Kritik: Pan (USA/UK/AUS 2015)

Pan

© Warner Bros. Pictures Germany

Welcome to NEVERLAND!

Wenn Regisseur Joe Wright („Anna Karenina“) einen neuen Film ins Kino bringt, ist dies gewöhnlich ein Freudentag für jeden cinephilen Kunstliebhaber. Selten liefert ein Regisseur so zuverlässig qualitativ hochwertige Produktionen wie der Filmmagier Wright, zumal er sogar das Kunststück vollbrachte, Kritiker und zahlendes Publikum gleichermaßen von seinem Können zu überzeugen. Mit Filmen wie „Abbitte“, „Stolz und Vorurteil“ oder „Wer ist Hanna“ hat sich der gebürtige Londoner in der letzten Dekade einen echten Namen in der Branche erarbeitet. Kein Wunder also, dass Wright inzwischen auch bei den großen Studios als Spitzenkandidat für aussichtsreiche Produktionen gehandelt wird. So geschehen mit „Pan“, dem von Warner für schlappe 150 Millionen US-Dollar produzierten Peter-Pan-Prequel. Doch erstaunlicherweise gestaltet sich ausgerechnet Wrights erster Gehversuch im Fantastischen als erstaunliche blutleere und konventionell gestrickte Abenteuer-Klamotte, die zwar mit einer fantastischen Bilderflut aufwarten kann, darüber hinaus aber wenig zu bieten hat. Doch trotz Feenstaub-Bonus will der berühmte Funke hier leider zu keinem Zeitpunkt überspringen.

Nimmerland war und ist noch immer ein Zufluchtsort für Realitätsverweigerer, ein Auffangbecken für die ungewollten Geister einer zunehmend industrialisierten Gesellschaft. Hier müssen Kinder niemals erwachsen werden und ein fester Glaube allein reicht, um sich seinen Herzenswunsch zu erfüllen. Es ist genau der von Autor James Matthew Barrie heraufbeschworene Eskapismus, das Abwenden von der Erwachsenenwelt, die für Peter und seine Bande sowieso keinen Platz hat, die den fliegenden Waisenjungen zu einer Heldenfigur der Querdenker und ewig Junggebliebenen werden lies. Von all diesen Elementen ist in Joe Wrights „Pan“ wenig zu finden. Selbst der identitätsgebende Eskapismus-Gedanke ist mehr Mittel zum Zweck. Zwar wird Peter hier aus einem Waisenhaus entführt und entkommt in einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd auf einem fliegenden Piratenschiff auch dem Schrecken des Zweiten Weltkrieges. All dies geschieht jedoch weniger aus einem Fluchtgedanken, schließlich hat sich Peter recht gut mit seiner Lebenssituation arrangiert, sondern aus dem Antrieb seine verschollen geglaubte Mutter aufzuspüren. Deutlicher werden die Differenzen zur literarischen Vorlage, wenn Peter endlich im Nimmerland angekommt. Hier entwickelt sich der „Lost Boy“ schnell zum prophezeiten Heilsbringer, der die Tyrannei des Piratenkapitäns Blackbeard (Hugh Jackman) ein Ende bereiten soll und nur zum eigenen Schutz auf ein behütetes Familiendasein verzichten musste. Peter Pan ist hier eher eine schillernde als eine tragische Heldenfigur, sodass die Gemeinsamkeiten mit der Romanvorlage schon beim Namen enden.

Gleiches gilt im Übrigen auch für die restliche Figurenwelt des britischen Autoren James Matthew Barrie. Hook, seines Zeichens Piratenkapitän in spe wird hier zum charmanten aber egoistischen Womanizer-Sunnyboy, der sich zwar nach außen hin unnahbar gibt, jedoch immer wieder beweist, dass er das Herz am rechten Fleck trägt. Wie aus diesem, vom „Thron: Legacy“-Darsteller Garrett Hedlund verkörperten Unterwäschemodel der kratzbürstige Fiesling Hook entwickeln soll, bleibt fraglich. Charakteransätze, die einen solchen Wandel erklären würden, sucht man hier vergeblich.

Für Joe Wright scheinen in „Pan“ Charaktere und Handlung sowieso eher zweitrangig zu sein. Erzählerisch stolpert sich die Geschichte um den jungen Peter Pan eher schlecht als recht über die Ziellinie. Dabei entsteht der Eindruck, dass der Regisseur das 150 Millionen Budget dafür verwendet, das Nimmerland in seinen ganz persönlichen Spielplatz zu verwandeln. Denn verrückte und bildgewaltige Einfälle kann man in Joe Wrights Peter-Pan-Adaption in fast jeder Szene finden. Besonders beeindruckend gestaltet sich etwa die Kampfsequenz zwischen den Piraten und den Indianern, die sich kurzerhand in ein knallbuntes Farbspektakel verwandelt und so Erinnerungen an das indische Holi-Festival wachruft. Nicht selten schlägt der Regisseur dabei etwas über die Stränge. Der Neuinterpretation des Rock-Klassikers „Blitzkrieg Bop“ von den Ramones oder Blackbirds Darbietung von Nirvanas Überhit „Smells like Teen Spirit“ wirken auch auf Grund ihres einmaligen Einsatzes seltsam deplatziert.

Fazit: Lieblose Charaktere und eine holprige Handlung lassen Joe Wrights Ausflug in fantastische Gefilde zu einer echten Enttäuschung werden. „Pan“ übergeht seine literarischen Vorbilder (was nicht zwingend schlecht sein muss) und verwandelt Peter Pan und Begleiter in generische Fantasy-Helden.