"Philomena" (FR/GB/US 2013) Kritik – Judi Dench sucht ihren verlorenen Sohn

Autor: Pascal Reis

null

„If God were in there, he’d say you were a fucking idiot!“

Im streng katholischen Irland der 1950er Jahre galt es als schwere Sünde, ein uneheliches Kind zu gebären. War dies dennoch der Fall, wurden die Frauen kurzerhand in ein Kloster verfrachtet; nicht nur, um dort ihr Kind auf die Welt zu bringen, sondern auch um danach – quasi als Sündenerlass – im Kloster der Zwangsarbeit verpflichtet zu werden. Philomena Lee ist eine dieser jungen Frauen, die sich in einer solchen Situation wiederfinden musste und hilflos dabei zusah, wie die hiesigen Ordensschwestern ihren Sohn Anthony leichtfertig zur Adoption freigaben. Heute ist Philomena schon über 70 und eröffnet ihrer Tochter das über Jahrzehnte still bewahrte Geheimnis, denn die nach wie vor streng gläubige Dame möchte endlich wissen, was aus ihrem unfreiwillig entwendeten Sohn geworden ist und macht sich zusammen mit dem US-Korrespondent Martin Sixsmith, der durch einen Skandal zurück in seine Vergangenheit als Journalist kehren muss, auf die Suche. Während sich die optimistische Philomena mit vollem Elan auf die Reise begibt, wittert Sixsmith hingegen vorerst nur das schnelle Geld…

Man möchte meinen, dass die Lebensgeschichte der Philomena ihren Ursprung nicht in der Realität, sondern in einem billigen Groschenroman vom stickigen Bahnhofskiosk gefunden hat: Eine junge Frau unterliegt ihren vollkommen natürlichen Trieben, wird daraufhin schwanger und eine Horde unbarmherziger Nonnen entreißt ihr gnadenlos ihren Erstgeborenen, weil es die religiöse Ideologie so vorschreibt und ein solches Dogma wird nicht in Frage gestellt, weil es nicht in Frage gestellt werden darf. Man würde sich anhand der aufgesetzten wie überzogenen Melodramatik, die diese Synopsis unentwegt suggeriert, schmunzelnd zurückziehen. Es ist allerdings so, dass der Fall Philomena tatsächlich der Wirklichkeit entspricht und in dem seiner Zeit von der Öffentlichkeit durchaus kontrovers aufgenommen Bestsellerroman „The Lost Child of Philomena“ dokumentiert wurde: Die unglaublichsten Geschichten schreibt nun mal immer noch das Leben. Und das Schöne am Medium Film – Natürlich auch an der Literatur – ist dann wohl immer noch, das er uns nachhaltig ermöglicht, Teil einer solchen zu werden und dem Zuschauer im besten Fall die Chance unterbreitet, sich ein eigenes Bild der Sachlage zu formen.

Mit dem kundigen Genretausendsassa Stephen Frears, der sich zuvor schon durch Projekte wie „Mary Reilly“, „High Fidelity“ und schließlich auch „Die Queen“ auszeichnen konnte, hat „Philomena“ einen Regisseur gefunden, der ein extrem feines Gespür dafür besitzt, eine Geschichte sukzessiv zu entfalten und ein kalkuliertes Konzept immer frisch und leichtfüßig wirken zu lassen – Was natürlich auch in erster Linie den nuancierten Drehbuchvorlagen zu verdanken ist. „Philomena“ besitzt ein an und für sich wirklich gutes Skript, verfasst von Steve Coogan und Jeff Pope, welches sich angenehm darum bemüht, erdrückendem Sentiment zu umschiffen und den Weg der Philomena gefühlvoll, aber nicht manipulativ zu gestalten. Dass sich dieser löbliche Vorsatz auch größtenteils bewahrheitet, liegt nicht zuletzt an den fantastisch harmonierenden Hauptdarstellern. Während Steve Coogan seinen Martin Sixsmith vorerst als pragmatischen Zyniker anlegt, der wenig Interesse an einer obligatorischen „Human Interest“-Story zeigt, stellt Judi Dench erneut unter Beweis, warum sie zu den besten Schauspielerinnen ihrer Zunft gehört: Ihre Philomena ist eine kokette, ihren religiösen Wurzeln aber durch und durch devote Frau, die ihre sympathische Naivität genauso vertritt, wie sie schon im nächsten Augenblick von ihren Gefühlen, ihren Zweifeln übermannt werden kann.

Die große Stärke von „Philomena“ liegt neben seinen Akteuren aber ganz eindeutig in der ausbalancierten Narration, die die Tragik Philomenas immer in Ehren hält, die Komik innerhalb des Szenarios aber ebenfalls nie zu kurz kommen lässt – Und diese ist dann von einer wunderbar lakonisch-britischen Note besiegelt. Darüber hinaus weiß Frears ganz genau, wie er den Zuschauer berühren kann und bewahrt eine der emotionalsten Szenen der Films – und vielleicht auch des gesamten Kinojahres – bis zum Ende auf, um nicht nur die Protagonisten, sondern auch das Publikum geradewegs mit den Tränen kämpfen zu lassen. Schlussendlich wird dabei auch deutlich, dass „Philomena natürlich nicht nur eine familiäre wie journalistische Recherche nach Wahrheit ist; es geht hier letztlich auch um Vergebung, so schwer sie auch erscheinen mag. Durch diese Ansatz wird die anklingende Kirchenkritik zwar neutralisiert, aber auch das ist nur Teil des dramaturgischen Kalküls. Und genau das ist Problem von „Philomena“: Der Film ist sich in seiner Erzählung und Entfaltung einfach viel zu sicher, was ihn zeitweise konstruiert und nicht vollends menschlich wirken lässt.

Fazit: „Philomena“ überzeugt über weite Strecken durch seinen einfühlsamen Umgang mit seinen Charakteren, während das Drehbuch dabei nie die wunderbare Balance zwischen Tragik und Komik vernachlässigt, was den Verlauf der Reise niemals langatmig oder überzogen erscheinen lässt. Gehemmt wird der Gesamteindruck letztlich durch die gelegentlich aufkeimende Methodik innerhalb der Narration, die „Philomena“ nicht immer menschlich, sondern offensichtlich konstruiert und abgebrüht wirken lässt. Nichtsdestrotz hat Stephen Frears erneut einen überaus sehenswerten Film inszeniert, der nicht zuletzt dank seiner fantastischen Hauptdarsteller ohne Frage mehr als nur einen Blick wert ist.