Regisseure im Fokus: Fiese Blutsauger, eine philosophierende Bombe und die fiktive Realität – Vier Werke des John Carpenter

Autor: Pascal Reis

„Dark Star“ (USA 1973)

null

Die ersten Gehversuche von John Carpenter in der Filmlandschaft lassen sich als durchaus gestandene Schritte betrachten, die gerade durch ihr augenzwinkerndes Auftreten unzählige Debütwerke problemlos in den Schatten stellt. Dabei lässt sich „Dark Star“ in der Genre-Ecke wiederfinden, die neben der unterschwelligen Bedrohung, den Vexierspielen der menschlichen Urängste, dem atmosphärischen Horror, das größte Faszinosum Carpenters darstellte: Die grenzenlose Welt der Science-Fiction, in die Carpenter in den folgenden Jahren mit „Das Ding aus einer anderen Welt“, „Starman“ und in gewisser Weise auch in „Sie leben!“ noch einige Male zurückkehren sollte. Was „Dark Star“ nun aber in erster Linie von der qualitativen Größe unterscheidet – die per se natürlich auch wieder durch die Subjektivität des freistehenden Betrachters definiert wird – ist das äußerst niedrige Budget von ridikülen 60.000 Dollar, gerade wenn man diesen läppischen Betrag mit den heutigen Großproduktion kollationiert.

Man sieht „Dark Star“ in diesem Zusammenhang natürlich seine geringen Produktionskosten an, das soll aber kein suboptimaler Kritikpunkt sein, sondern verleiht Carpenters Inszenierung diesen liebeswert-trashigen Charme, der dem Zuschauer in seiner dekolletierten Darstellung zusätzliches Vergnügen bereitet. Seinen ironischen Humor zieht „Dark Star“ aber gerade aus dem Verhalten der fünfköpfigen Astronautencrew des Raumschiffes und den illusorischen Situationen, in denen sie sich immer wiederfinden. Vor allem der ausschweifende Philosophie-Exkurs mit der Bombe Nummer 20, die ihre Existenz hinterfragt und vorerst über den wahren Sinn ihres Daseins sinnieren muss, bevor sie – womöglich – ihrem eigentlichen Zweck nachgeht und einen unsteten Planeten sprengt, um dem Ziel, nämlich dem Kolonialisieren der Sonnensysteme, nicht im Wege zu stehen.

„Dark Star“ ist ohne Frage eine überdeutliche Referenz und liebenswürdige Posse an/auf Stanley Kubricks Jahrhundertwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“, nur mit der drittklassigen Ästhetik, die dem Meisterwerk von 1968 natürlich nicht das Wasser reichen kann und so ein Vorhaben auch zu keiner Sekunde anstrebte. Es ist der sympathische Seitenhieb auf Kubricks humane Evolutions-Operette, die die Apathie und die Anspannung innerhalb der Gruppe hier zum Ausdruck bringt. Letzten Endes ist „Dark Star“ zwar keiner von Carpenters wirklich ganz großen Filmen, was daran liegt, dass Carpenter genaugenommen nicht wirklich etwas zu erzählen hat und seiner unwesentlichen Marginalität erliegt, aber mehr als sehenswert ist „Dark Star“ in jedem Fall. Wer kann schon einem solch drolligen Wasserball-Alien und dem poetischen Schlussakkord widerstehen? „What a beautiful way to die – as a falling star.”

„Die Fürsten der Dunkelheit“ (USA 1987)

null

Eine Sache kann man von „Die Fürsten der Dunkelheit“ spielend postulieren: John Carpenters charakteristische Handschrift ist durchgehend verifizierbar, im Gegensatz zu den betrüblichen Nachfolgewerken, mit denen Carpenter seinen renommierten Ruf bemitleidenswert demontierte. „Die Fürsten der Dunklheit“ hält das Carpenter-Feeling ab der ersten Sekunde inne, die Handlung ist vollkommener Unfug, allerdings mit den interessanten Grundprämissen ausgestattet, die den Zuschauer nicht an die unübersehbare Tatsache ketten – eben DAS die Story Schwachsinn ist – sondern ihn in das Geschehen einbindet, wenn auch vorerst mit einem gemächlichen Tempo, das die Balance aus mysteriösen Fragen und übernatürlichen Folgen merklich ins Schwanken bringt.

Die Basis von „Die Fürsten der Dunkelheit“ beschränkt sich darauf, dass es Dinge gibt, die wir nie erklären können. Es ist bewiesen, dass es nicht auf alles einen Beweis gibt. Materie ist fühlbare Substanz, die Natur ist der Indikator für Stabilität, die Zeit verläuft in eine klare Richtung und wir wissen, dass man Gefühle nicht berühren kann. Doch das Universum besitzt – wie in jedem Carpenter – eine ganz eigene Ordnung. Die Theologie spielt eine Rolle, Carpenter enthüllt die katholische Kirche samt gläubige Anhänger als Verkäufer von Lügen, die die religiösen Grundsätze aufgrund banaler Simplizität verdreht haben und nun die Rechnung vor den Latz geknallt bekommen. Mit treffender, aber gerne auch steifer Symbolik erzeugt Carpenter eine durchaus schaurige Atmosphäre, die auch von der zuweilen unfreiwilligen Komik und den schwachen Charakteren nicht zerstört wird. Am Ende – die letzte Minute ist übrigens der Höhepunkt des gesamten Filmes – stellt sich wieder die Frage nach Realität und Traum. Antworten gibt es nicht, aber der Abspann setzt dafür genau im richtigen Moment ein.

„Die Mächte des Wahnsinns“ (USA 1995)

null

Begeben wir uns noch einmal zurück in das bedeutungsvolle Jahr 1995 und blicken ein letztes Mal ehrfürchtig in das noch erstrahlende Gesicht von John Carpenter. Warum bedeutungsvoll? Weil John Carpenter genau in diesem Jahr seinen letzten wirklich richtigen guten Film auf die Welt losgelassen hat: „Die Mächte des Wahnsinns“. Danach folgte der allseits bekannte Abwärtstrend, der mit belanglosem Einerlei („John Carpenters Vampire“) und bitteren Bauchklatschern („John Carpenters The Ward“) resolut seinem bedauerlichen Niedergang entgegensteuerte. Immerhin verzichtete der einstige Altmeister auf einen alternierenden Zusammenbruch und konnte in seinem pragmatischen Zerfall die Hoffnungen durchgehend angemessen niedrig halten. Als Entschuldigung kann das jedoch nicht gelten, denn eine Enttäuschung ist eine Enttäuschung und Carpenters goldene Zeiten sind allem Anschein nach ein Teil der staubigen Vergangenheit.

Aber zurück zum eigentlichen Thema, schließlich soll es hier nicht um eine wehleidige Rückbesinnung an die Sternstunden Carpenters gehen, sondern um „Die Mächte des Wahnsinns“ und die letzte große Lobhudelei, die sich der New York Schnauzbartträger noch einmal redlich verdient hat. Ein transitorisches Überfliegen des Handlungsgerüstes von „Die Mächte des Wahnsinns“ lässt die Grundthematik schon erahnen und wer sich hier an den Cthulhu-Mythos erinnert fühlt, der liegt mit seiner intuitiven Vermutung gar nicht falsch. Im Mittelpunkt des Filmes steht der Versicherungsdetektiv John Trent, der den Arbeitsauftrag bekommt, den unauffindbaren Horror-Autoren Sutter Cane zu suchen und den neuen Roman, den Sutter Cane noch keinem seiner Verleger gezeigt hat, endlich in die Ladenregale zu bringen und die Kassen damit klingeln zu lassen. Trent spekuliert auf einen medialen Komplott und beginnt mit seinen Ermittlungen, die ihn schließlich nach Hobb’s End verleiten. Ein Ort, der auf keiner Landkarte festgehalten ist. Trents Martyrium beginnt…

John Carpenters inszenatorische Umsetzung der Drehbuchvorlage von Michael De Luca lässt sich wie eine aparte Symbiose aus spezifischen Versatzstücken von H.P. Lovecraft und Steven King verstehen. Dabei übernimmt Carpenter nicht nur unverkennbare Stilmittel der beiden Literaten, er lässt „Die Mächte des Wahnsinns“ auch zu einer Huldigung der Schriftsteller werden, reflektiert durch die reelle Figur des Sutter Cane (infernalisch: Jürgen Prochnow). Und Sutter Cane ist Dreh- und Angelpunkt in Carpenters aufkeimenden Kabinett des Schreckens, in dem sich der rational denkende und augenscheinlich souverän wirkende John Trent (Selten besser: Sam Neill) bald verlieren wird. Carpenter arbeitet – wie gewohnt – mit seiner vortrefflich Symbolik, die den bevorstehenden Absolutismus prophezeit und Trent in den Klauen des tendenziösen Psychogramms versacken lässt.

Die Frage, die sich immer extremer in den Kopf des Zuschauers hämmert, ist die essenzielle Frage nach der Wahrheit. John Trent reist in ein unbekanntes Kaff, um den verschwundenen Cane ausfindig zu machen. Dabei wird die berufliche Suche zur subjektiven Tour-de-Force. Aber wie viel Realität und wie viel Fiktion stecken nun wirklich in den Fotografien? Ist Trent in Wahrheit selber ein Teil von Sutter Canes Romanen, ist er eine erfundene Figur, die ein Eigenleben entwickelt hat und nun in einer Welt bestehen muss, die ihrem eigenen Wahnsinn verfallen ist? Ist es nur ein Alptraum, aus dem Trent krampfhaft erwachen will, aber mit jeder erhofften Fluchtmöglichkeit nur extremer seinem persönlichen Wahn nachgeben muss? Carpenters Antwort darauf ist von apokalyptischer Natur. Die Wirklichkeit und die Projektionen aus den dunkelsten Kammern in den hintersten Gedankengängen distinguieren sich nicht mehr. Es ist der Untergang allen Seins, ein auswegloser Rausch mit doppeltem Boden, gefangen im Treibsand der psychischen Tortur, den John Carpenter hier entflammt. Und wer nun denkt, Carpenter würde auf seine Gesellschaftskritik verzichten, der täuscht sich. Es gibt kein Zurück, es zählt nur das erste und letzte geschriebene Wort. Alles andere ist von nun an bedeutungslos. Schöne neue Welt.

„John Carpenters Vampire“ (USA 1998)

null

„John Carpenters Vampire“ steht repräsentativ für den Anfang vom Ende der Regielegende, für den bitteren Absturz in die bodenlose Trivialität des einstigen Master of Horror. Dabei ist auch Carpenters persönliche Blutsauge-Interpretation nicht das Gelbe vom Ei, viel zu sehr setzt der Regisseur auf Effekthascherei und bietet dem Zuschauer, vor allem dem, der kein Fan seiner Person ist, genügend Angriffsfläche, um seinen Vampir-Streifen in der Luft zu zerfetzen. Da könnte man von Misogynie sprechen und die prollige Vampirjägertruppe verdammen, die in ihrer reißerischen Coolness viel zu aufgesetzt wirkt und weitere Charakterfacette durchgehend verdrängt. Harte Männer mit rotzigen Sprüchen, die zwar irgendwo doch amüsant sind, aber nie den Ertrag bringen, um „John Carpenters Vampire“ im Hinblick auf die Figuren interessant zu machen. Wenn man den alten Spießer für seine großartigen Klassiker aber in sein Herz geschlossen hat, dann kann man sich durchaus auf die herrliche blöde Mixtur aus Action-Klopper, Horror-Splatter und staubigen Neo-Western einlassen. Der Kirche wird mal wieder die Schuld in die Schuhe geschoben, das hat Carpenter ja schon immer gerne macht, und James Woods darf sich mit seinem überzogenen Zynismus und flotter Sonnenbrille durch die Klischees metzeln. Das ist alles nichts Besonderes, aber eben auch keine Katastrophe, ganz im Gegenteil zum heutigen Carpenter, bei dem am Ende nur die Ideenarmut und Langeweile auf der Habenseite steht.

null