"[Rec]"-Evolution (ES 2007-2013) Kritik – Kamera an und der Horror beginnt

Autor: Pascal Reis

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„[Rec]“

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von Jaume Balagueró und Paco Plaza, mit Manuela Velasco und Ferran Terraza

Besessenheit oder Krankheit? Teuflische Fügung oder rasender Virus? Wie auch immer: Mit ihrer faux-documentary „[Rec]“ haben Jaume Balagueró und Paca Plaza einen als reinrassige Genre-Reduktion interpretierten Neuinitator für viele, viele Found-Footage-Nulpen abgeliefert. Der hier allerdings gibt richtig Stoff. Ein Mehrfamilienhaus in der Innenstadt der spanische Metropole Barcelona wird zum labyrinthischen Horrorkomplex, in dessen Etagen das mysteriöse Grauen durch die Korridore keift. Natürlich glänzt der auf Hyperrealismus erpichte Stil nicht durch seine Originalität, er zieht den Zuschauer aber ganz unvermittelt durch die Linse von Kameramann Pablo und dem angsterfüllten Gesicht der Moderatorin Ángela in ein Schreckensszenario ohne jedwede Kompromisse. Gut sechzig Minuten hetzt „[Rec]“ dafür die Treppen hoch und runter, lässt Totgelaubte in knackigen Jump Scares aufschrecken und unschuldige Kinder Blut speien, bis es dann auf den maroden Dachboden geht und der Nachtsichtmodus eingestellt wird. Der letzte Akt ist brillant, nicht weniger und das klaustrophobische Konzept macht sich hir bis zur gemeinen Schlusspointe vollends bezahlt.

„[Rec]²“

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von Jaume Balagueró und Paco Plaza, mit Jonathan Mellor und Óscar Zafra

Definitiv kein unnötiger Anhang, sondern eine äußerst gelungene Weiterentwicklung, die sich erst zusammen mit „[Rec]“ zu etwas Ganzem formt. Allein aufgrund seines zeitlichen Kontext ist es nur ein logischer Schritt gewesen, „[Rec]²“ nicht für sich allein stehend kämpfen zu lassen, sondern ein Drehbuch anzufertigen, welches sich ganz eindeutig um eine narrative Kohärenz schert. Ein polizeiliche Spezialtrupp passiert nun die Quarantänezone und bekommt es in ranzigen Schächten, schummrigen Gewölben und eben jenen Korridoren mit den lärmenden Infizierten zu tun, die schon in „[Rec]“ tüchtig für Angst und Schrecken im Mehrfamilienhaus gesorgt haben. Zuweilen beinahe hysterisch, rückt „[Rec]“ die Maschen seines perspektivischen Standpunktes auseinander, installiert Helmkameras und bindet eine Gruppe Teenager und ihren Camcorder via Parallelmontage in das Geschehen ein. Balagueró und Plaza beweisen erneut ein ungemeines Gespür für die Enge des Raumes und akzentuieren diese wieder und wieder durch ihre dezidierte Found-Footage-Ästhetik. Unbedingt im Double goutieren, gerade das Ende kommt dann besonders gut zur Geltung.

„[Rec]³: Genesis“

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von Paco Plaza, mit Leticia Dolera und Diego Martín

Leinen los und volle Kraft voraus. Auf Mockumentary hatte man also keinen Bock mehr. Warum auch nicht, irgendwann hätten so oder so neue Pfade beschritten werden müssen, nachdem „[Rec]“ und „[Rec]²“ so vortrefflich als ein in sich geschlossener Organismus funktionierten. „[Rec]³: Genesis“ blättert sich zu Beginn erst mal durch ein digitales Hochzeitsalbum, während von der Tonspur eine lockere Ballade trällert. Anschließend wird die Partystimmung in bewegte Bilder transferiert und der Wechsel von der flexiblen Handkamera zur gepflegten Steady-Cam bahnt sich bereits mit dem Hochzeitfotografen an: „Die Menschen wollen Bilder wie im Kino!“ Die sollen sie dann nach 20 Minuten auch bekommen, steril und hochglanzpoliert, wenn „[Rec]³: Genesis“ zur Splatter-Romanze heranwächst. Die visuelle Dringlichkeit mag verlorengehen, dafür haut Paco Plaza schmierig auf den Genre-Putz, jongliert mit Referenzen und lässt sogar Ritter mit Morgensternen gegen die infizierten Recken antreten. Oftmals mag sich „[Rec]³: Genesis“ dabei nicht darauf festlegen, in welche Richtung es denn nun eigentlich gehen soll, stilistisch wie tonal, da schleudert die Kamera dann kurzzeitig doch wieder und ein absurder Geisterblitz ringt mit der anfahrenden Panik, die jene Extremsituation gebiert. An und für sich ist das aber eine ulkige Angelegenheit.

„[Rec] 4: Apocalypse“

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von Jaume Balagueró, mit Manuela Velasco und Mariano Venancio

Die Reihe sichert sich weiterhin ihren Platz über dem sorgfältigen Genre-Durchschnitt. Ob es nun vier Teile gebraucht hätte, steht auf einem Blatt geschrieben. „[Rec] 4: Apocalypse“ setzt dort an, wo „[Rec]²“ noch endete, verlagert sein Setting auf einen ausrangierten Öltanker und löst sein Virusszenario von jeder religiösen Provenienz, um sich komplett dem Survival-Horror hinzugeben. Mit der Wackelkamera (keine Found-Footage-Ästhetik, einfach der handelsübliche Schleudergang) im Schlepptau, wird hier über die Decks gehetzt, von der Außenwelt abgeschnitten und ohne ein Rettungsboot an Bord. Die Rückkehr von Ángela Vidal (Manuela Velasco) schwebt dabei wie ein Damoklesschwert über dem Geschehen und hält die Crew, unter denen sich auch einige Wissenschaftler befinden, die die mysteriösen Symptome erforschen, ordentlich auf Trab. „[Rec] 4: Apocalypse“ ist auf den schnellen Schock ausgelegt, actionorientiert geschnitten und mit einer generischen Komposition unterlegt, ohne Innovationen einzugehen oder dem Franchise einen doppelten Boden zu vergönnen. Eben ein solider, handwerklich überaus kompetenter Horror-Film.