Kritik: Pitch Perfect (USA 2012)

„You guys are gonna get pitch-slapped so hard, your man boobs are gonna concave.“

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Tanzen, Singen, Hüpfen und Springen haben in den letzten Jahren ein ungeahntes Revival erlebt. Nach den musikalisch kontroversen 90er Jahren mit ihrem Eurodance und choreografierten, ausschließlich heterosexuellen, Boyband-Tänzen war zurecht die Luft raus. Tanzen und Singen, das klang schon immer ziemlich uncool und Gefühle zeigen sowieso. Dann kamen die Post-Al-Bundy-Jahre, die 2000er, und mit ihr zahlreiche neue Musikfilme, angefangen mit Baz Luhrmanns „Moulin Rouge“, „High School Musical“ und „Mamma Mia“ und dazu Tanzfilme wie die „Step-Up“-Reihe bis hin zu gewagten 3D-Experimenten wie Wim Wenders „Pina“. Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich das Serienphänomen „Glee“, das seit 2009 Teenies und Erwachsene auf der ganzen Welt in seinen Bann zieht und die Uncoolness von Tanz und Musik gleich fröhlich mit thematisiert, wobei fleißig ein paar böse, heterosexistische Vorurteile gegen die Wand gefahren werden.

Jason Moores Musik-Komödie „Pitch Perfect“ springt ganz unverfroren auf diesen Zug mit auf. Nicht nur, dass die Handlung über einen Chor aus Underdogs, die sich in Regionals und Finals behaupten müssen, ziemlich deutlich an „Glee“ erinnert, sogar der teilweise nerdige Humor scheint der beliebten Serie entlehnt. Die Chance einen „Glee“-Kinofilm zu machen hat Serienschöpfer Ryan Murphy allerdings definitiv mit dem letztjährigen Konzertfilm „Glee on Tour“ vergeigt und daher absichtlich ein Vakuum geschaffen, das nun von „Pitch Perfect“ gefüllt wird.

Beca (Anna Kendrick) landet auf Wunsch ihres Vaters auf einem College, obwohl sie doch lieber DJane sein will. Aufgrund ihrer guten Stimme landet sie mehr oder weniger freiwillig bei den Bellas, einer ausschließlich weiblichen Acapellagruppe, der es schwer fällt im harten Wettbewerb zu bestehen, besonders gegen die erfolgreiche Männergruppe im gleichen College, dessen neues Mitglied Jesse (Skylar Astin) verliebt sich auch gleich Hals über Kopf in die verschlossene Beca.

Okay, die Handlung liest sich bereits wie ein schlechter Scherz. Doch zum Glück wussten das die Autoren ebenso und würzten das Häufchen Inhalt mit einer großen Palette schräger Figuren, die alle eine Gemeinsamkeit haben. Sie sind interessanter als die Hauptfigur. Zwar gibt sich der Film anfangs Mühe Becas Träume und den Konflikt mit ihrem Vater herauszuarbeiten, verliert aber spätestens bei den Chorsequenzen sein Interesse an ihr. Die immer bezaubernde Anna Kendrick verleiht der rebellischen Beca dennoch genügend Sympathien. Woran die Filmemacher allerdings am meisten Spaß hatten sind weder Becas Problemchen oder ihr Love-Interest Jesse, sondern die Musical-Nummern und ja, das ist verständlich.

Seinen größten Witz zieht „Pitch Perfect“ aus der Tatsache, dass es hier um Acapella-Wettkämpfe geht. Wahrscheinlich wissen die wenigsten Teenies der YOLO- und ROFL-Generation was Acapella überhaupt ist. „It’s all from our mouths.“ erklärt die ehrgeizige Bellas-Leaderin, was Beca gleich darauf mit einem angeekelten Gesichtsausdruck quittiert. Humor ist halt, wenn man in einer Acapella-Gruppe ist und trotzdem lacht. Understatement deluxe! Trotzdem fackeln Jason Moore und sein Team ein kleines Musical-Feuerwerk ab und zeigen, was mit Acapella alles so möglich ist. Mehrstimmige Medleys, waghalsige Choreografien und gnadenlose Battles in ausgeleerten Swimming-Pools machen aus dem nerdigen Sing-Sang das neue Hobby aller „X-Factor“-Bewerber_Innen und die tolle Musikauswahl sowie die sehr guten Stimmen-Arrangements bringen dann auch den letzten Zuschauer zum Mitsummen.

Während „Pitch Perfect“ musikalisch jeden Ton trifft, hört es sich inhaltlich oft schief und krumm an. Der postmoderne Wink mit dem Zaunpfahl, wo Beca in einer schwülstigen Motivationsrede ihre Chorgruppe mit dem Breakfast Club aus John Hughes gleichnamigen Meisterwerk vergleicht, ist doch mehr als albern und vermessen, denn an seinen Charakteren ist „Pitch Perfect“ nie interessiert. Sie dienen als Gag-Futter, mehr nicht. Da muss keine Tiefe erzeugt werden, wo es nichts zu vertiefen gibt.

Inhaltlich bleibt Jason Moores Film eine unausgegorene Mischung aus „Glee“ und Filmen wie „Brautalarm“, wo ebenso Rebel Wilson mitspielte. Die australische Komikern befindet sich seit längerem auf Erfolgskurs. Ihre Auftritte, selbst in so schwachen Filmen wie „Was passiert, wenn’s passiert ist“, bleiben lange in Erinnerung. Sie bricht nicht nur mit dem Schönheitsideal, sondern widerspricht auch dem Klischee vieler dicker Figuren in Filmen. Während füllige Frauen in den meisten Filmen als bloße Projektionsfläche angeekelter Männerblicke herhalten müssen, bedient Rebel Wilson das Bild einer unabhängigen Frau, die weiß was sie will und erfolgreich selbst begehrt und begehrt wird. Die üblichen Dicken-Witze prallen einfach an ihr ab und das nutzt auch „Pitch Perfect“. Wilson spielt hier Fat Amy, ein Name, den sie sich selbst gegeben hat, damit keiner von den Hungerhaken das hinter ihrem Rücken macht. Sie singt und tanzt gerne. Sie zieht an, was sie will. Die Anmache eines Typen schlägt sie aus, weil sie doch lieber mit ein paar heißen Boys im Pool liegt.

Leider hält „Pitch Perfect“ seinen progressiven Humor nicht aufrecht und reißt vereinzelt ziemlich unangemessene Witze. Warum man nämlich über Vergewaltigungspfeifen und sexuelle Belästigung lachen sollte, bleibt wohl ein Geheimnis der Autoren. Zumal schwarzer Humor auch auf andere Weise funktioniert. Am ärgerlichsten empfand ich aber die deutlich spürbaren rassistischen Ressentiments gegenüber asiatischen Menschen. Das fängt bereits bei Becas koreanischer Mitbewohnerin an, die nie ein Wort mit ihr spricht und sich nur mit anderen Koreaner_Innen trifft. Zwar taut sie im Laufe des Films etwas auf, aber da kommt die zweite Asiatin ins Spiel, die teil der Acapella-Gruppe ist und nicht laut sprechen und singen kann. Ihr dunkelstes Geheimnis ist, dass sie ihren Zwilling im Mutterleib gegessen hat. Sie ist der Weirdo der Gruppe, die sogar in einer Szene in Kotze badet. Es wäre nicht schwierig gewesen all diese für sich genommen witzigen Eigenschaften auf verschiedene Figuren zu verteilen ohne daraus eine Diffamierung von Asiatinnen zu machen. Dazu kommt die miserable deutsche Synchronisation, die z.B. einfach das englische Wort Bitch mit Schlampe übersetzt, was überhaupt nicht das gleiche ist. Hier gilt eine absolute O-Ton-Empfehlung.

Solche Fehltritte fügen sich mühelos in diesen unvollkommenen Film ein. „Pitch Perfect“ hätte ein wunderbares Anarcho-Musical, ja sogar eine feministische Musical-Comedy mit derbem Humor und jeder Menge Gross-Out-Momenten werden können. So ist es zwar ein Film geworden, der all diese Träume wenigstens ein bisschen erfüllt, aber sie dennoch nie wirklich zu ende träumt, dafür hätten sich die Autoren mehr für ihre Figuren und die Befindlichkeiten ihres nicht nur weißen Publikums interessieren müssen.