und sein „The Dude“-Gedächtnisoutfit macht dem Original alle Ehre. Auch in den zwar rar gesäten, dafür umso eindringlicheren ernsten Momenten, kann Rudd überzeugen, so hinterlässt besonders sein unvermittelter Wutausbruch am Ende des Films einen bleibenden Eindruck. Und selbst die zahlreichen hochkarätigen Nebendarsteller können zumeist überzeugen, egal ob nun Steve Coogan („The Trip“) als abgehobener Regisseur und untreuer Ehemann, die unschuldig-süße Zooey Deschanel („New Girl“) oder die hinreißende Elizabeth Banks („Zack und Miri Make a Porno“), die selbst in ihrer etwas klischeebeladenen Rolle als abgebrühte Karrierefrau noch zu überzeugen weiß. Einzig Kathryn Hahn („Woher weißt du, dass es Liebe ist?“) als Neds aggressive Ego-Öko-Ex-Freundin stellt mit zunehmender Spielzeit die Geduld des Publikums auf die Probe. Dass die Stimmung am Set hervorragend gewesen sein muss, beweisen nicht nur die Outtakes, nein auch dem Zusammenspiel der Schauspieler ist das deutlich anzumerken. Hier harmoniert einfach jeder mit jedem und das macht so viel Spaß, dass man den kleinen und großen Familienstreitigkeiten gerne noch länger beigewohnt hätte.

Fazit: Regisseur Jesse Peretzs Komödie „Our Idiot Brother“ kann durch einen spielfreudigen Cast, allen voran Paul Rudd als Mega-Öko überzeugen. Natürlich ist die Thematik in anderen Filmen deutlich besser behandelt worden, die liebevolle Inszenierung lässt aber über solche Schwächen leicht hinweg sehen.

Bewertung: 7/10 Sternen