Quentin Tarantino Retrospektive – Von wilden Hunden bis zu skalpierenden Nazijägern

Autoren: Pascal Reis, Sebastian Groß

„RESERVOIR DOGS“ (USA 1992)

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7 Männer sitzen an einem Tisch in einem kleinen Café. Sie philosophieren über den tieferen Sinn von Madonnas Welthit „Like a Virgin“und streiten sich darüber, wie viel Trinkgeld man der Kellnerin aus reiner Höflichkeit gibt. Genau das ist der Startschuss für Quentin Tarantinos Kinoerstling „Reservoir Dogs“, in dem der Filmnarr problemlos unter Beweis stellt, was ihn später zur Legende machen wir: Die Entfaltung der Dialoge, die auf den ersten Blick nicht gerade mit großer Bedeutung glänzen, sich aber unheimlich fesselnd wie geschlissen offenbaren. Man klebt an den Lippen der Männer, die auf wie Mr. White, Mr. Organe, Mr. Blonde, Mr. Pinkt, Mr. Blue, Mr. Brown und Nice Guy Eddie namentlich reduziert werden. Niemand kennt sich hier persönlich, niemand weiß, wie die Person gegenüber in Wahrheit tickt, doch sie müssen zusammenhalten und planen gemeinsam den großen Coup: Ein Juwelier soll sein Hab und Gut verlieren. Die Rechnung geht nicht, es kommt zur Katastrophe und allen Beteiligten wird klar, dass sich ein Maulwurf unter den Gangstern befinden muss.

Danach geht „Reservoir Dogs“ erst so richtig los. Mittels Zeitsprüngen wird die lineare Erzählstruktur auf den Kopf gestellt. Zwischen den Sequenzen aus der Vergangenheit, die die Charaktere ein stückweit entfalten, und den Szenen in der Gegenwart, in der sich die Männer kein Wort mehr glauben können, zieht sich die Atmosphäre wie ein Reißverschluss zusammen und wartet auf die finale Explosion. Bis zum großen Schlussakkord, in dem Tarantino die Karten auf den Tisch legt und die Figuren in ihrer Anspannung in einem moralisch Dekret kollidieren lässt, hält sich die Spannung in jeder Minute konstant aufrecht. Mittels legerer Geschwätzigkeit und dreckiger Gewalt, spannt „Reservoir Dogs“ ein Netz aus Verrat, scheiternder Freundschaften und letzter Loyalität, die im Augenblick des Vertrauensmissbrauchs, wenn die Physiognomie in schierer Unverfälschtheit badet, erblüht. „Reservoir Dogs“ leitete eine Weltkarriere ein und zeigt genau das, wofür sich Quentin Tarantino in Zukunft bei seinen Fans unsterblich gemacht hat und bei Hatern mit Verachtung übergießen darf.

„PULP FICTION“ (USA 1994)

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Es gibt wohl keinen anderen Film, der so häufig auf sämtlichen cineastischen Bestenlisten auftaucht, wie Tarantinos abgöttisch verehrter zweiter Spielfilm „Pulp Fiction“. Mit „Pulp Fiction“ wehte ein gewaltiger Wind durch die Filmlandschaft und der Thron der Popkultur hatte seinen neuen König gefunden. Und auch bis heute hat Tarantino mit seinem Jahrhundertwerk so ziemlich jeden Angriff auf seinen Herrensitz abwehren können und ohne nennenswerte Blessuren überstanden. Warum „Pulp Fiction“ diesen Ruf genießen kann, liegt im nonchalanten wie drastischen Vergnügen. Wunderbare, oft sinn- und ziellose Diskussionen wurden selten so treffsicher abgefeuerte wie sämtliche [überspitzte] Gewalteruptionen, leichtfüßige Ikonisierungen, die richtige Dosis Vulgarität und die teils perfide Situationskomik. Daraus entstehen umwerfend komponierte Szenen, die alle für sich allein schon einen Unterhaltungshöhepunkt darstellen, aber erst im Gesamten schlicht und einfach unschlagbar werden.

Tarantino und sein Co-Autor Roger Avary nutzen ein Maximum von Stereotypen, uramerikanischen Figuren und plündern ordentlich aus dem Fundus anderer Filme. Doch anstatt ihre Bedeute durch genormte Ereignisse und Dialoge zu scheuchen, zelebrieren die obsessiven Cineasten die Destruktion des Gewöhnlichen. Bei seiner Rollenverteilung spielt „Pulp Fiction“ mit den Erwartungen des Zuschauers, so verbirgt sich hinter dem amoralischen Schatten der Figuren letztlich doch eine konventionelle und puritanische Botschaft: Jeder bekommt das, was er verdient. Das klingt banaler als es in Wirklichkeit ist, denn egal was Tarantino dem Zuschauer entgegenzaubert, es wirkt immer lebendig, frech und ungebunden. Das sich „Pulp Fiction“ gute 150 Minuten derart brillant über Wasser hält, liegt nicht nur am Humor, sondern auch an seiner episodenhaften Puzzlestruktur, die von einen exquisiten Augenblick nach dem anderen serviert. Eine Klimaxparade sondergleichen, eine Revue aus Klischees, Stilmitteln, Erwartungen, Überraschungen sowie großen und kleinen Details und letzten Endes ein vollkommener Meilenstein für die Ewigkeit.

„JACKIE BROWN“ (USA 1997)

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Nach dem massiven und gleichermaßen verdienten Erfolg von „Pulp Fiction“, drehte Quentin Tarantino mit „Jackie Brown“ einen äußerst smarten Krimi, der von vielen Filmfreunden als schwächstes Werk des Meisters behandelt wird, dabei könnte man „Jackie Brown“ ohne Wenn und Aber als weitere Perle im Schaffen von Tarantino betiteln. Dabei besticht Tarantinos Inszenierung in erster Linie mit einem unheimlichen Smooth. Die umwerfende Pam Grier, the Queen of Blaxploitation, sowie der grandiose Robert Foster verleihen ihren hochinteressanten Figuren eine stilvolle Würde, während der restliche Cast, hochkarätig besetzt mit Michael Keaton, Robert De Niro, Samuel L. Jackson und Bridget Fonda, lustvoll die gängigen Loser-, Gangster- und Schlampenschablonen süffisant ausfüllt. Der Krimiplot wird dabei zwar immer wieder gestreckt und kommt erst recht spät in Fahrt, dafür strotzt er mit einer unverkennbaren Coolness, typisch für Tarantino, der diese nicht in Hochglanz wälzt, wie etwa die ozeanischen Elf, sondern in einer durchaus realistischen, fühlbaren und urbanen Art und Weise.

Was man „Jackie Brown“ aber auch hoch anrechnen muss ist, dass man immer wieder ohne überzogene Stilisierung festellen darf, dass sich der Film auch als eine Art Liebeserklärung an seine Hauptdarstellerin Pam Grier offenbart, die Tarantino Zeit seiner unbändigen Cinephilie verehrt und sich mit der gemeinsamen Zusammenarbeit einen ewigen Traum erfüllen konnte. Die einen Verehrer übernachten auf den Treppen der Angebeteten, schicken üppige Blumensträuße und Tarantino vergibt eben Hauptrollen, auch schön, vor allem wenn so ein hervorragender Film wie „Jackie Brown“ am Ende dabei herauskommt. Unter diesem Aspekt ist „Jackie Brown“, neben den geliebten Tarantino-Eigenschaften, einer der besten Liebesfilme der 90er Jahre und ganz klar ein Werk, dass man in Tarantinos Schaffen keinesfalls unterschlagen sollte.

„KILL BILL VOL. 1 & 2“ (USA 2003/2004)

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„Bang, Bang. My Baby shot me down…“ Mit diesem Song von Nancy Sinatra beginnt einer der bekanntesten Rache-Filme der letzten Jahre, vermutlich sogar aller Zeiten: „Kill Bill“. Quentin Tarantinos lang angekündigte Liebeserklärung an seine Muse / Lieblingsdarstellerin Uma Thurman, die zunächst als langes, vierstündiges Werk in die Kinos kommen sollte, dann aber doch zweigeteilt wurde. Der erste Teil, „Vol. 1“ genannt, ist eine kultige Schlachtplatte, in der die Gewalt so comichaft exzessiv ist, dass sogar eine ganze Randgeschichte als japanischer Trickfilm präsentiert wird. Tarantino, der mit seinem Rache-Epos u.a. eine Hommage an die Filme der legendären Shaw Brothers Studios ablieferte, feiert im ersten Teil seine Hauptdarstellerin genauso hemmungslos wie seine Inszenierung. Hier ist alles irgendwie eine Reminiszenz, alles scheint irgendwo entliehen zu sein, um den Vorbildern so bestmöglich zu huldigen. Egal ob Sergio Leone oder Kinji Fukasaku, Tarantino plündert hemmungslos in der Schatzkiste der verschiedenen Genres. „Kill Bill“ ist im Grunde reinstes Recycling, aber es wird mit hoher Ehrfurcht und cineastischer Liebe betrieben und die einzelnen Versatzstücke wurden unglaublich unterhaltsam wie stilsicher miteinander verwebt und erzeugen unhaltbar viel Spaß. Vor allem weil „Vol. 1“ gekonnt auf ein eruptives Finale hinarbeitet, auf dem Weg dorthin seinem Publikum eine Fülle von markanten Momenten serviert und in den letzten Sekunden vor dem Abspann einen der fiesesten Cliffhanger der jüngeren Kinogeschichte raushaut.

Dass viele Zuschauer von „Kill Bill Vol. 2“ dann enttäuscht waren, war nicht sonderlich überraschend: Weniger Action, wesentlich längere Dialoge, die oftmals eine meditative Note inne hatte, sehr viel ruhigere Szenen und Einstellungen. Volume 2 war weit entfernt vom großen, blutigen Schlachtfest des ersten Teils. Doch Teil zwei besitzt andere, größere Stärken. Er besinnt sich mehr auf den Charakter der Braut, macht aus der vor Rachegedanken scheinbar unbesiegbaren Killer-Lady einen nahbaren Menschen, eine liebende Mutter. Natürlich bietet auch „Vol. 2“ eine Fülle von stilistischem Eskapismus, aber er steht nicht so im Zentrum wie bei seinem Vorgänger. Dieses Vorgehen, der Tritt auf die Bremse, wirkt schon wie ein regelrechter Stilbruch, tut dem Gesamtwerk „Kill Bill“ aber gut, denn der ausschweifende Kunstblut-Party folgt ein ehrliches Interesse an den Figuren, allen voran der Braut, die im phantastischen, großen Showdown des Gesamtwerks fast schon zärtlich-still ihren letzten großen Kampf bestreitet und Quentin Tarantinos Rache-Epos ergreifender abschließt, als es der Anfang hätte vermuten lassen. „Kill Bill“ ist ein großes Werk und es wäre schön, wenn die japanische Fassung, die vor allem „Vol. 1“ erweitert, eines Tages einen offiziellen Weg in unsere DVD-Regale finden könnte.

„Death Proof“ (USA 2007)

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Quentin Tarantino hat seine Jugendzeit überwiegend in der Videothek verbracht und so ziemlich jeden Film um die fünfzigmal verschlungen. Daran ist nichts verwerflich, denn wenn man schon eine Leidenschaft hat und die Möglichkeit, sie in ihrer obsessiven Grenzenlosigkeit auszuleben, dann nur zu. Doch die Zuschauer haben mit Tarantino immer wieder das Problem, dass er mit seinem unbändigen Filmwissen nicht hinter dem Berg bleibt, sondern seine Inszenierungen immer mit einer Fülle von Referenzen wie Reminiszenzen bestückt. Das führt dann geradewegs zu der Beschuldigung, dass Tarantino das Medium Film zwar durchaus liebt, aber nur durch das Plagiieren von Stilen der Vergangenheit überlebt. Das kann man so sehen, sollte man aber nicht, denn Tarantinos Führung ist, egal mit wie vielen Zitaten oder Anspielungen er bestimmte Sequenzen abdeckt, immer eine ganz eigene und ebenso grandiose. Mit „Death Proof“ lieferte Quentin Tarantino 2007 dann ein Werk in die Kinos ab, das sich als Paradebeispiel der Zweifler und Befürworter Tarantinos herauskristallisiert: Belanglose Quasselarie, oder doch wunderbare Hommage? Eine Mischung aus beidem, wenn man so will, aber letzten Endes eine verdammt gute Mischung.

Wir begeben uns mit „Death Proof“ direkt in die 70er Jahre des Grindhouse-Kinos. Die Sehgewohnheiten des Gelegenheitsschauers werden schon in den audiovisuellen Grundsätzen gebrochen. Provozierte Technikfehler lassen eine zerkratzte Optik entstehen, die „Death Proof“ äußerlich wie einen der billigen Trash-Streifen wirken lässt, dazu dann natürlich auch wieder der hervorragend gewählte Soundtrack, eines von Tarantinos Markenzeichen, der mit Ennio Morricone, T.Rex und Willy DeVille voll ins Schwarze trifft. „Death Proof“ steht allerdings nicht nur für die geglückte Imitation von unterwertiger Aufmachung, sondern ist auch ein Film, der die Welt der starken Frauen in den Mittelpunkt stellt. Die Protagonistinnen sind emanzipierte Damen, sie wissen sich zu wehren, sie wissen ihre Reize einzusetzen und wenn sie nicht gerade über Sex, Kleidung oder alttägliche Dinge reden, dann darf Tarantino seinen Fußfetisch ausleben, oder sie machen Jagd auf Stuntman Mike, der von Kurt Russell brillant verkörpert wird. „Death Proof“ besitzt eigentlich genau das, was einen echten Tarantino ausmacht: Endlos viele Zitat, schöne Querverweise, eine stilsichere Inszenierung, aberwitzige Dialoge, die hier allerdings auch mal über das Ziel hinausschießen und das nötige Maß an Brutalität. Mit Sicherheit Tarantinos gewöhnungsbedürftigstes Werk.

„INGLOURIOUS BASTERDS“ (USA 2009)

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Die ersten Bilder und Filmausschnitte, die von „Inglourious Basterds“ durch die Welt flimmerten, ließen auf einen Kriegsfilm im Italo-Western-Mantel schließen und tatsächlich ist der sechste Spielfilm vom kultisch verehrten Filmnerd Tarantino zu Teilen eine Mixtur aus Spaghetti- Western und B-Movie Kriegsaction, aber halt nur zum Teil, denn die „Basterds“ bestehen nicht nur aus fünf Kapiteln, sondern auch aus einer wilden, oftmals etwas stoischen, ja fast schon bockig verquerten Verkettung von cineastischen Stilen. Da gibt es noch Groteskes, Satirisches, Dramatisches und Explosives. Alles verbunden zu einem dreckigen Märchen für Erwachsene, ein Märchen von einem Erzähler, von dem man eigentlich etwas anderes erwartet hätte.

Natürlich bieten die „Basterds“ aber typische und lieb gewonnene Tarantino-Standards: Übertriebene, comicartige Gewalt, die brachial aus der Handlung bricht, eine Fülle von Filmzitaten, ein herausstehender wie toller Soundtrack und großartige Dialoge die von großartigen Darstellern vorgetragen werden. Besonders gut: Christoph Waltz als SS Oberst Hans Landa, der mit seiner sprachlichen wie psychologischen Eloquenz, seiner bürokratischen, manchmal sogar kindlichen Gefühlskälte klar und prägnant aus dem Cast hervorsticht.

Diese qualitativ hohen und nach wie vor sehenswerten Markenzeichen, die von Tarantino immer wieder aus der Mottenkiste geholt und recycelt werden, sowie die erfrischende Trotzigkeit, sich nicht der historischen Korrektheit und Objektivität zu unterwerfen, bringen den Basterds eine knurrige Note, die sich durch die fünf Kapitel und die verschiedenen Genreversatzstücke schneidet, wie das Jagdmesser von Lieutenant Aldo Raine durch eine Nazikopfhaut. Die klare Aussage am Ende des Films wird so robust verfestigt. Eine Aussage, die jedem Filmliebhaber gefallen dürfte: Das Kino besiegt den Faschismus. Das war (und ist) nicht so, aber wer will schon ein Märchen ohne Hoffnung.

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