"Paranoia – Riskantes Spiel" (USA/FR 2013) Kritik – Starbesetzte Industriespionage zum Einschlafen

Autor: Pascal Reis

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„I’m gonna make you rich.“

Im Keller seiner in Brooklyn lebenden Eltern hat sich Adam Cassidy einen Namen in der florierenden Computerszene gemacht und arbeitete sich durch sein enormes Können zu einem echten Spezialisten – man darf ihn auch als Hacker bezeichnen – in diesem diffizilen Fach hoch. Adam steckt sich hohe Ziele und möchte möglichst viel Geld scheffeln, um dadurch nicht nur für sein eigenes Wohl, sondern auch für das seines Vaters zu sorgen. Seinen Job bei dem Großkonzern Wyatt Corporation setzt Adam aber aufs Spiel, nachdem eine Präsentation nicht nach seinen Vorstellungen verlief und er eine ausufernde Party auf Firmenkosten bezahlte. Nicholas Wyatt, Chief Executive Officer der Wyatt Corporation, setzt Adam dennoch nicht direkt auf die Straße, sondern schmiedet große Pläne mit dem jungen Mann: Adam soll sich nämlich in das Unternehmen des Wyatt-Rivalen Eikon, welches sich unter der Leitung von Jock Goddard befindet, dem ehemaligen Mentor von Nicholas Wyatt, einschleusen und für deren Zwecke ausspionieren.

An den Kinokassen wurde „Paranoia – Riskantes Spiel“ wohlwollend gemieden und konnte sich in den Abschlussregistern des Jahres einen vorderen Platz in den Flop-Listen sichern. Ganz so schlimm wie den mit Benedict Cumberbatch und Daniel Brühl eigentlich ziemlich ansprechend besetzten Thriller „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ und dem Action-Thriller „Shootout – Keine Gnade“ mit Sylvester Stallone traf es den Regisseur Robert Luketic mit „Paranoia – Riskantes Spiel“ zwar nicht, doch ein Einspielergebnis von guten 13 Millionen Dollar weltweit, bei einem Budget von 35 Millionen Dollar, ist doch eher zum Davonlaufen. Dabei verlautet die brisante und ebenso aktuelle Grundthematik rundum Industriespionage ein eigentlich durchaus spannendes Filmerlebnis, nur dafür hätte man ein Mindestmaß an Interesse für den diskutablen Stoff gebraucht, der sich nicht in der gewohnt auf dösigen Träntütenniveau gärenden Inszenierung seitens Luketic verstolpert. Summa summarum ergibt das im Großen und Ganzen einen Film, der sein kommerzielles redlich Fiasko verdient hat.

Mit der Besetzung verfolgt Luketic eigentlich ein Erfolgsprinzip, setzt er doch auf die bewährt ausgewogene Mischung zwischen dem aufstrebenden Jüngling und den etablierten Altstars. Liam Hemsworth („Die Tribute von Panem – Catching Fire“) soll als Adam Cassady zur klaren Identifikationsfigur für den Zuschauer werden und dahingehen fungieren, ihn an die Hand zu nehmen und durch die aseptische Welt der Großen und Starken zu führen. Hätte Hemsworth einen Funken Ausstrahlung, wäre das Kalkül ihn an die Ensemblespitze zu setzen vielleicht aufgegangen, nur fehlt dem Bruder des „Thor“-Darstellers Chris Hemsworth jede Kompetenz, sich irgendwie glaubwürdig in das Geschehen einzufügen. Er ist zu jung, zu blass, zu kantenlos. Im Gegenüber stehen besagte „Große“ und „Starke“ und werden von Harrison Ford und Gary Oldman verkörpert, die einst in Wolf Petersens Pathosschleuder „Air Force One“ schon einmal, sagen wir, die ein oder andere Diskrepanz miteinander austrugen. Beide besitzen genügend Charisma, um ihre laschen Profile zu füllen und bekommen auch 1-2 gute Szenen – die einzigen des Films im Übrigen – zugesprochen.

„Paranoia – Riskantes Spiel“ öffnet die Pforten für den Einzug in ein System, welches im Zeitalter der keimenden Telekommunikation jeden zwischenmenschlichen Basiswert als unbrauchbar definiert. Geht es um Menschen, dann geht es, auf höherer Ebene, immer um Misstrauen, um Verrat, um das Ziel, seinem Gegenüber durch unangenehme Mittel den Wind aus den Segeln zu nehmen und damit seinen Branchenruin einzuleiten. Und da setzt die Industriespionage ein, in der ein Unternehmen ein anderes anhand eines Spitzels auszuschalten versucht oder für den eigenen Vorteil in der Fortschrittsentwicklung zu bestehlen gesinnt. Das klingt nach fesselndem, temporeichem und gewiss vielschichtigem Hochspannungskino, im besten sogar Fall mit Augenkontakt zu Sydney Pollacks „Die Firma“, wenn es denn richtig und konsequent angegangen wird. Barry Levy und Jason Dean Hall machen es sich nur viel zu einfach und kratzen nicht nur an der Oberfläche, die halten vielmehr Abstand und erhaschen in lichten Momenten einen zügigen Blick aus der Ferne.

Die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer. Aber Letztere existieren in dieser unter der puritanischen Diktatur des technologischen Massenwahnsinns kauernden Welt ohnehin nicht. „Paranoia – Riskantes Spiel“ schleppt sich ohne jede Emotionalität, echte Charakterzeichnung oder eine Dramaturgie, die es nicht einmal auf beschränktem Wege versucht, den Zuschauer etwas Aufmerksamkeit abzuluchsen, von A nach B. Der konventionellen Rahmen um das gefährliche Einschleusen, das trickreiche Täuschen, das brenzlige doppelte Spiel unter immensem Druck – innen wie außen – wird routiniert und mit verschlafenen Augen runtergerattert und mundet im großen Gähnen: Das Desinteresse am eigenen Sujet verfällt einer erschreckend mutlosen Offensichtlichkeit. So steril wie die ausladenden Bürokomplexe erscheint das gesamte Szenario, denn wenn das Schicksal der immer wie aus dem Ei gepellten Hauptfigur schon nicht im Geringsten tangiert, kommt es zu einer Distanz, die einem Film dieser subjektiven Couleur nur schadet.

Von Betrügern ist hier die Rede, von echten Profis im Umgang mit dem Smartphone, im Wissen darüber, zu welchen Ausmaßen ein solches in der Lage sein kann. Sieht man dann aber Harrison Ford und Gary Oldman mit diesen jonglieren, weckt das nur den Eindruck, als hätten Jock Goddard und Nicholas Wyatt bis gestern noch bei Mutti mit der guten, alten Wählscheibe angerufen. Dass „Paranoia – Riskantes Spiel“ dann natürlich auch nicht auf seine obligatorische Liebesgeschichte verzichten kann, ist genauso klar, wie es auch nach wenigen Minuten vorherzusehen ist, dass der Diebstahl des Prototypen nur darauf aus war, beide Seiten zu eigenen Gunsten gegeneinander auszuspielen. Oh Wunder.