„Passion“ (FR/DE/GB 2012) Kritik – Der alte Mann kann’s nicht mehr

Autor: Jan Görner

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„But you have to love me. You have to!“

Bis in die 1970er Jahre hinein war es in Deutschland durchaus gängige Praxis, dass verdiente Profifußballer nach Karriereende einen Autohandel oder wenigstens eine Lotto-Annahmestelle eröffneten. Eine solche Altersregelung für scheidende Regisseure gibt es freilich nicht und so ist es vielleicht auch zu erklären, dass der inzwischen immerhin 72-jährige Brian De Palma noch immer Filme macht. Spätestens seit dem Monumental-Flop „Mission to Mars“ in einem Formtief hatte sich De Palma mit seinen letzten beiden Filmen „Black Dahlia“ und „Redacted“ trotz guter Ansätze nicht an alte Stärken rankämpfen können. Mit dem artifiziellen Erotikthriller „Passion“ hat der Altmeister nun die Talsohle erreicht.

Geld, Macht, Sex – die schöne Christine (Rachel McAdams), Managerin der Berliner Filiale einer internationalen Werbeagentur, hat all das. Für ihr eigenes Fortkommen geht die erfolgreiche Geschäftsfrau über Leichen. Das muss auch die von ihr protegierte Isabelle (Noomi Rapace) am eigenen Leib erfahren, als ihre Chefin ein von Isabelle und ihrer Assistentin Dani (Karoline Herfurth) entwickeltes bahnbrechendes Werbeformat für ihre Idee ausgibt. Als dann auch noch Christines Gelegenheitsliebhaber Dirk (Paul Anderson) in die Affäre hineingezogen wird, eskaliert der Kleinkrieg zwischen den Frauen. Vor versammelter Belegschaft wird Isabelle von ihrer vermeintlichen Freundin gedemütigt. Dann geschieht ein Mord…

Im Pressematerial zu „Passion“ erzählt De Palma freimütig, dass er seit „Mein Bruder Kain“ von 1992 keinen Thriller mehr gedreht habe (und vergisst dabei offenbar „Femme Fatale“ aus dem Jahr 2002). Ganz so als wäre seitdem keine Zeit vergangen präsentiert sich sein neustes Werk folglich auch ganz im Gepräge eines 80er-Jahre-Edelthrillers. Da mag mancher einen Nostalgiewert verorten, wieso De Palma dafür aber Alain Corneaus „Liebe und Intrigen“ (2010) remaken musste, lässt der Altmeister offen. Ohnehin weisen zahlreiche Änderungen gerade gegen Ende des Skripts „Passion“ doch als letztendlich eigenständiges Werk aus. Und hier beginnen die Probleme.

In der ersten Hälfte fühlt sich „Passion“ wie eine souverän inszenierte höfische Nabelschau an. Intrigen, Sex, Hass, alles wird mit dem größtmöglichen Ernst zelebriert. Die Bilder dafür findet Kameramann José Luis Alcaine („Die Haut, in der ich wohne“) im hipen, aufstrebenden Berlin, was wohl hauptsächlich in der Tatsache begründet liegen dürfte, dass es sich um eine deutsch-französische Co-Produktion handelt. Von einigen deutschen Nebendarstellern und dahin geworfenen Sprachfetzen abgesehen, könnte „Passion“ ebenso gut in Brüssel, Paris oder Sofia spielen.

Erzählerisch versucht De Palma die Schrauben ab der ersten Minute anzuziehen. Und überspannt schließlich. Denn in der zweiten Hälfte fällt „Passion“ schlicht auseinander. Hier versucht der Film eine weitere Handlungsebene hinzuzufügen, die den Zuschauer an der Realität des Gesehenen zweifeln lassen soll. Und damit es auch der Letzte versteht, packt Papa De Palma den dutch angle aus. Mich hatte „Passion“ sogar bereits mit seiner Absage an traditionelle Erzählmuster verloren. Die Eskalation des Zickenkriegs zwischen Isabelle und Christine gerät zum Wendepunkt, nachdem der Streifen vom erotischen Corporate-Thriller zum oberflächlichen Whodunit-Derivat abgleitet. Zu sehr arbeitet sich die Regie an der verkommen-dekadenten Unternehmerwelt ab, zu überformt ist jede Einstellung. Zu allem Überfluss kann das Drehbuch auch der Versuchung eines überaus trivialen Twists nicht widerstehen. Besonders negativ fällt überdies der aufdringliche Soundtrack des langjährigen De-Palma-Kollaborateurs Pino Donaggio auf. Jener überreizt die musikalische Akzentuierung des Geschehens derart, dass man ihm getrost einen Teil der unfreiwilligen Komik von „Passion“ gutschreiben darf.

Auf der Darstellerseite wirkt Noomi Rapace als rehäugig-naive Isabelle ein wenig fehl am Platz. Die Intention, das Image der „Verblendung“-Darstellerin gegen den Strich zu bürsten, in allen Ehren. Auf der anderen Seite hat canadian sweetheart Rachel McAdams offenbar sichtlich Spaß an ihrem Part als durchtrieben-opportunistisches Luder. Über die platte Charakterisierung eines Soap-Bösewichts geht die Rolle ärgerlicherweise doch nicht hinaus. Christine ist eben eine intrigante Schlange, weil ihr das Spaß macht. Dabei könnte man „Passion“ auch eine verklemmte Sexualmoral vorwerfen, denn Christine steht auf BDSM-Spielchen. Die kann ja nicht ganz gesund im Kopf sein! Immerhin, der Mord ist ansprechend in Szene gesetzt und ruft noch einmal De Palmas Stärken als Regisseur ins Gedächtnis. Das allein reicht jedoch nicht, um „Passion“ noch zu retten.

Fazit: Selten hat mich ein Film so ratlos gemacht wie „Passion“. De Palmas über die Länge seiner Karriere gepflegte Hitchcock-Obsession grenzt mitunter an Selbstverleugnung. Wer eine niedrige Toleranzschwelle für Kitsch hat, sollte den neuen De Palma meiden. Alle anderen bekommen einen schwelgerisch inszenierten Euro-Thriller.