"Perfect Sense" (GB 2011) Kritik – Liebe von Sinnen

„Eines Tages. Eines Tages wirst du dich verlieben und du wirst leiden.“

null

Der britische Filmemacher David Mackenzie ist eher einer der spezielleren, aber genauso besonderen Regisseure. Mit sensiblen Filmen wie ‚Young Adam‘ und ‚Hallom Foe‘, konnte Mackenzie verdiente Aufmerksamkeit bekommen, doch für den großen Durchbruch sollte es nie reichen. Nach seinem letzten Spielfilm ‚Toy Boy‘ mit Ashton Kutcher in der Hauptrolle, der von allen Seiten reichlich böse und vernichtende Worte zu hören bekam, wurde es für MacKenzie wieder Zeit, zurück in die alte Spur zu finden. Im Jahr 2011 kam sein neuer Film ‚Perfect Sense‘ in ausgewählte Kinos und MacKenzie inszenierte nicht nur einen richtig guten Film, sondern zeigte uns auch etwas vollkommen Neues.

Michael ist Chefkoch und führt offensichtlich ein sorgenfreies Leben. Mit Frauen kann er jedoch nicht umgehen und es geht ihm ganz allein um den gefühllosen Sex. Susan ist Epidemiologin und versucht eine unerklärliche Krankheit zu untersuchen und zu stoppen, bei der die Menschen nach und nach ihre Sinne verlieren. Als die Epidemie immer größere Kreise zieht und weltweit für Chaos sorgt, finden Michael und Susan zusammen…

In der Hauptrolle des Kochs Michael brilliert Ewan McGregor. Hier zeigt Ewan McGregor mal so richtig, zu welchen emotionalen Großleistungen er im Stande ist. McGregor spielt durchgehend auf allerhöchstem Niveau und berührt jeden Zuschauer auf seine ganz eigene, gefühlvolle Weise. Auch Eva Green zeigt eine tolle Leistung, zwar ist sie nicht ganz so gut wie McGregor, aber als Susan wirkt sie ebenso auf die Zuschauer und lässt uns mitgehen, mitfühlen und mitleiden.

Mit Michael und Susan bekommen wir sicher nicht das sympathische Traumpaar, das uns durch ihren herzlichen und warmen Charakter mitreißt. Das bestimmt nicht. Michael geht es bei Frauen nur um den Körper und die schnelle Nummer. Er gesteht sich auch selber ein, ein Arschloch in jeder Hinsicht zu sein. Für eine Beziehung ist er nicht geschaffen, denn wenn Probleme aufkommen, macht er sich schnell aus dem Staub und lässt die Menschen alleine zurück. Susan ist da kaum anders. Für eine Beziehung scheint auch sie nicht gemacht zu sein und vor Zweisamkeit scheut sie sich. In ihrem Job versucht sie Menschen vor der großen Panik zu beschützen und will das verstecken, was so offensichtlich ist, aber dennoch unverständlich. Durch Zufall finden sie zueinander, die Vergangenheit bebt in beiden und sie versuchen die unvermeidlichen Dinge zu verdrängen und auszublenden.

In ‚Perfect Sense‘ werden wir mit dem intensiven Verlust der Sinne konfrontiert. Wissen wir es überhaupt zu schätzen, dass wir alles haben? Was verbinden wir mit Gerüchen? Welche Erinnerungen hegen die frischgemähten Felder und Wiesen in uns? Und wie wirkt der Duft der Blumen nach einem Regen? Was ist der Unterschied zwischen süß, sauer und scharf, wenn man sich diese Geschmacksrichtungen auf der Zunge zergehen lassen? Wie reagieren wir? Was passiert, wenn wir unser Gehör verlieren und nie mehr vom Vogelgezwitscher am Morgen geweckt werden können. Wenn wir nie wieder die Stimme von geliebten Menschen hören dürfen und nie wieder das Brechen der Wellen im Meer vernehmen? Und gibt es ein Leben nach dem Verlust des Augenlichts? Ein Leben in ewiger Dunkelheit und schrecklicher Schwärze? Hat das eigene Leben noch einen Sinn, wenn uns alle Sinne immer weiter verloren gehen? Was bleibt uns noch? Lebt man einfach weiter, versucht man sich an diese neuen Umstände zu gewöhnen und versucht das neue Leben anzunehmen? Oder gibt man auf? Lässt an sich fallen und steht einfach nie wieder auf? Man muss sich den Problemen stellen, aber nie allein. Denn nur zusammen kann sich der letzte, für immer bleibende, perfekte Sinn entfalten.

David Mackenzie inszenierte mit ‚Perfect Sense‘ einen Film, wie wir ihn so noch nie erleben durften. Wir erfahren was Verluste und das Zusammensein bedeutet. Wir schwimmen in Trauer, zerbrechen an Aggressionen und verlieren uns in der endlosen Leidenschaft. Ein Paar, das sich nicht binden kann, findet einen Einklang und vergisst sich gemeinsam in der ausweglosen Stille. Voller Melancholie und umklammernden pessimistischen Tönen, zieht uns ‚Perfect Sense‘ in sein eigenes, unbekanntes aber doch so kraftvolles Loch. Wir finden Wege, durch das Leben zu gehen, obwohl wir auf der Stelle stehen bleiben. Die Gefühle werden unhaltbar durchgeschüttelt und das Glück kann schnell durch das letzte Aufatmen ausgewechselt werden. Ein unendliches Auf und Ab und doch voller eindringlicher Liebe und gleichmäßigem Schmerz gezeichnet, die man so nicht vergessen wird. Auch wenn ‚Perfect Sense‘ sicher nicht immer zielstrebig ist und die Aussage am Ende etwas zu klar eingebläut wird, ist und bleibt der Film ein ganz besonderes, menschliches Erlebnis, welches man mit allen Sinnen einfangen und nie wieder gehen lassen sollte.

Fazit: ‚Perfect Sense‘ ist die einmalige Reise in eine Liebe, die über jeden Sinn hinausgeht. Ein schwerer und gleichzeitig einfühlsamer Film, der niemanden kalt lässt und in jedem von uns etwas ganz eigenes auslösen wird. Ein toller Film, grandios inszeniert, wenn auch nicht ohne Schwächen, und herausragend gespielt.

Bewertung: 8/10 Sternen