Regisseure im Fokus: Einsamkeit, Sehnsucht und Gesellschaftskritik – Drei Werke des Ulrich Seidl

Autor: Pascal Reis

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Unangenehm und unverstellt. Zwei flüchtige Adjektive, die sich hervorragend für eine saloppe Beschreibung der gesamten Œuvre von Ulrich Seidl eignen. Warum aber berühren die Outputs des antizipierten Österreichers den Betrachter in einem solch schmerzhaften Ausmaß? Warum schafft Seidl es immer wieder in leibeigener Perfektion, den Zuschauer in seinem charakteristischen Fasson bis an die Grenzen zu führen? Die Brandmarkung „schwierig“ ist in Bezug auf seine Werke natürlich von äußerst bequemer Beschaffenheit zu wählen, um aber bis zum tatsächlichen Kern vordringen zu können, benötigt der Zuschauer nicht nur willensstarkes Durchhaltevermögen, er benötigt auch die autorisierte Fähigkeit zur gesellschaftlichen Selbstreflexion, die sich eben auch direkt vor und hinter der eigenen Haustür zutragen muss.

Die Akzeptanz stellt da zu Anfang bereits eine enorme Problematik dar, bei der sich so mancher Rezipient der letzten Konsequenz Seidls bereits geschlagen geben könnte, denn der explizite Beobachter konfrontiert uns hier unweigerlich mit der gegenwärtigen Realität. Mit reellen Tatsachen – egal um welche strukturelle Sozialschicht es sich letztlich handelt – die wir nicht wahrhaben wollen (Stichwort: Akzeptanz), uns ihr gegenüber vollends verschließen und der wir in keinem Fall Platz in unserem geordneten Mikrokosmos gewähren. Seidl lässt die wohlbehüteten Seifenblasen zerplatzen, verzichtet dabei aber auch gleichzeitig auf selbstgefällige Schuldzuweisungen. Es bleibt am Ende lediglich die Frage als Residuum, wer nun wirklich Schuld trägt an derartigen Umständen. Sind die betroffenen Personen wirklich IMMER für ihr trauriges Dasein verantwortlich, oder sind es doch die Menschen, die die Augen vor solchen Verhältnissen immerwährend verschließen und die Nasen angewidert rümpfen? Erneut muss die vorausgesetzte Selbstflexion einsetzen.

„Tierische Liebe“ (AT 1995)

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Mit »Tierische Liebe« ist das nicht anders und Seidl tritt natürlich keinesfalls abweichend seiner Prinzipien auf. Die Kamera heftet sich an Mensch und Tier, zeigt sich flexibel, kann im nächsten Moment aber bereits im Plattenbau erstarren. Im Fokus stehen die rassenüberschreitenden Beziehungen zwischen Tierhalter und dem Tier selbst. Individuen, die in ihrer sozialen Isolation nur noch Bezug zu ihrem Haustier haben, die jegliche Verluste an ihren Tieren kompensieren, ihre tiefen Sehnsüchte stillen wollen, den letzten Halt in den Vierbeinern suchen und in manchen Fällen auch durchaus finden. Das klingt an und für sich noch recht umgänglich und doch liebäugelt man als Zuschauer so manches Mal mit dem Abschalten, die voyeuristische Veranlagung ermöglicht ein solches Vorhaben allerdings zu keinem Zeitpunkt – Wir müssen zusehen, wir müssen die Bilder in uns aufsaugen, egal wie tief Seidl seinen Protagonisten noch in das vernarbte Seelenleben folgen wird.

Zwar – und das ist keine Abmilderung des allgemeinen Härtegrades von »Tierische Liebe« – geht Seidl nicht den Schritt „zu weit“ und zeigt uns die unterschwellig gestörte Sexualpräferenz im Sinne der Sodomie/Zoophilie, ein Kraftakt sind diese gut 105 Minuten aber in jedem Fall. Eine filmische Grenzerfahrung, voll von intimer Tristesse, kontemplativer Armut und mit einem beachtlichen Maß an Nachwirkung bestückt. Was man Seidl hochanrechnen muss ist, dass er die Menschen vor der Kamera – die nun einmal tiefe Blicke in ihre Privatleben gewähren – nie in ein abwertendes Licht rückt und sie als Sozialkrüppel oder gänzlich abstoßende Versager figuriert, dafür nimmt der Filmemacher nicht nur diese Persönlichkeiten viel zu ernst, sondern auch seine Arbeit. Schön ist das sicher nicht, schön will und kann es aber auch gar nicht sein. Dafür ist es aber wieder einmal unbehaglich ehrlich bis zur Abblende und ohne Umschweife mitten ins Gesicht des Betrachters. Einmal und nie wieder.

»Noch nie habe ich im Kino so geradewegs in die Hölle geschaut.«
Werner Herzog über »Tierische Liebe«

„Import/Export“ (AT 2007)

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Der Mensch als umherschweifendes Fabrikat seiner desolaten Umwelt. Von der Ukraine nach Österreich und umgekehrt. Import/Export. Der Osten sucht sein Glück im Westen, der Westen will im Osten Fuß fassen. Die beiden Länder lassen sich bei der genaueren Betrachtung ihrer gesellschaftlichen Sachverhalte im Endeffekt nur noch durch ihre geografischen Aspekte differenzieren, die Problematik trifft in beiden Sozialstrukturen auf den gleichen Kern. Ulrich Seidls Reflexion der universellen Causa in den verdeckten Ecken des neuralgischen Kollektivs ist geprägt durch seine dokumentarische Fiktion, die den Zuschauer in ihrer inszenatorischen Authentizität nach wenigen Minuten bereits vollständig einnimmt. Der Österreicher serviert uns keine wahnhaften Trugbilder, er projiziert schlichtweg die reziproke Realität und die drastische Faktizität mit globaler Ausgangsebene. Unverstellte Tatsachen, mit denen wir uns nicht beschäftigen wollen, zu denen wir keinen emotionalen Kontakt erlauben, die allerdings die gleichen Ängste und Sehnsüchte involvieren, die jeden Zuschauer betreffen. Hier gibt es Pessimismus und Hoffnung, wir dürfen lachen und den berühmten kalten Schauer erfahren. Am Ende wird deutlich, das Mikro- und Makrokosmos viel näher beieinanderliegen, als wir uns in Wahrheit erhoffen. Bequem ist das nicht, dafür aber durchgehend ehrlich und konkret.

„Paradies: Liebe“ (AT/DE/FR 2012)

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Ulrich Seidl legt erneut den Finger in die tiefen Wunden der kontemporären Sozialgeflechte. Im unmittelbaren Zentrum steht die 50-jährige Österreicherin Teresa, die sich aufgrund ihrer Körpermaße und ihres Alters von der Gesellschaft verstoßen fühlt, weil sie augenscheinlich nicht den vorgegebenen Attraktivitätsidealen entspricht, die ihre zielgerichtete Umgebung seit Jahren voreingenommen statuiert. In der Ferne sucht sie nach Akzeptanz und Zuneigung. Was sie jedoch bekommt sind zahlreiche Enttäuschungen und niederschmetternde Wahrheiten über das vermeidliche Paradies Kenia, in das sie all ihre Hoffnungen gelegt hat. »Paradies: Liebe« kredenzt Protagonistin Teresa ohne Einschränkungen, egal ob wir sie dabei im Milieu des Sextourismus oder ihre Einsamkeit im Hotel als gestrandete Seele erleben. Seidls (Pseudo)Doku ist ein Werk voller Traurigkeit, in dem die Bezeichnung „Paradies“ genauso unerreichbar bleibt wie reine, bedingungslose Liebe. Das hat nicht nur die entlarvende Reaktion, dass der Betrachter sich als Voyeur immer deutlicher selbstertappt und nicht selten vor (Fremd)Scham die Augen vor der Wahrheit verschließen will, es ist auch die radikale Konsequenz, die trotz ihrer Unmittelbarkeit, die Hauptfigur mit viel Ruhe ausleuchtet und dem Zuschauer den Spiegel entgegenhält. Ein schmerzhafter Urlaubstrip ins sonnige Afrika.

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