"Ein Prophet" (FR 2009) Kritik – Der französische Pate

„Wenn du ihn nicht umbringst, bring ich dich um.“

null

Fragt man nach den großen Mafia-Mimen der Filmgeschichte, so fallen zumeist drei Namen: Al Pacino, Marlon Brando und Robert DeNiro. Vergessen sollte man jedoch nicht Tahar Rahim und Niels Arestrup, die sich in Jacques Audiards „Ein Prophet“ im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib spielen. Und Audiard revolutioniert dabei, als ob es seine Lebensbestimmung gewesen wäre, den Mafiafilm.

Mit gerade mal 19 Jahren wird Malik (Tahar Rahim) zu sechs Jahren Gefängnisaufenthalt verurteilt. Nun wird er ausgerechnet in das Gefängnis gesteckt, in dem die ganz großen Kriminellen ihr Dasein fristen. Anfangs glaubt man noch, dass Malik nicht lange unter diesen Bedingungen überleben wird, nach und nach verwandelt er sich jedoch in eine Killermaschine, in einen Handlangen der korsischen Mafia. Malik wird neugeboren.

Funktioniert „Ein Prophet“ am Rande als Widerspiegelung der französischen Gesellschaft, als Sinnbild dafür, welche Folgen die Ghettoisierung der Großstädte wie Paris oder Marseille hat, nämlich dass sich Jugendliche, deren soziales Leben in der „normalen“ Welt schon längst nicht mehr existiert, im Gefängnis eine neue Identität aufbauen können, so wird dem Film recht bald ein universeller Sinn zugesprochen. Der Filmtitel evoziert nicht ohne Grund eine religiöse Botschaft oder vielmehr eine religiöse Allegorie: Das Gleichsetzen der verschiedenen Weltreligionen mit Gefängnisgangs. Dabei repräsentieren die Muslime sich selbst, die Korsiker die Juden und Malik wird als Christus, dem Heiland, dem Propheten, wiedergeboren. Wenn Reyeb, den Malik am Anfang des Films auf grausamste Weise im Namen der korsischen Mafia töten muss, als Heiliger Geist in Erscheinung tritt, und später im Film Malik sogar brennend erscheint (brennender Dornbursch), dann gewinnt „Ein Prophet“ nicht nur als gesellschaftskritisches Drama an Bedeutung, sondern ebenso als Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Weltreligionen.

„Augen und Ohren“ muss Malik haben, damit er sich in seiner neuen Welt zurechtfindet. Kommt er anfangs als Analphabet in den Knast, als ein nichts, so kann er durch seine pure Klugheit zu einer bedeutenden Größe in diesem Mikrokosmos aufsteigen, indem er alles und jeden bis auf die letzte Wimper beobachtet. Über die qualitativ herausragende Umsetzung braucht man an dieser Stelle keine Worte zu verlieren. Es ist einer Meisterleistung, diesen Mikrokosmos, der die Eigenheiten der ganzen Welt widerspiegelt – Mord, Totschlag, Erpressung, und das alles nur für Geld? – zu inszenieren. Auch hier muss man Jacques Audiard auf die Schulter klopfen, denn bis auf lose Andeutungen, das Öl- und Drogengeschäft, verliert er keine Zeit damit, sich mit dem „wofür das alles“ zu beschäftigen. Brillant genug ist schon die Aussage, dass zwischen dem Mikro- und Makrokosmos nicht viel liegt. Am Ende sind alle Menschen dieselben Lügner und Betrüger, Mörder und Erpresser. Als Malik aus dem Gefängnis kommt, folgen ihm drei gleich aussehende Autos, welche für die drei Drogengangs stehen. Und in all‘ seiner kühle, mit der Audiard dieses Mafia-Epos in Szene gesetzt hat, ist „Ein Prophet“ nicht nur an dieser Stelle als Metapher zu verstehen, denn der ganze Film ist ein naturalistisches Meisterwerk. Wenn Malik im Knast seinem Drang nach Sex folgt und ihn am Ende die Freundin seines besten Freundes abholt um später wahrscheinlich miteinander im Bett zu landen, dann spiegelt das unsere Welt wieder, in der, egal ob innerhalb oder außerhalb des Gefängnisses, nur das Gesetz des Dschungels herrscht, das Gesetz des Stärkeren. Die geschriebenen Gesetze sind zum Brechen da und das einzige, was zählt, ist mal wieder das Geld, und dafür arbeitet man eine zeitlang auch gerne Mal für einen anderen Glauben. Keine sonderlich optimistische Schlussfolgerung, aber eine umso Ehrlichere.

Fazit: Nach dieser philosophischen Grenzerfahrung über Identitätsfindung und gesellschaftliche Missstände kann man sich nur auf Audiards neuesten Streich „Rust and Bone“ mit Marion Cotillard freuen, der erst vor ein paar Tagen in Cannes auf eine große, positive Resonanz gestoßen ist.