Kritik: Premium Rush (USA 2012)

„Keine Bremsen. Kann nicht anhalten. Will es auch nicht.“

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Ein Tag in New York City: Wilee (Joseph-Gordon Levitt) ist der furchtloseste aller Fahrradkuriere. Sein Bike hat weder Bremsen noch Gänge. Es gibt nur eine Art vorwärts zu kommen und keine um sich aufhalten zu lassen. Heute erhält Wilee den Auftrag. Er soll einen Umschlag von A nach B transportieren, eigentlich ein Alltagsjob, doch auf einmal ist ihm ein rücksichtsloser Cop (Michael Shannon) auf den Felgen, der diesen ominösen Umschlag unbedingt haben will.

Noch bevor man überhaupt den Film gesehen hat, möchte man auf die Knie fallen und David Koepp dafür danken sich überhaupt an so eine Geschichte rangetraut zu haben. Klar, sie ist simpel, aber das ist es ja gerade. Mainstream-Action aus Hollywood begnügt sich schon seit Jahren nicht mehr mit einfachen Geschichten. Vorbei sind die Zeiten, wo es reichte eine Gruppe Menschen durch Terroristen in einem Hochhaus festzuhalten. Action erzählt sich heute nur noch über Mythenbildung („The Dark Knight Rises“, „Avengers“) oder verkompliziertes Storytelling („Inception“, „Source Code“). Da verwunderte es nicht, dass der beste Actionfilm der letzten Jahre „96 Hours“ aus Frankreich kam und auf eine straighte Handlung setzte.

Die Geschichte von „Premium Rush“ ist also ungewohnt altmodisch, fast naiv rein. Die Inszenierung und Montage sind dagegen ganz und gar nicht altbacken, sondern schier eindrucksvoll modern. Der überwiegend an Originalschauplätzen gedrehte Film bietet in seinen schon straffen 91 Minuten ein ungeahntes Tempo. Levitt und Co. fahren hier nicht Fahrrad im Studio vor Greenscreen, sondern auf echten New Yorker Straßen. Die entfesselte Kamera ist immer ganz dicht dabei. Keine Einstellung scheint unmöglich. Dennoch geht es nie darum die Bilder auszustellen. Alles steht im Dienste der stringenten Handlung, wobei es der Autor nicht lassen konnte die Erzählung gerade in der ersten Hälfte aus mehreren Perspektiven nacheinander zu erzählen, was wiederum die Figuren gut charakterisiert und ihre Hintergründe gleichwertig beleuchtet.

Das ist aber nicht alles. Non-Digital-Native Koepp holt noch andere neumodische Tools aus der Inszenierungskiste, z.B. Google Maps. Wenn sich Wilee eine Strecke überlegt, geht die Kamera ohne Schnitt in die isometrische Ansicht und zeigt die mögliche Route inklusive tickender Uhr, denn der Film läuft fast in Echtzeit. Mühelos wechselt „Premium Rush“ zwischen Überblick und Introspektive. Kommt Wilee eine schwierige Verkehrssituation in den Weg, spielen sich in seinem Kopf mögliche Was-Wäre-Wenn-Szenarien ab, wobei er sich für das Manöver entscheidet, dass weder ihn noch andere unter die Räder bringt.

In vielen Momenten erinnert „Premium Rush“ an den schon jetzt Kultfilm „Drive“, bloß auf Fahrrädern. Nur hat Koepp kein Interesse an Nihilismus und Gewalteskapaden. Der Film bleibt immer eine leichte Spielerei mit viel Sonnenlicht und wenig Schatten, Unterhaltung im Dienste der Unterhaltung eben. Ein ironiefreies Abenteuer inklusive Boy-Meets-Girl und moralischem Kompass. Denn irgendwann enthüllt Koepp seinen herrlich sinnentlerrten MacGuffin um Wilees Wandlung zum Helden einzuläuten. Die eröffnete Nebenhandlung im Land der Mitte raubt dem Film leider seine Reinheit und der Kitsch schleicht sich ein.

„Premium Rush“ erzeugt eine eigenartige Mischung aus Gewohntem und Ungewohntem. Der von Michael Shannon manisch gespielte Bad-Cop bedient seine Klischees um Spielsucht und Korruption schon so weit, dass es wieder originell wird, abgesehen davon, dass Shannons Abonnement auf psychisch labile Rollen langsam nervt. Am meisten begeistert immer noch die dynamische Aufmachung, die ich Konservativ-Filmer Koepp nicht zugetraut hatte. Dennoch, hätte er die Handlung noch mehr entschlackt und sich ganz auf die Stärken des Kinos verlassen, dann wäre „Premium Rush“ ein echter Reißer geworden. So bleibt ein guter aber auch schwächelnder Film zurück, der sich keine außerordentlichen Ziele setzt und in keine neue Richtung weist, geschweige denn fährt.