"Prometheus" (USA 2012) Kritik – Ridley Scott auf der Suche nach dem Anfang

„My God, we were so wrong…“

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Hätte man vor einigen Jahren gesagt, dass Ridley Scott sich wieder seiner „Alien“-Welt widmen würde, wäre man wohl mit schiefen Augen angeschaut worden. Aber hier ist es nun, das im Vorfeld als gigantisches Werk angekündigte Prequel zur „Alien“-Quadrilogie, und auch wenn der Film sich bestimmte Kritikpunkte gefallen lassen muss, so hat Ridley Scott hier doch etwas enorm Komplexes geschaffen und erzählt nicht nur vage die Vorgeschichte zu „Alien“, sondern wirft viele neue Fragen auf. Dabei hat er ohne Frage den besten Sci-Fi-Horror seit seinem Baby geschaffen.

Nachdem ein Forscherteam auf verschiedenen Kontinenten dieselbe Sternenkarte entdeckt, schickt Weyland im Jahr 2091 die beiden leitenden Forscher und einige Astronauten auf eine 2-jährige Reise durch das Weltall, um auf einem dieser angegeben Sterne, einem erdähnlichen Planeten, zu landen. Die Crew erhofft sich dort „Prometheus“, den Schöpfer der Menschheit, zu entdecken. Was sie jedoch in Wirklichkeit auffinden, stellt ihren Glauben hart auf die Probe, und auch ihren Willen, sich etwas Unglaublichem zu stellen: Dem Anfang vom Ende.

Ridley Scott hat seit seiner Dystopie „Blade Runner“, abgesehen vom Kreuzfahrer-Epos „Königreich der Himmel“, nichts Bahnbrechendes mehr geschaffen. Jetzt meldet er sich mit seinem Lieblingsgenre zurück, und das beherrscht er immer noch wie kein Zweiter. Damit ist nicht nur die brillante technische Umsetzung gemeint, sondern ebenso das Skript, welches bei genauem Mitverfolgen das „Alien“-Franchise in neue Sphären hebt. Dabei kann man Scott sicherlich vorwerfen, dass er am Ende nicht alle aufgestellten Rätsel löst, aber wollen wir das überhaupt? Wer sich bereits beim Serienfinale von „Lost“ darüber beschwert hat, dass zu viele Fragen offen bleiben, der wird auch hier verärgert das Kino verlassen. Allen anderen, die philosophischen Themen, wie der Erschaffung der Bestie Mensch oder dem Kampf zwischen Schöpfer und Zögling, etwas abgewinnen können, denen sei „Prometheus“ besonders ans Herz gelegt.

Zwischen dem gelegentlich hervortretenden, amerikanischen Heldentum ist „Prometheus“ endlich mal wieder ein intelligenter Science-Fiction, der sich nicht nur an seinem CGI ergötzt, sondern dem auch seine Figuren etwas bedeuten. Michael Fassbender beispielsweise spielt sich als Roboter mal wieder an seine Grenzen, so auch Noomi Rapace, die man ja zuletzt in „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ sehr blass erlebt hat. Hier ist sie wieder, wie in „Verblendung“, voll präsent und liefert, besonders physisch, eine beeindruckende Leistung.

“To those of you who know me: you will be aware by now that my ambition is unlimited. You know that I will settle for nothing short of greatness, or I will die trying. To those of you who do not yet know me: allow me to introduce myself. My name is Peter Weyland, and if you’ll indulge me, I’d like to change the world.”

Was ist gefährlicher: Die Welt zu verändern und nach der Herkunft der Menschheit zu suchen oder unwissend auf dem eigenen Planeten zu verweilen? Was erwartet uns in den unendlichen Sphären des Weltalls? Man denke nur daran, dass bis heute niemand weiß, wie die ägyptischen Pyramiden gebaut werden konnten. Ridley Scott will keine endgültigen Antworten geben, sondern wie Erich von Däniken in seinem Sachbuch „Erinnerungen an die Zukunft“ Unmögliches relativieren, uns seine Vorstellung davon zeigen, was weit entfernt von unserem Planeten auf uns lauern könnte. Dabei lässt Scott den Glauben an Gott mit der Vernunft, der Wissenschaft, kollidieren, immer und immer wieder. Und auch die Anspielung am Ende auf „Alien“ ist gesellschaftskritisch und beunruhigend und entlässt den Zuschauer mit einem schönen Interpretationsspielraum.

„Prometheus“ ist ein wahrer Leckerbissen für Horror- und Science-Fiction-Gourmands. Neben der philosophischen Komponente über die Suche nach dem Ursprung der Menschheit, welche ohne weiteres zwiespältig aufgenommen werden wird, überzeugt Ridley Scotts neueste Arbeit primär durch seine inszenatorische Finesse, welche eine atmosphärische Dichte garantiert, die einem fast pausenlos den Atem verschlägt. Body-Horror par excellence gepaart mit Streitenfelds hervorragendem Soundtrack, so kann und sollte das Genre öfters aussehen. Düster, gewalttätig, hoffnungslos und doch wunderschön und inspirierend. „Prometheus 2“ darf gerne kommen, Mr. Scott.