"Die purpurnen Flüsse" (FR 2000) Kritik – Ein eiskalter Thriller

„Nicht vor Hunden muss man Angst haben, sondern vor den Besitzern.“

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Der französische Regisseur Mathieu Kassovitz verfügt nicht nur über einen klangvollen Namen, sondern hat auch mit seinem Erstling ‚La Haine‘ einen richtig starken Genrefilm abgeliefert, der mit Lob von allen Seiten regelrecht eingedeckt wurde. Im Jahr 2000 kehrte Kassovitz nach seinem gescheiterten zweiten Film ‚Assassin(s)‘ zurück in die Kinos. Dieses Mal nahm er sich der Romanvorlage „Die purpurnen Flüsse“ von Jean-Christophe Grangé an. Die Frage, die sich nun stellen musste war, ob Kassovitz dem düsteren und verstrickten Krimi gerecht werden könnte. Die Antwort erwies sich als eine gespaltene, denn ‚Die purpurnen Flüsse‘ ist mit Sicherheit ein spannender Thriller, doch gerade das Ende bietet ein böses Erwachen.

Inspektor Pierre Niémans wird nach Guermon zu einer abgelegenen Universität in den französischen Alpen geordert. Dort fand man eine grausam zugerichtete Leiche, die deutlich misshandelt und verstümmelt wurde. Zur gleichen Zeit wird Kommissar Max Kerkerian in Sarzac beauftragt, die Friedhofsschändung an einem Grab von einem kleinen Mädchen aufzuklären, dass vor Jahren furchtbar ums Leben gekommen ist. Was anfangs zusammenhangslos erscheint wird immer weiter verknotet und gemeinsam müssen die beiden Polizisten das Geheimnis der purpurnen Flüsse auflösen.

Als beeindruckendes Schmankerl erweisen sich die fulminanten Gletscher und Bergaufnahmen von Thierry Arbogast, der eine tolle Landschaftsaufnahme an die Nächste reiht und dem Film durch die eiskalten Fotografien einen eisigen Hauch verleiht, der jeden Zuschauer ergreifen wird. Allgemein werden Arbogasts Bilder immer von einem gleichermaßen finsteren und kalten Ton begleiten, die eine ganz eigene und fesselnde Atmosphäre erzeugen können. Auch der leicht bedrückte melancholisch angehauchte Score tut sein Bestes, um die Atmosphäre gekonnt abzuschleifen und erzeugt eben diese düstere und umklammernde Stimmung, die in dieser Hinsicht keine Wünschen offen lässt und dem Film genau den richtigen Rahmen schenkt.

Auch bei den Schauspielern bewies Kassovitz wieder ein tolles Händchen. Wie schon in La Haine wird hier eine der zwei Hauptrollen von Vincent Cassel verkörpert. Cassel spielt den jungen, aufbrausenden Kommissar Kerkerian und zeigt wie inzwischen von ihm gewohnt, eine tolle Leistung, die dem Zuschauer schnell sympathisch gemacht wird und ebenso mitreißt. Neben Cassel glänzt auch Jean Reno als Inspektor Niémans. Reno spielt den erfahrenen und klardenkenden Gegenpart zu Cassel und füllt seinen Charakter wie immer mit seinem unverkennbaren Charme aus und ergänzt das Duo schlussendlich toll.

Auf den ersten Blick vermag der Film wie ein typischer Polizistenfilm aussieht, der sich nach den Standard vom jungen und draufgängerischen Polizisten und dem alten Hasen des Geschäfts aufgreift, die sich gemeinsam einem Fall annehmen, aber nach und nach immer weiter in den Hintergrund gerückt wird, weil sich das Augenmerk immer weiter auf die beiden Protagonisten konzentriert. Das ist hier allerdings nicht der Fall. Kassovitz zeichnete die beiden Charaktere so eigenständig wie Möglich und lässt dabei auch die Kriminalgeschichte niemals aus den Augen. Kerkerian handelt nicht immer strickt nach dem Gesetzt. Er raucht mal einen Joint, verprügelt Jugendliche mit einem Billardkö un zertrümmert eine Bar mit einem Hocker. Ein stürmisches, draufgängerisches und impulsives Temperament. Auf der anderen Seite Niémans, der am liebsten alleine arbeitet und sich die Rätsel des Jobs selber Stück für Stück zusammenlegt, ohne sich von jemandem in seine Arbeit reinreden zu lassen. Jedem Fall sieht er sich gewachsen, doch seine Canophobie kriegt er nie unter Kontrolle. Sobald er einen Hund sieht, kann er sich kaum noch bewegen und erstarrt geradezu vor Angst. Diese beiden Charaktere, mit all ihren Ecken und Kanten werden langsam zusammengeführt und der vielschichtige und verstrickte Krimiplot lechzt nach der gemeinsamen Arbeit der beiden bodenständigen, aber doch ziemlich unterschiedlichen Ermittlern.

‚Die purpurnen Flüsse‘ besticht in erste Linie mit seiner stimmigen, direkten und unheimlichen Atmosphäre, die mit den gedämpften Farben eine vortreffliche Dunkelheit erzeugt, die man auch bei Tageslicht zu spüren bekommt. Die Geschichte um die zwei (eigentlich) verschiedenen Verbrechen, weiß genauso zu fesseln und eröffnet uns Stück für Stück neue Facetten und Sichtweisen, die immer wieder neue Anhaltspunkte für die Auflösung des ganzen Übels geben könnte. Der Vorspann, in der die Kamera langsam die entstellte Leiche umfährt, um die sich schon unzählige Insekten tummeln, weißt uns die konsequente Richtung von Kassovitz direkt vor. Das soll jetzt zwar nicht heißen, dass wir hier einen überaus brutalen von vor bluttriefenden Schocker serviert bekommen, aber wenn sich hier geprügelt wird, dann fließt nun mal auch Blut und wenn geschossen wird, dann treffen die Kugeln auch. So kann man Die purpurnen Flüsse durchaus als realistisch inszeniert betrachten, denn Kassovitz überhebt sich zu keiner Zeit und setzt nie auf unnötige Effekte oder Schauwerte, um unwichtige Nebensächlichkeiten zu erzwingen.

Es sind ganz andere Szenen, die hier voll anspannen und beeindrucken. Zum Beispiel, wenn Kerkerian eine schwarze Gestalt im dichtesten Schneefall über eine Laufbahn jagt. Das wurde so hervorragend aus verschiedenen Blickwinkeln gefilmt und genauso spannend inszeniert. Leider halten zwei Punkte ‚Die purpurnen Flüsse‘ von einem absoluten Ausnahmethriller ab. Zuerst wäre es die Story selbst, die wirklich hochspannend dargestellt wurde, aber an und für sich nun nichts Neues bietet. Das ist jedoch nicht der schwerwiegende Kritikpunkt. Viel schlimmer ist es, dass das Ende des Films vollkommen unglaubwürdig daherkommt, im Gegensatz zur Buchvorlage. Eine absolut enttäuschende und unbefriedigende Auflösung und ein unwürdiger Abschluss, denn der Rest des Films war wirklich hochklassig und hätte ‚Die purpurnen Flüsse‘ zu einem europäischen Thriller erster Klasse machen können. So bleibt ein Film, der ganz klar über dem Durchschnitt liegt, doch es wäre mehr drin gewesen.

Fazit: Mathieu Kassovitz inszenierte mit ‚Die purpurnen Flüsse‘ einen düsteren, dreckigen und hochspannenden Krimi, der durchgehend packen kann. Die Geschichte ist zwar wenig neu und das aufdröseln des Finales ist ärgerlich. Das stört den Film zwar, macht ihn aber nicht schlecht. ‚Die purpurnen Flüsse‘ ist ein guter und mehr als überdurchschnittlicher Thriller, mit zwei tollen Hauptdarstellern, wuchtigen Landschaftsaufnahmen und einem starken Score.