"Jeder hat einen Plan" (AR, GER, ES 2013) Kritik – Viggo Mortensen²

Autor: Stefan Geisler

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„Seit wann trägst du denn nen Bart?“

Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, einfach sein bisheriges Leben an den Nagel zu hängen und in die Identität eines anderen Menschen zu schlüpfen. Die eigenen Problemen und Sorgen hinter sich lassen und noch einmal bei Null beginnen. Allzu oft vergisst man bei solchen Gedankenspielereien jedoch, dass sprichwörtlich jeder sein Kreuz zu tragen hat und auch ein Rollentausch nicht zwingend eine Besserung der gegebenen Lebensumstände bewirken muss. Mit einem solchen Identitätstausch-Thriller gibt nun die argentinische Regisseurin Ana Piterbarg ihr Leinwanddebüt. Auch wenn sich „Jeder hat einen Plan“ der Beschreibung nach auch als abgefahrener Science-Fiction-Film lesen lassen könnte, handelt es sich hier eigentlich um einen äußerst bodenständigen Thriller, angesiedelt irgendwo im südamerikanischen Hinterland. Hier macht Gelegenheit Identitäts-Diebe und Waldläufer Viggo Mortensen glänzt in einer Doppelrolle. Dennoch kommt Ana Piterbargs Debütfilm trotz Mortensen im Doppelpack und interessanter Prämisse nicht über das Mittelmaß hinaus.

Der in Buenos Aires angestellte Kinderarzt Augustin (Viggo Mortensen) steckt mitten in der Midlife-Crisis. Irgendwie wird ihm alles zu viel und als seine Freundin Claudia (Soledad Villamil) auch noch ein Kind adoptieren will, brennen bei Augustin die Sicherungen durch und er schließt sich über Tage in sein abgedunkeltes Zimmer ein. Erst als sein Bruder Pedro (ebenfalls Viggo Mortensen), ein eher einfach gestrickter Imker aus dem Tigre-Delta mit Vorlieben für zwielichtige Geschäfte, vor seiner Tür steht und ihm beichtet, dass er bald sterben wird, erwachen die Lebensgeister in Augustin erneut. Als Pedro ihn auch noch bittet, ihn im Stillen ein Ende zu bereiten, nutzt der Kinderarzt diese einmalige Gelegenheit seinem bisherigen Leben zu entkommen und schlüpft in das Leben seines Zwillingsbruders. Doch auch Augustins neues Leben bringt ungeahnte Probleme mit sich…

Nicht nur Kinderarzt Augustin nutzt in „Jeder hat einen Plan“ die Gunst der Stunde, um seiner eigenen Vergangenheit zu entfliehen, auch für Regisseurin Ana Piterbarg stellt der Film in gewisser Weise ein Neubeginn dar. Schließlich wagt sich die junge Filmemacherin, die bisher nur für südamerikanische Nachmittags-Telenovelas verantwortlich zeichnete, mit ihrer ersten Kinoproduktion auf das internationale Filmparkett. Unterstützt wird sie dabei von „Herr der Ringe“-Star Viggo Mortensen, der so begeistert vom Skript war, dass er sich nicht nur als Schauspieler für die Doppelrolle des ungleichen Brüderpaars zur Verfügung stellte, sondern auch noch als Produzent den Film mitfinanzierte. Auch die Sprachbarriere stellte für Mortensen keine Hürde dar, schließlich lebte der gebürtige Amerikaner in seiner Kindheit sogar einige Jahre in Argentinien.

Leider schafft es Regisseurin Ana Piterbarg nicht, aus der durchaus interessanten Ausgangssituation mehr zu machen als einen unaufgeregt erzählten Durchschnittsthriller. Gerade die spannende Idee des Rollentauschs der beiden Zwillingsbrüder verkommt während des Films mehr und mehr zur Randnotiz. Dem bessergestellten Kinderarzt aus Buenos Aires fällt es erstaunlich leicht, sein Umfeld zu täuschen und den schon seit Jahren aus den Augen verlorenen Bruder zu imitieren. Außer einem gelegentlichen „Du benimmst dich in letzter Zeit so komisch, alles in Ordnung mit dir?“ hat der Identitätswechsel auch keine weiteren Auswirkungen auf Film und Charakter und sogar ein letztes Zusammentreffen mit einer engen Vertrauten aus dem alten Leben oder die finale Enttarnung bleibt letztlich folgenlos für den weiteren Verlauf des Films. Dies mag auch daran liegen, dass Regisseurin und Drehbuchautoruin Piterbarg ihren Protagonisten nicht nur in ein neues Leben entführt, sondern ihn auch gleich noch in einen Kriminalfall verwickelt und demzufolge den Fokus eher auf die Thriller-Elemente des Films legt. Dennoch wäre eine erkennbare Charakterentwicklung, gerade auf Grund der extremen Umstände des neuen Lebens, wünschenswert gewesen.

Fazit: Ana Piterbargs Debütfilm „Jeder hat einen Plan“ macht einiges richtig, aber lässt auch viele Möglichkeiten ungenutzt. Während sie auf der einen Seite durch großartige Aufnahmen des Fluss-Deltas eine ganz eigene, angenehm unaufgeregte und fast verträumte Thriller-Stimmung erzeugt, verpufft der anfängliche Aufhänger des Identitätswechsels während des Films nach und nach. Letztendlich ist „Jeder hat einen Plan“ dann doch nicht mehr als ein Durchschnittsthriller mit interessantem Setting und einem Viggo Mortensen².