"Red State" (USA 2011) Kritik – John Goodman im Kampf gegen eine radikale Sekte

„Ich verabscheue das verdorbene Amerika und die Sünder, die es heute bevölkern.“

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Was war der füllige Kevin Smith doch einst für ein gefeierter Regisseur, der mit ‚Clerks‘ aus dem nichts kam und die Filmwelt mit seiner erfrischenden Normalität und den Abhandlungen der typischen Alltagsprobleme verzauberte. Und auch seine weiteren Filme sorgten für einen klaren Beliebtheitsgrad und viel Freude an seiner Art Filme zu machen und Dialoge aufzubauen, denn auch als Autor war auf Smith immer verlass. Mit ‚Mallrats‘, ‚Chasing Amy‘ und vor allem ‚Dogma‘ wurde Smith dann auch bei einem breiteren Publikum vollkommen verdient bekannter, auch wenn die Kirche sich natürlich eher an ‚Dogma‘ gestoßen hat, als das sie wirklich auf so einen schwarzen Humor eingehen hätte können. Damit wurde auch langsam der Kult um die beiden Kiffer Jay und Silent Bob geboren, bei denen Regisseur Smith selber die Rolle des Silent Bob verkörperte und von seinem Partner Jason Mewes als Jay einiges an Sprüchen einstecken musste. Die Erfolgsserie ging weiter, jedenfalls in seinen Fankreisen, mit den Filmen ‚Jay und Silent Bob schlagen zurück‘, das ersehnte Spin-Off der besten Trottel, und ‚Clerks 2‘. Zwischendurch versuchte sich Smith noch etwas gefühlvoller mit ‚Jersey Girl‘, scheiterte damit aber und blieb unbeachtet. Mit ‚Zack & Miri Make a Porno‘ ging es dann langsam bergab, obwohl die Komödie sicher noch sehenswert war. ‚Cop Out‘ von 2010 war einer der miestesten Fehlgriffe überhaupt und Smith kündigte vorzeitig seine Abschied aus dem Filmgeschäft im Jahre 2013 an. 2011 kam sein wohl vorletzter Film heraus, mit dem Titel ‚Red State‘, in dem sich Smith wieder ein neues Genre griff und endlich zurück zu alter und gleichzeitig neuer Stärke fand.

Im verschlafenen Westen der USA führt Reverend Albin Cooper seine „Five Points Chuch“, eine kleine Gemeinde aus seiner Familie, die so feindlich ist, dass sie fast alles ablehnen und töten, was ncht ihren Menschheitsvorstellungen entspricht. Die Homosexuellen werden als Handlanger des Satans angesehen und müssen ausgerottet werden. Drei Jugendliche, die endlich schnellen Sex wollen, stoßen dabei an eine offensichtlich willige Dame. Wie sich herausstellen sollte, auch die zu dieser Sekte gehört und die Drei sollen nun vor den Augen der Gemeinde als Sünder hingerichtet werden. Die Behörden werden jedoch aufmerksam, als sie die Schüsse hören und der ATF-Beamte Keenan muss die Kirche bewachen, doch durch einen Unfall kommt es zum Toten und der neue Auftrag für Keenan lautet, alles zu töten, was sich noch im inneren der Kirche befindet.

1993 wurde die Bezirkshauptstadt Waco des McLennan County in Texas durch einen schrecklichen Kampf bekannt. Am 28 Februar hegte das ATF den Verdacht, auf einer Ranch, die einer Festung glich, illegalen Waffenbesitz aufdecken zu können. Diese Ranch gehörte einer der Branch Davidian-Sekten an, eine fanatisch religiöse Gruppe, und die Razzia endete im Blutbad. Die Ranch wurde über 50 Tage lang vom ATF und FBI belagert, bis das Gelände schließlich mit härteren Mitteln gestürmt werden musste und die Sektenmitglieder alles in Brand steckten. Es starben knapp über achtzig Sektenmitglieder, auch der Anführer David Koresh, fünft Polizisten und fünf andere Ranchbewohner. Unschwer lässt sich erkennen, dass Regisseur Smith sich auch diesen Vorfall zum Vorbild nahm und mit der Westboro Baptist Church vermischte, die ebenso radikal ihre Ziele verfolgt. Dabei setzte er auf staubig-hitzige Bilder und einen fantastischen Cast, bei dem gerade zwei Namen ganz besonders herausstechen. An erster Stelle Michael Parks („Kill Bill Vol.1“) als Reverend Albin Cooper, der eine grandiose Präsenz besitzt, die jeden in seinen falschen Bann zieht und einfach mitreißt, obwohl es nicht so sein dürfte. An zweiter Stelle der fantastische John Goodman („The Artist“), als bulliger ATF-Agent, der ebenfalls viel Kraft in seine Rolle legt und wieder toll aufspielt.

Alles beginnt wie eine dieser dämlichen banalen Teenie-Komödien, in denen drei Jugendliche endlich Sex haben wollen, allerdings in einem Red State wohnen, die das genaue Gegenteil zu einem Blue State bieten, wo genau das erlaubt was, was eigentlich „Spaß“ macht. Kurz gesagt: im Red State ist alles untersagt, was die Halbstarken anspricht. Da kommt die Internetanzeige von einer Frau, die sich bereit für billigen Sex erklärt, äußerst gelegen. Doch alles kommt anders, denn nachdem sie fast einen Unfall gebaut haben, stehen sie vor der besagten schnellen Nummer, die sich als ältere Dame rausstellt und den Jungs etwas ins Trinken gemischt hat. Als sie wieder aufwachen, befinden sich schon in der Five Point Church und in einer der Predigten von Albin Cooper, der seine Familie antreibt und anhetzt. Schwule sind das pure Böse und das Töten ist erlaubt, weil die Schwulen schließlich keine Mitmenschen sind, sondern Abschaum und wertloser Müll, genau wie die drei Jugendlichen, die sich eine Frau teilen wollten. Als es ihnen gerade an den Kragen gehen sollte, trifft ein Deputy ein, hört die Schüsse und das Chaos bricht langsam aus. So richtig geht es allerdings erst los, als ATF-Agent Keenan mit seinen Männern zur Kirche fährt und die Lage kontrollieren soll, aber alles erneut aus den Rudern gerät. Damit das nicht an die Öffentlichkeit gelangt, kommt der neue Auftrag aus der obersten Etage, dass hier alles dem Erdboden gleichgemacht werden soll und der Sekte, ob Frauen oder Kinder, die Lichter ausgeblasen. Ein bleihaltiges Blutbad wird angezettelt, mit einem etwas anderen Ausgang als erwartet.

„Wer ist Gottes größter Feind auf Erden?“ – „Satan.“ – Satan, jawohl. Und wer ist Satans Werkzeug auf Erden?“ – „Homosexuelle.“

Eine fundamentalistische Sekte löst ein Feuergefecht der Extraklasse aus und es wird auf alles geballert, was sich bewegt. Klingt billig und primitv? Eigentlich schon, wie Kevin Smith das jedoch aufzieht, ist ganz große Klasse. Von einer plumpen Teenie-Klamotte fallen wir in eine radikal brutale Gemeinde und direkt weiter ins krachende Blutbad. ‚Red State‘ dreht sich um die realitätsfernen Ansichten der Five Point Church, den verachtenden Richtlinien und dem blinden Hass auf alles, was sich nicht mit eigenen Weg anpassen will. Und dieser Hass ist so gewaltig, dass er keine Grenzen kennt, genau wie Kevin Smith, der mit seiner Inszenierung ebenfalls keine Gefangenen macht. Überraschung folgt auf Überraschung, Sprung auf Sprung und wer hier denkt, Kevin Smith würde sich zu einer Sekunde in bekannten Genrevorlagen wälzen, der täuscht sich nicht nur einmal. ‚Red State‘ ist zynisch, pechschwarz, feindselig und so extrem konsequent, dass es einem manchmal die Sprache verschlägt. Dazu noch eine dynamische genial-verkehrte Predigt, eine Menge Blut, unzählige Patronenhülsen und ein geniales Ende. Kevin Smith hat es einfach drauf, selbst wenn es sich nicht um Nerds dreht.

Fazit: Auch wenn ‚Red State‘ mit seinen knapp 75 Minuten zu knapp geworden ist, macht er nicht nur höllisch Spaß, sondern hat auch über den Unterhaltungsaspekt noch einiges zu bieten. Tolle Dialoge, starke Schauspieler, Wendungen, Unvorhersehbarkeit und viel dreckige Konsequenz. Schade, dass Smith bald aufhören will, denn hier hat er mal wieder gezeigt, dass man noch so manche Perle von ihm erwarten hätte dürfen.

Bewertung: 7/10 Sternen